Sie spielte Cello

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Sie spielte Cello

Sie spielte Cello

Paul Magallas

Ich folgte ihr - mit sicherem Abstand. Der durfte nicht zu groß zu werden, um nicht die Spur und die von ihr ausgehende Erregung zu verlieren.
Eines Tages war ich ihr wieder auf den Fersen. Einen Augenblick passte ich nicht auf und ließ mich vom Geschehen auf der anderen Straßenseite ablenken. So hatte ich nicht bemerkt, dass sie stehen geblieben war und sich plötzlich resolut zu mir umdrehte: "Was soll das! Wollen Sie was von mir?" Ich war zu perplex, um überhaupt und einigermaßen sinnvoll zu antworten. "Sie laufen mir doch schon eine Weile hinterher." Ihr Ton wurde weniger scharf, entspannte sich. Sie begann mich neugierig zu betrachten. "Also, jetzt mal im Ernst: Warum lungern Sie immer hier herum und stalken mich?" "Haben Sie das etwa bemerkt?". Zu Tiefsinnigerem war ich im Moment nicht in der Lage. Sie lächelte. "Na ja", begann ich stockend, "es stimmt schon, ich bin oft hier." "Und warum bitteschön? Haben sich nichts Besseres zu tun? Irgendwie sind Sie mir auch schon bei Konzerten aufgefallen. Ich glaube außer Ihnen war niemand im Saal, der so ausdauernd, so intensiv, ja so hungrig zu mir hinsah". Jetzt lag in ihrem Blick etwas Weiches, aber auch Flackerndes. Ich atmete tief durch - und dann wagte ich es, ihr alles zu erzählen: Wie ich sie auf dem Bildschirm entdeckt und Feuer gefangen hatte. Wie ich es nicht lassen konnte, sie im Orchester zu entdecken, ihr aufzulauern, mich an ihrem Anblick ---'aufzugeilen' war zu derb, zu 'ergötzen' zu altmodisch. Wobei: etwas von 'zu Füßen liegen', 'verehren', ja vielleicht auch 'anbeten' angesichts ihrer so feurigen Ausstrahlung lag schon darin.
"Haben Sie Lust, einen Kaffee mit mir zu trinken?" sagte sie so unvermittelt wie natürlich. Also gingen wir in die nächstgelegene Kaffeebar. Ich konnte mein Glück nicht fassen. Hatte sich also meine verrückte Ausdauer gelohnt.

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Gedichte auf den Leib geschrieben