„Was suchst Du, mein Kind“? Ein älterer Mann mit weissem Haarkranz trat auf Schwanhild zu, so schnell, als sei er aus dem Nichts erschienen. Schwanhild fuhr zusammen, blickte sich um und sah, dass sie allein war.
Auf unerklärliche Weise weckte der Gottesmann im braunen Gewand mit dem beigen Schnurgürtel um den Leib ihr Vertrauen. „Ich…“, Schwanhild befeuchtete ihre trockene Kehle, indem sie etwas Speichel schluckte, „ich möchte beten und beichten“. „Beim Gebet kann ich Dich begleiten“, sagte der Mönch, „und die Beichte kann ich Dir ebenfalls abnehmen“.
Schwanhild hatte sich schon oft vorgestellt, wie es denn wäre, ihre Sünde in Worte zu fassen und sich endlich beherzt entschlossen, sich in der Hagia Sophia zu öffnen. Nun, da es so weit war, schnürte ihr ihre Verlegenheit den Hals zu.
„Komm, Kind“, ermutigte sie Randolph, der Mönch. „Im Korridor hinter dem Altar befinden sich die Beichtkammern“. Als wäre sie unter Hypnose und an unsichtbaren Fäden geführt, folgte Schwanhild dem Gottesmann. Vor jeder Beichtkammer aus prachtvoll gedrechseltem Holz stand ein mit Weihwasser gefülltes Steingefäss, so, wie Schwanhild es auch aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kannte. Das gierige Glitzern in den Augen des Mönchs entging ihr, als sie sehnsuchtsvoll an ihre Heimat dachte. „Gib mir eine Münze für den Opferstock“, sagte der Mann mit sonorer Stimme, „dann nimmt Gott Deine Sünden von Dir“.
Randolph komplimentierte Schwanhild in eine der Beichtkammern, die grösser war, als sie von aussen wirkte. „Erzähl, Kind“, forderte er sie auf und setzte sich ihr gegenüber. So kam es, dass Schwanhild ihr Innerstes preisgab. Sie erzählte vom Mond, von der seidenen Bettdecke, von ihrem weissen Nachthemd, das sie Nacht für Nacht bis über die Schenkel hochstreifte. Und sie weihte den Mönch in ihre Fingerspiele ein. „Du hast eine schwere Sünde begangen“, sagte er ernst. „Wenn Du nicht willst, dass im Fegefeuer Teufelskrallen nach Dir greifen, musst Du mir genau zeigen, wie Du es, Nacht für Nacht, mit Dir machst“.
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