Das letzte konvulsivische Zucken Deiner Beine und Deines Beckens ging nahtlos über in den rapiden, unaufhaltsamen Verfall Deines göttlichen Körpers.
Deine Haut wurde porös, alle Farbe wich aus Deinem Gesicht, Deine Augäpfel fielen ein, Dein Lächeln erstarb auf Deinen grau gewordenen Lippen. In Dir drinnen spürte ich statt geiler Feuchtigkeit nur noch pergamentene Trockenheit, als mein Entsetzensschrei die Dunkelheit zerriß und das fahle Licht des Mondes wie Speerspitzen in meine weitgeöffneten Pupillen drang.
Der nächste Morgen fand mich allein und halbnackt auf dem Rasen des Stadtparks, ein paar Meter vom Ufer des Lurchteichs entfernt. Ich mußte unruhig geschlafen haben, denn einige meiner Kleidungsstücke lagen wahllos verstreut außerhalb meiner Reichweite. Ich blinzelte, als ein einzelner Sonnenstrahl, in einem Tautropfen gebrochen, mein rechtes Auge blendete.
Direkt vor meinen Augen wuchs eine wunderschöne Blume wie im Zeitraffer aus dem Boden, entfaltete das tiefe Blau ihrer Blütenblätter, gekrönt von Tautropfen wie Diamanten und begrüßte das Licht der neuen Sonne.
Ob ich das alles nur geträumt oder wirklich erlebt habe, darin bin ich mir heute nicht mehr sicher.
War es ein Traum, so lohnt es sich, ihn wiederzufinden.
War es Wirklichkeit, so danke ich dem Gott, der mich vor dem Abgrund des Wahnsinns und der Verzweiflung bewahrt hat.
Sicher ist nur, daß mein Leben nie mehr so sein wird, wie es einmal war.
Ich sah sie nie wieder, doch ich werde mein ganzes Leben lang nach ihr suchen.
Wenn ich jetzt nach unten schaue, kommt es mir gar nicht einmal so hoch vor.
Auch das Schwindelgefühl bleibt aus, mit dem ich eigentlich gerechnet habe.
Es sind wohl knapp achtzig Meter bis zum Grund des Tales, über das sich die Brücke spannt, und ich weiß, daß ich nicht allzulange Zeit haben werde.
Unten glitzert der smaragdgrüne Fluß im Sonnenlicht, und ich verspüre keine Angst, sondern unendliche Erleichterung.
Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schließe die Augen.
Ich atme tief ein und spüre den Wind.
Ich kann sie flüstern hören: „Bist du in Ordnung?“
Sie sagt es ganz leise, aber ich verstehe sie trotzdem.
Ich breite meine Arme aus, und dieser eine Schritt ist gar nicht mal so schwer.
Während ich falle, kann ich es kaum abwarten, endlich wieder ihre Umarmung zu spüren.
SEELENBILD
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