Schatten der Entscheidung

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Schatten der Entscheidung

Schatten der Entscheidung

Miriam Reiber

Unter der Wasseroberfläche berührten sich ihre Körper und pressten sich fest aneinander. Sie glaubte jeden seiner Muskeln zu spüren und schlang ihre Beine um seine Hüften, damit sie ihm noch näher sein konnte.

Pierre ließ derweil seine Hände über ihren Rücken gleiten. So lange hatte er sich nach diesem Moment gesehnt, und jetzt, wo es endlich soweit war, musste er sich sehr zusammenreißen um nicht gleich über sie herzufallen. Ihre Haut fühlte sich so gut an und er hatte den süßlichen Geruch ihres Parfums in der Nase. Es war derselbe Geruch wie damals und seine Lippen wanderten über ihren Hals. Der Geschmack ihrer Haut vermischte sich mit dem des Wassers und er fühlte sich ihr näher, als er je einer Frau gewesen war. Die Beine, die ihn umschlangen, nahmen ihn fest in den Griff und er wünschte sich plötzlich, für immer zwischen ihnen gefangen zu sein.

Katja genoss die Lippen auf ihrer Haut. Alles um sie herum verschwamm und sie nahm nicht wahr, wie sich der kleine Grillplatz nach und nach leerte. Die Zärtlichkeit, die er ihr gab, war unbeschreiblich. Sie ließ sich fallen, in ein Meer aus Gefühlen und Empfindungen und gab sich ihm ganz und gar hin. Pierres Hände schoben die Träger ihres Badeanzugs herunter und als ihre Brüste das Wasser berührten, stöhnte sie schon auf. Ganz langsam ging Pierre wieder auf das Ufer zu und legte Katja ins seichte Wasser einer kleinen Böschung. Der Blick, der über ihren Körper glitt sprühte vor Zärtlichkeit und Verlangen. Seine Augen verwandelten sich in eine Zunge, die jede noch so verborgene Stelle ihres Körpers liebkoste.

Gegenseitig erkundeten sie sich mit den Händen und verliehen ihrer Liebe Ausdruck. Sie ließen sich viel Zeit, wollten nichts überstürzen und machten die Nacht zu einer Ewigkeit aus Gefühlen. Es dämmerte bereits, als sie endlich ineinander versanken und mit den ersten Sonnenstrahlen dem Gipfel entgegenströmten. Erst als sie vollkommen erschöpft übereinander zusammenfielen, bemerkten sie, wie kalt das Wasser inzwischen geworden war. Schnell gingen sie heraus wickelten sich in eine Decke und betrachten schweigend aneinandergekuschelt den Sonnenaufgang. Sie brauchten nichts sagen, denn beide wussten, dass diese Nacht der Beginn einer gemeinsamen Zukunft war. Eine Zukunft, in der sie füreinander bestimmt waren.

Aber leider gingen Katja und Pierre auch zukünftig ihre eigenen Wege. Der Moment, indem sich Katja entscheiden musste, ob sie mit ihrem Bruder ging oder bei Pierre blieb, verlief anders, als in ihren Vorstellungen. Aus Angst vor ihren eigenen Gefühlen ging sie mit ihrem Bruder. Nie wird sie Pierres Blick vergessen, seine Augen, die sie überrascht und unendlich traurig anschauten. Noch heute, einige Jahre später, sieht Katja diese Augen vor sich. Inzwischen ist sie verheiratet, doch Pierre ist noch immer bei ihr. Immer wieder stellt sie sich die Frage, ob ihre Fantasie von der Nacht wahr geworden wäre, doch sie wird wohl nie eine Antwort darauf bekommen. Der Schatten der Vergangenheit begleitet sie jeden Tag und jede Nacht. Und immer dann, wenn „Crying“ im Radio läuft, wünscht sie sich, ihre Entscheidung wäre anders ausgefallen.

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