Schmetterlingsbrosche

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Schmetterlingsbrosche

Schmetterlingsbrosche

Anita Isiris

Die Halskette, die er jetzt im Visier hatte, würde er allerdings nicht zurückgeben. Sie sollte bei ihm bleiben und ihn für alle Zeiten an die geheimnisvolle Nordschönheit erinnern, die jetzt genussvoll einen Espresso schlürfte. Nino wusste, dass er nicht lange Zeit hatte. Sollte er Pech haben, kreuzte sein Vater auf dem Fischmarkt auf, und die Hölle würde los sein. Die Touristenströme glitten achtlos an ihm vorbei, und Nino schlich sich von hinten an seine Begehrte heran. Er hielt sich in sicherem Abstand und wartete darauf, dass die Frau im mattgrauen Kleid die Rechnung begleichen würde. Kaum griff sie zu ihrer Handtasche, war sie für ein paar Sekundenbruchteile abgelenkt. Das war es gewesen, was seinen Bruder Quirino so erfolgreich gemacht hatte. Die Kunst der Ablenkung! Man musste als Taschendieb einfach schnell genug sein und die Sekundenbruchteile nutzen. So tat es auch Nino. Er hatte scharfe Augen und sich den Ösenverschluss der Schmetterlingshalskette genau eingeprägt. Als die Nordfrau ihr Kleid zurechtrückte, war Ninos Moment gekommen. Er tat, als würde er sich in die Cafeteria begeben, streifte die Schultern der Frau, die dem aber im bestehenden Gedränge nicht sonderlich Beachtung schenkte, und öffnete blitzschnell die Öse. Keine Sekunde später war er im Besitz der sicherlich wertvollen Kette mit der Schmetterlingsbrosche.
Nino würde wohl nie erfahren, wie die Nordschöne auf den Kettenverlust reagierte. Er duckte sich unter einer Umzäunung hindurch und verschwand in der Menschenmenge. Er begab sich in den sicheren Schutz eines nahegelegenen Hinterhofs und beschnupperte die Kette. Ihr Duft! Welch ein Elysium! Ninos Herz schlug bis zum Hals, und alles Blut wich aus seinem Kopf. Am liebsten hätte er an sich gearbeitet, um seiner Erregung freien Lauf zu lassen – aber da erinnerte er sich schon wieder an seinen Bruder, der ihn gewarnt hatte: «Selbstbefriedigung macht blind», hatte er in strengem Unterton zu ihm gesagt, als er sich vor dem Einschlafen einmal berührt und die Matratze zum Quietschen gebracht hatte. Seither hatte Nino nie mehr Hand an sich gelegt – zu schade wäre es um seinen scharfen Blick gewesen, der ihm auch half, Verfärbungen des Meerwassers zu erkennen und so reiche Fischgründe zu orten. Er schloss die Augen, lehnte sich gegen die kühle Hausmauer in seinem Rücken und träumte sich ins Reich der Nordfrau. Wo sie wohl wohnte? Santana war überschaubar, und Nino kannte nahezu alle Schankwirte und Hotelbesitzer. War sie bloss eine Tagesausflüglerin? War sie allein hier? Verheiratet? Lebte sie mit Mann und Kindern zusammen? Oder war sie allein nach Portugal gekommen, um ihren Liebesschmerz zu vergessen?

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