Das, was Leonardo in dieser Stadt zu einem unverwechselbaren Menschen machte, waren nicht seine mystischen Gesichtszüge, die in den Cafés seines Viertels, wenn er den Raum betrat, bei den lässig hinter einem Glas Soave verschanzten Frauen jene Unruhe auslöste, wie sie ein Matrose erlebt, der, im Mastkorb stehend, das allzu sanfte Spiel der Wellen beobachtet.
Auch war es nicht der dunkle Blick, mit dem er sich dann zu einer dieser Frauen setzte, um sich als Komponist vorzustellen. Trainiert, bewährt und leicht baßhaft, bis sich bei jener Frau die tausend kleinen Härchen in eine melodiöse Schwingung versetzten. Und schon gar nicht die Routine, mit der er sie am nächsten Morgen nach einem "War schön, aber wir sehen uns nie wieder" -Kaffee nach Hause schickte, sondern seine Faulheit, die er mit einer bemerkenswerten Konsequenz lebte. So übte er zum Beispiel schon lange nicht mehr auf dem Bechstein, den ihm seine Mutter kurz vor ihrem Tode schenkte, als er ihr versicherte hatte, ein großer Pianist zu werden, und es verstaubte nur nicht, weil seine nächtlichen Liebschaften, wenn sie auf dem Rücken des Flügels wie eine aufgeklappte Partitur lagen, sich wunderbar von ihm durchswingen ließen. Nachmittags betrachtete er dann aus sicherer Entfernung von seinem Hochbett aus das gute Stück und träumte von umjubelten Konzerten vor einem ausschließlich weiblichen Publikum. An diesem Nachmittag jedoch schlich Leonardo stundenlang durch seine Wohnung. Die an Tbc erkrankte Palme neben dem Flügel verbeugte sich vor dem total zugekoksten Fenster, die Rußflecken waren nicht zu übersehen, und hustete stumm um mehr Licht.
Die benachbarte Standuhr, ein uraltes Erbstück und daher sehr gewissenhaft, sammelte mit ihren großen Zeigern die Sekunden auf, die Leonardo achtlos verwarf und verarbeitete sie in ihrem Räderwerk zu feinem Papier. Diese Blätter beschrieb eifrig ein kleiner Tintenfisch, der am unteren Pendelende festgesaugt hin und her schwang.
Das Schimmelpilz-Sex-Genie
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