Der Regen prasselt auf das Kopfsteinpflaster, als ich die schwere Holztür des Antiquariats aufdrücke – eine Tür, die sich nur mit Nachdruck öffnen lässt, als müsse man sich ihren Zugang verdienen. Im Herzen von Zürich, und doch verborgen in einer schmalen Seitengasse, liegt einer meiner liebsten Zufluchtsorte. Oder vielmehr ein Ort, an dem ich mich merkwürdig geborgen fühle – fast so, als wäre er ein stilles Paradies: das AltLeseGut.
Als Literaturstudentin brauche ich solche Orte im wortwörtlichen Sinn – wenn ich seltene Ausgaben suche, die ich mir neu nicht leisten kann, oder Bücher, die längst vergriffen sind, die ich aber besitzen will, nicht nur ausleihen. Doch manchmal brauche ich sie auch im anderen Sinn: seelisch. Der Geruch von altem Papier, das geordnete Chaos der Regale, der matte Glanz vergilbter Buchrücken – all das hat etwas Tröstliches, fast Intimes. Es ist ein Ort, der mich aufnimmt, mich still atmen lässt.
Heute aber suche ich nach etwas anderem. Nach einer Idee. Nein – nach einer Herausforderung. Ich will ein Thema für meine Seminararbeit finden, doch diesmal soll es mehr sein als das Übliche. Ich will etwas schreiben, das mich reizt – erotische Literatur. Oder zumindest Literatur, die das Erotische nicht scheut. Vielleicht etwas wie Anaïs Nin. Oder etwas Französisches, Ungezähmtes. Etwas, das direkt, aber authentisch ist.
Drinnen ist es dämmrig. Eine alte Lampe wirft warmes Licht über die Regale, und in der Luft tanzen Staubkörnchen wie goldene Partikel. Und da steht sie – die Besitzerin. Ich habe sie schon einmal gesehen, flüchtig. Meist ist ein hagerer älterer Mann hier, ihr Angestellter; mit ihm habe ich mich schon oft unterhalten. Sie dagegen blieb mir bisher auf Abstand – beschäftigt, unnahbar. Heute ist es anders. Sie sieht mich an, lange, prüfend.
Seiten voller Geheimnisse
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