Als er in den Bus einstieg, sah er, wie über den Gang eine junge Frau zur Seite rückte, als wolle sie ihm Platz machen. Er wollte stehen. Und doch machte ihn diese Bewegung, die er im Augenwinkel sah, neugierig. Es war eine junge Frau, vielleicht Mitte Zwanzig, mit schwarzen Locken und unglaublich dunklen, ausdrucksstarken Augen. Erstaunlicherweise erwiderte sie seinen Blick. Bevor es peinlich wurde, schaute er woanders hin. Doch zog es ihn zu diesen Augen. Ein Wechselspiel von Blicken begann: auf Abstand, mit einer zunehmend erotischen Intensität. Zumindest meinte er das. Denn in seinem Untergeschoss gab es Bewegung. Im Bauch kribbelte ein Gefühl, das er seit den berühmten ‚Schmetterlingen im Bauch‘ schon lange nicht mehr erlebt hatte. Die fünfzehn Minuten bis zur Endhaltestelle vergingen im Flug, erfüllt von diesem geheimnisvollen Blickwechsel. Als alle ausstiegen, ließ er ihr den Vortritt in der stillen Hoffnung, sie würde in die gleiche U-Bahn wie er umsteigen. Schade, sie nahm die andere. Er konnte aus der Ferne sehen, wie sie einstieg und sich mit dem Rücken zu ihm ans Fenster setzte. Dann fuhr sie ab. Er blieb zurück nach dieser unerwarteten Begegnung. Er versuchte, zu sortieren, was da geschehen war und in ihm vieles in Wallung gebracht hatte. Phantasien begannen sich anzukündigen: Wer war diese Unbekannte? Ihrem Aussehen nach war sie nicht von hier. Ob er ihr wiederbegegnen könnte? Sie kam schließlich mit dem Bus aus Richtung Uni. Vielleicht studierte sie dort und nähme öfter diese Linie. Aber was wollte er von ihr? Am Ende hatte sie heißblütige Brüder, die sie vor ihm zu schützen wüssten. Die unglaublich schwarzen Augen ließen ihn nicht los.
Tatsächlich: Einige Tage später zur gleichen Zeit, als er in Gedanken versunken in den Bus stieg, war sie wieder da. Als er sie durchs Fenster erspähte, begann sein Herz zu klopfen, seine Hände wurden feucht. Er stieg ein.
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