Ob dieses Zucken und die darauffolgende warme Flutwelle, die sie erfasste, im Einklang mit dem christlichen Glauben standen, konnte Selina in diesem Moment nicht beurteilen. Sie war viel zu verwirrt und komplett durcheinander. Um Abbitte zu tun, las sie kurz darauf beim trüben 40-Watt-Nachttischlicht ein paar Bibelstellen, fühlte sich geläutert und schlief bald darauf friedlich ein.
Dann war da diese Klassenparty. Selinas Berufsschul-Kurs bestand ausschließlich aus Frauen, und es versteht sich von selbst, dass auch Frauen, die ihr Leben dem hehren Beruf der Krankenschwester widmen, ab und zu diese gewissen Bedürfnisse haben. Bedürfnisse nach einer Hand, die sie streichelt, ihnen liebevoll durchs Haar fährt und sie an der einen oder anderen Stelle kitzelt. Oder auch mehr. Viel mehr. Klar.
Selina wusste von Anfang an, dass ihre Eltern diese Party nicht billigen würden, die Party, die in der Villa von Lorenas begüterten Eltern stattfinden würde. Jede Menge Drinks hatte Lorena versprochen, zwei Privat-DJs, wovon der eine im Park vor der Villa auflegen würde, der andere im Keller drunten.
Und doch gelang Selina das Unmögliche. Noch während ihr Vater sich eines Abends, wie immer, hinter seiner Zeitung versteckte, sprach Selina das Thema an. Ein Studienaufenthalt zum Thema der palliativen Pflege erfordere eine Auswärtsübernachtung. Der Aufenthalt sei obligatorisch und integraler Bestandteil des Lehrplans.
„Dann geh eben“, knurrte der Vater, ohne hinter seiner Zeitung hervorzublicken.
„Gott sei mit dir“, schob Maria, die Mutter, mit sanfter Stimme nach.
Selina spürte zum ersten Mal in ihrem Leben den Geschmack von Freiheit in ihrer Seele und auf ihrer Zunge. Sie ließ das Thema sogleich wieder bleiben, um sich nicht in weitere Lügen rund um Studienaufenthalte zu verstricken.
Selinas Dilemma
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