Schwester Ju

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Schwester Ju

Schwester Ju

Anita Isiris

Sie tut uns allen ein bisschen Leid, hat sie doch keine Ahnung von jungem Leben, keine Ahnung von Sonne, Erwartung, Freude. Es ist ja keineswegs so, dass wir alle sexbesessene Biester sind. Oft kehren wir müde vom Tag- oder Spätdienst ins Hochhaus zurück und wollen nur noch eines: Unser Bett, und zwar allein.

Ich hätte es wissen müssen. Hätte wissen müssen, dass Frau Fuhrer Patrouillen abhält – möglicherweise sogar im Auftrag der Oberin. Ihre Hand lastet schwer auf meiner Schulter. Was mich fast noch mehr schockiert als die Tatsache, dass sie mich in flagranti als Voyeurin erwischt hat: Die beiden Schwarzen machen ungerührt weiter. Der Nordafrikaner bumst Claudia, was das Zeug hält, und zwar jetzt abwechselnd in Anus und Scheide. Der Bronzemann ejakuliert in Claudias Haar. Dann steht er auf, schlendert zu seinem Kleiderhaufen in der hinteren linken Ecke des Zimmers und zieht sich an.

Frau Fuhrer verschlägt es die Sprache. Sie ist Respekt gewohnt und erträgt es nicht, dass der Kokosnussmann einfach weiterfickt.

„Claudia“, schreie ich meine Kollegin an. „Claudia, hör auf. Wir haben verloren. Wir haben verdammt verloren. Die schmeissen uns raus.“ „Aaaahh...“, stöhnt Claudia und windet sich unter dem Griff des Schwarzen. Er hält ihre Hüften fest und stösst lustvoll zu. „Nurses are best“, murmelt er.

In diesem Moment komme ich zur Besinnung. Ich fühle eine ungemeine Solidarität mit Frau Fuhrer in mir aufflammen. Wir Frauen. Wir sind Hüterinnen, Betreuerinnen, wir halten das Gefüge der Welt zusammen. Das Gefüge der Welt, selbst im Mikrokosmos des Schwesternhauses. An einem derartigen Skandal sind wir nicht interessiert. Wir stürzen uns gemeinsam auf den Kokosnussmann; Frau Fuhrer schlägt ihm ihre Fingernägel in den Rücken, so, als wäre sie ein Adler. Ich kralle mich an seinen Pobacken fest und es gelingt mir, ihn aus Claudia heraus zu ziehen. „Bastard!“, schreie ich ihn an. „Bastard!“ Der Bronzemann drängelt sich an uns vorbei und sucht das Weite.

Der genaue Grund, warum die Polizei in den frühen Morgenstunden einen zusammengekrümmten, leblosen Körper am Fuss des Schwesternhauses entdeckt, kommt nie an den Tag. Auch bei intensiven Befragungen stellt sich nicht klar heraus, aus welchem Fenster der Kokosnussmann gestürzt ist. Physikalische Gutachten ergeben, dass er aus dem siebten Stock gefallen sein muss. Die Zimmer von Claudia und mir befinden sich im 8. Stock. Wir schweigen wie ein Grab, und auch Frau Fuhrer hält dicht. Ihr Blick scheint uns aber nicht mehr ganz so grimmig. Ein Blitzen in ihren Augen und ein schmallippiges Lächeln dann und wann zeigen mir, dass wir uns im Grunde alle verstehen, wir Frauen.

Ende

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