„Es handelt sich um eine Störung der Libido, kommt öfter vor bei älter werdenden Männern. Sie sind immerhin schon Mitte fünfzig! Eine organische Ursache kann ich jedenfalls nicht erkennen. Probieren sie es mal mit diesen Tabletten, dann klappt das schon wieder!“
Der Arzt grinst breit, die weißen Zahnreihen gleichen einem Raubtiergebiß. Stefan sieht ihn verständnislos an. Er ist hier, weil er seit längerem keine Lust auf Sex hat, und sich zudem matt und antriebslos fühlt. Früher wachte er morgens mit einer Erektion auf, die ihm das Pinkeln schwer machte. Heute ist es nur noch der Harndrang, der ihn aus dem Bett treibt. Jedenfalls scheint er nicht ernsthaft krank zu sein, wenn er der Stimmungskanone in Weiß glauben kann. Stefan steckt das Privatrezept in die Tasche. Ein kurzer Händedruck noch, dann steht er wieder auf der Straße.
Gedankenverloren macht er sich auf den Heimweg. Eine Horde von Schülern drängelt sich an ihm vorbei, rennt dem einfahrenden Stadtbus entgegen. Er kommt an dem kleinen Kino vorbei, das er so oft besucht hat. Dort laufen noch immer die feinen Filme, die abseits des Mainstreams gedreht werden. Clockwork Orange hat er hier gesehen, Rumble Fish auch. Sein Blick fällt auf den Schaukasten. Ein Filmplakat spricht ihn besonders an. Knallige Rottöne springen ihm entgegen, die den Hintergrund für ein paar schräge Typen bilden. Es lebe der Punk!, ist in fetten Lettern darauf zu lesen.
Plötzlich bemerkt er, dass noch jemand Interesse an dem Film zeigt. Neben ihm steht eine Frau, Mitte vierzig, vielleicht auch älter? Im Schätzen ist er noch nie gut gewesen, aber das ist auch völlig egal! Er sieht sie neugierig an. Sie gefällt ihm sofort, da eine gewisse Andersartigkeit von ihr ausgeht. In ihrem offenen Gesicht sieht er Spuren, die auf manch bittere Enttäuschung, aber ebenso auf große Lust am Leben, hinweisen. Schwarzes Haar berührt den Kragen ihrer Jeansjacke, unter der sie ein dunkelblaues Kleid trägt. Ein fröhliches Lachen schreckt ihn auf.
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