„Hallo Svenja“.
„Hallo Ralf, wie geht’s?“
„Och soweit gut, aber ich bin ein bisschen unter Druck. Du weißt ja, ich bin in der Weiterbildung ‚Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe‘ und …“ Er zögerte. „Und, na ja, ich hab‘ doch so Prüfungsangst … und ... so wenig Praxis“.
„Kannst Du nicht ein bisschen mit deiner Freundin üben?“
Er sah mich verschreckt an.
„Oder... oder,“ jetzt kam ich ins Stottern, „mit Deiner Frau?“
Er wurde rot – ich auch! Ich und mein loses Mundwerk! Er hatte anscheinend weder noch. Hatte ich gar nicht in Erwägung gezogen. Er sah doch ganz passabel aus. Ich fing mich und gab mich wieder seriös.
„Ähm, sorry, für die Unterbrechung. Was wolltest Du sagen?“
„Tja, ähm, ... aber nicht sauer sein …“
„Nur zu“, ich ermunterte ihn zum Weiterreden.
„Also, ..also ich dachte, … Du, also, ich wollte fragen, ob Du mir nicht helfen könnest. Für 200 Euro vielleicht ... also das ich mal ein bisschen üben … also Untersuchungen, sonst nichts natürlich“.
Unsicher blickte er mich an.
Ich hatte längst gelernt in entscheidenden Momenten nicht zu vorschnell zu sein und spielte auf Zeit.
„Das ist jetzt unerwartet, … ja, ähm lass mich darüber nachdenken, ... ich sag‘s Dir zum Schichtende“. Damit nahm ich meine unterbrochene Tätigkeit, Tabletten stellen, wieder auf und überließ ihn sich selbst, worauf er sich bald trollte.
200,- Euro waren viel Geld für mich und, so what?‘ es waren doch nur Untersuchungen, aus streng medizinischen Gründen dazu. Wie oft hatte ich schon beim Pflaumendoktor die Beine breit gemacht und kein Geld dafür bekommen.
Andererseits, so ganz allein mit ihm? Jetzt war er mir doch ein bisschen unheimlich geworden! Der hatte nicht einmal eine Frau oder Freundin? Bevor ich jetzt noch auf irgendwelche Lustmörderphantasien kam, verscheuchte ich die Gedanken in dieser Richtung.
Stattdessen rief ich Lenka an, eine Mitstudentin aus meinem Semester, mit der ich mich ein bisschen angefreundet hatte. Lenka, hochgewachsen, süße 21, ein niedliches Grübchen auf dem Kinn, war aus Tschechien, sprach manchmal lustiges Deutsch und war meistens finanziell mindestens so klamm wie ich. Schnell erklärte ich ihr die Lage, behauptete aber, Ralf habe mir 100,- pro Person geboten. „Ist doch gut, 100,- Euro für liegen herum, dass wir machen!“ Lenka war einfach eine Frohnatur, ich hatte mir schon gedacht, dass auf sie Verlass ist.
„Wann Du hast gesagt, ist Termin?“
Ich erklärte ihr den genauen Ort und die Uhrzeit und legte zufrieden auf.
Ich zauderte. Sollten wir das wirklich machen …?
Sechste Geschichte … die, in welcher ich zur Lehrmeisterin wurde
Svenjas Tagebücher
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Sechste Geschichte … die, in welcher ich zur Lehrmeisterin wurde
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