Länger, als es nötig wäre. Vielleicht nur, um zu sehen, wem sie Einlass gewährt. Oder um zu erkennen, wer ich wirklich bin.
Ich mustere sie zurück. Etwa Mitte fünfzig, mit silbernen Strähnen, die sich wie feine Linien durchs dunkle, leicht gelockte Haar ziehen. Das schwarze Kleid, das sie trägt, ist schlicht, aber von jener Eleganz, die nichts beweisen muss. Ihre Figur – zeitlos. Ihre Präsenz – beinahe unwirklich. Als wäre sie selbst eine Figur aus einem Roman. Ihre Augen, dunkel und forschend, lächeln zuerst, ehe der Mund folgt. Und sie hält meinen Blick fest.
„Suchst du etwas Bestimmtes, Fräulein?“ Ihre Stimme ist leicht heiser, mit einem ganz leichten Akzent, der südlich klingt.
„Erotische Literatur“, sage ich, „vor 1950. Etwas … Subversives.“ Schon während ich spreche, spüre ich, wie mir die Hitze in die Wangen steigt. Mit 22 sollte man das können – über Sex reden, vor allem aber über erotische Bücher, ohne zu stammeln. Es war für mich immer leichter gewesen, Sex zu haben, als über ihn zu sprechen. Vielleicht ist das der eigentliche Grund für mein Thema: Ich will lernen, die Sprache des Körpers in Worte zu fassen.
Sie nickt, selbstverständlich, fast nachsichtig. „Komm mit.“
Sie führt mich durch die Gänge aus Holz und Staub, und jedes Mal, wenn sie sich bewegt, schwingt etwas in ihrer Haltung – Selbstsicherheit, Anmut. Ihre Hand legt sich kurz auf meinen Arm, wie beiläufig, und doch durchzuckt mich ein flüchtiger Strom.
„Ich denke, ich weiß, was du suchst.“ Ihre Stimme hat diesen leisen, sicheren Ton, der keinen Widerspruch duldet. „Etwas Besonderes.“
Sie bleibt stehen, zieht ein schmales Büchlein aus dem Regal, als hätte es auf mich gewartet. „Georges Bataille – Geschichte des Auges. Nicht für Anfänger.“ Sie reicht es mir, und ihre Finger verweilen auf meinen. Fein, bestimmt.
Seiten voller Geheimnisse
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