Ich war nicht auf die Idee gekommen, dass man den ‚kleinen Tod‘, ‚le petite mort‘, auch mehrfach hintereinander haben konnte! Danach konnte ich endlich erschöpft aber glücklich in einen unruhigen Schlaf versinken.
Noch Monate danach dachte ich an die Begegnung zurück und obwohl ich durchaus attraktiv war und mich vor Bewerbern nicht retten konnte, hatte ich es überhaupt nicht eilig, einen von den Stelzböcken zu erhören. Glaubte ich, er käme wieder? Nein, das konnte nicht mal ich Naivchen annehmen, aber ich haderte mit mir, ob ich ihm schreiben sollte, so richtig einen Brief, mit der Post, denn anders wusste ich ihn nicht zu erreichen. Ich habe es natürlich nicht getan, aber noch lange in irgendwelchen Fantasien geschwelgt.
Und dann kam dieser Tag der alles wieder hochwühlte. Es war Ende Januar 2002. Inzwischen war ich fast 21 und hatte auch dem Werben eines jungen Mannes nachgegeben. Seit ein paar Wochen war ich mit Georg, dem Sohn des örtlichen Tischlers, verlobt.
Natürlich holte ich mir die neueste Scheibe von den Hosen. Es war das Album ‚Auswärtsspiel‘. Bei Track 9 verlor ich die Fassung, dem „Mädchen aus Rottweil“! Er hatte unsere Begegnung zu einem Lied verarbeitet!
Zweifel nagten an mir.
Plötzlich war ich wieder das noch fast pubertierende Mädchen. Hätte ich ihm damals doch schreiben sollen? Hätte ich – ganz egal, mit ihm oder ohne ihn – nicht doch lieber woanders leben, der drangvoll dörflich spießigen Enge von Rottweil entfliehen müssen?
Georg sagte ich jedenfalls ab an diesem trüben Januarabend, per SMS. Ich sei krank, schrieb ich ihm.
Dann hörte ich den Song, ein um das andere Mal.
„Sie war die Frau auf die ich mein Leben lang
Immer gewartet hab
Doch wir sind nie zurückgefahren
In diese schöne Stadt“
Sollte ich jetzt? … Ach quatsch, sind doch alles Fantasien. Ist Georg der richtige, willst du dieses Leben in Rottweil? Ich verdrängte diese Gedanken und versank im Damals unserer mehr als flüchtigen Begegnung und mit meinen Fingern wie damals und viele Male danach in meiner Scham ...
Es dauerte wieder Wochen, bis ich mich vollständig fing und eine klare Entscheidung für Rottweil traf, für Rottweil und für Georg. Inzwischen sind wir 19 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder zusammen. Aber der Song wirft mich immer noch leicht aus der Bahn.
„Manchmal frage ich mich, wie sie wohl heute lebt
Und ob sie glücklich ist - hat sie einen Mann?
Draußen bellte irgendwo ein Hund an diesem heißen Tag
Und wir sind nie zurückgekommen in diese schöne Stadt“
„Liebes, kommst du ...? Jetzt ist er in sich zusammengefallen!“
Georg und sein Pragmatismus! Aber ich verstand, warum er ungeduldig wurde.
Ich spülte und sagte „Ich komme … Schatz!“
Zu Linkin Parks „Lost“ betrat ich das Schlafzimmer. Gefasst, widmete ich mich der vor mir liegenden Aufgabe. „Na, den werden wir schon wieder in Form bringen, ich weiß da was …“
In der Nachbarbarschaft bellte ein Hund.
Sanne
Frau Krüger – und drei weitere fröhliche Rein-Raus-Geschichten
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Sanne
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