.. Tragt ihn in mein Büro. Ich kümmere mich gleich um ihn." Die Stimme wandte sich wieder Leonardo zu und ein fettiges "Was kann ich für Sie tun?" drang schmatzend an sein Ohr. "Nichts!" antwortete dieser und legte auf. Leonardo ordnete eine strenge Razzia durch alle Jacken- und Hosentaschen, durch alle Schränke, Schubladen, Schachteln und Ritzen an. Irgendwo mußte noch Geld sein. Er fand aufgrund dieser gründlichen Hausdurchsuchung:
1. einen notdürftig reparierten Fahradschlauch seines Rennrades wieder, welches ihm leider vor kurzem gestohlen worden war;
2. entdeckte er das Grabmal der unbekannten Geliebten in einer alten Keksdose. In der blechernen Herberge lagerte ein dutzend Leichen ein. Zwölf mumifizierte Abschiedsbriefe gewisser Gott-weiß-wer-sie-alle-waren und in dem kürzesten Brief legte ihm eine auf vier engbeschriebenen Schreibmaschinenseiten logisch dar, warum sie ihn haßt, warum er sich haßt, warum sie miteinander fertig waren und warum sie nichts mehr von ihm wollte, warum er sich nicht meldet und daß sie von ihm eine Antwort erwartete;
3. meldete sich eine lange und schmerzlich vermißte nagelneue Unterhose zurück,
Und 4. stöberte er das Werksverzeichnis all seiner Kompositionen auf. Korrekterweise muß erwähnt werden, daß sein Oeuvre nur aus dieser Liste bestand, denn die Kompositionen warteten noch darauf, von ihm niedergeschrieben zu werden. Der letzte Eintrag in seinem Werksverzeichnis war ein Vierteljahr alt und lautete in gewissenhaft notierten Druckbuchstaben "Rhapsodie in grünem Moll".
Leonardos Fingerspitzen ertasteten einen Zettel, der mit einer Büroklammer an sein Verzeichnis geheftet war und dessen Existenz sein Kopf vergeblich zu leugnen suchte. Es war eine Quittung. Nein, weniger eine Quittung, mehr eine Vereinbarung. Ein Vertrag. Ein Vertrag mit seiner Mafiosität, dem Paten, über die "Rhapsodie in grünem Moll". Verbunden mit einem Vorschuß, den Leonardo verlangt hatte.
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