Schmetterlingsbrosche

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Schmetterlingsbrosche

Schmetterlingsbrosche

Anita Isiris

Mit viel Liebe hatte er auf dem Fischmarkt in Santana Heringe und Sägefische ausgebreitet, und in Konfitüregläsern zuckten frische Makrelen, Hummer und Meermuscheln. Sorgfältig schirmte sie Nino mit einer weissen Plane von der Hitze ab, wohl wissend, wie rasch die frische Ware verdarb. Er hatte viele Stammkundinnen, vor allem Inselbewohnerinnen, die empfänglich waren für Ninos freundliche Augen und seine gut gemeinten Scherze. In mancher Frauenbrust schlug ein hungriges Herz, denn Liebe war zur Mangelware geworden. Nicht nur körperliche, sondern auch seelische Liebe. Mit dem Tourismus ging es abwärts, seit die portugiesische Regierung verordnet hatte, dass wegen eines neuen Virus Distanzen von bis zu drei Metern eingehalten werden mussten – auf einer kleinen Insel wie Madeira, mit wenigen Treffpunkten, eine Bestimmung, die im Laufe der Monate zu kompletter Vereinsamung führte. Wie denn sollten sich Männer und Frauen, Männer und Männer, Frauen und Frauen überhaupt noch näherkommen können, wenn sie sich nur noch über Distanz anschreien mussten? Eine derartige Kommunikationsform beschränkte sich aufs Wesentliche, grob und holzschnittartig im sprachlichen Ausdruck, grob und gefühllos in der akustischen Wahrnehmung.

Doch dann veränderte sich Ninos kleine Welt innerhalb zweier Herzschläge. Gemessenen Schrittes, aufmerksam und neugierig nach allen Seiten blickend, drängte sich eine junge Frau über den Markt, eine Frau, die ihresgleichen suchte. Ihr auffallend langes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und sie trug ein mattgraues, körperbetontes Kleid, dessen Brustpartie mit zierlichen Bordüren bestickt war. Sie trug eine schwarze, modisch geschnittene Hose und Schuhe mit Bleistiftabsätzen, die Ninos Blut in Wallung geraten liessen. Wie gelähmt sortierte er eine Handvoll Makrelen, so, als stünde er unter Hypnose, was ja ein Stück weit den Tatsachen entsprach. Welch ein Wesen eines fernen Planeten, welch eine aufregende Erscheinung. Eine kühle Touristin aus dem Norden, die Nino erwartungsgemäss keine Beachtung schenkte. Sie ging ihres Wegs, und Nino konnte nur erahnen, welch wundervoller Körper sich unter dem mattgrauen Kleid verbarg. Wenn er doch nur… sie trug, wie so viele Nordfrauen, eine Halskette mit einem kleinen Schmetterling. Wenn er doch nur dieser Halskette habhaft werden könnte. Mit Unschuldsblick würde er sie ihr überreichen, als vermeintlicher Finder, irgendwo, am Rande des Markts, und das war wohl seine einzige Möglichkeit, mit der Schönen für Sekundenbruchteile in Kontakt zu kommen.

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