Seiten voller Geheimnisse

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Seiten voller Geheimnisse

Seiten voller Geheimnisse

Chloé d'Aubigné

„Aber du siehst nicht wie eine Anfängerin aus“, sagt sie noch, lächelnd. „Etwas schüchtern, ja. Etwas zu sehr auf den Mund gefallen vielleicht. Aber keine Anfängerin. Du kannst etwas aushalten.“
Ich schlage das Buch auf, lasse meine Augen über eine Seite gleiten, über eine Zeile, starre die Worte an. Was ich lese, sollte mich eigentlich befremden – doch ich spüre keine Scham, nur ein tiefes, körperliches Staunen. Es zieht mich hinein, lässt meinen Puls schneller schlagen, wärmt mich. Das ist es. Genau das, wonach ich gesucht habe.
„Genau das“, sage ich überraschend eifrig und bestimmt. „Haben Sie mehr davon?“
Sie lächelt, dieses schiefe, wissende Lächeln. „So, so … das Fräulein will also mehr.“ Ihr Blick bleibt auf mir ruhen. „Keine Sorge. Für die Richtigen habe ich immer mehr. Setz dich – ich finde etwas, das dich berühren wird. Und wenn du willst, lese ich dir eine meiner Lieblingsstellen daraus vor. Damit du weißt, was dich erwartet.“
Sie deutet auf einen abgewetzten, tiefen Sessel in der Ecke. Ich gehorche, vielleicht zu bereitwillig. Der Raum wirkt nun kleiner, dichter, aber auch noch wohliger. Sie sucht ein weiteres Buch, Anaïs Nin – Delta of Venus, und zieht für sich einen Hocker zu mir heran. Ihr Gesicht ist nun so nah, dass ich ihren Duft rieche – Lavendel, altes Papier, Vetiver. Ein warmer, dunkler Akkord, der mir vertraut vorkommt und mir ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.
„Hör zu“, murmelt sie und beginnt zu lesen. Ihre Stimme ist weich, aber bestimmt. Beim Klang ihrer Worte scheint sich die Realität zu verändern – sie liest die Worte nicht einfach nur, sondern erweckt sie zum Leben. Ihre Stimme ist präzise, fast zu langsam, aber das macht die Intensität aus. Die Worte, sie kommen alle so harmonisch aus ihrem Mund, dass ich für einen Moment vergesse, dass es eigentlich die Worte des Buchs sind.

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