Sieben Zentimeter

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Sieben Zentimeter

Sieben Zentimeter

Andreas

Die Ansage war klar und deutlich! Frau Engel wiederholte noch einmal in aller Deutlichkeit, was sie im neuen Schuljahr nicht zu sehen wünschte. Wir 17-jährigen Mädchen verzogen die Münder, als wir die Regel vernahmen. Sie betraf unsere Schuluniformen, oder um genauer zu sein unsere Röcke. Die vielleicht 33-jährige Lehrerin machte uns Mädchen deutlich, was die Stunde geschlagen hatte: „Im letzten Schuljahr kam es wiederholt zu Irritationen, was die Länge eurer Schulröcke angeht. Einige meinten, dass sie den Saum kürzen könnten, während andere auf die schlaue Idee kamen, den Bund etwas höher zu ziehen. Es ist mir bekannt, dass diese kurzen Kleider als sogenannte Miniröcke in Mode gekommen sind. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass manche von euch da nicht hinten anstehen möchten. Es gilt dennoch ab diesem Schuljahr die nun folgende Regel. Die Röcke der Schuluniform dürfen maximal sieben Zentimeter oberhalb des Knies enden. Es gibt keinerlei Toleranz! Wenn eine Schülerin es wagen sollte, ihren Rock zu manipulieren, wird sie es bitter bereuen! Ich warne euch also: haltet euch unbedingt an diese Vorschriften. Habt ihr das verstanden?“ Wir nickten, wobei die meisten von uns ein genervtes Gesicht machten. So ein Mist!

Ich sollte bald 18 werden und hatte dementsprechend keine Lust, mir etwas sagen zu lassen. Alles in mir wehrte sich gegen diese blöde Vorschrift, die ich einfach nicht einsehen wollte. Wir lebten schließlich im Jahre 1965 und nicht im Mittelalter! Es reichte doch schon, dass wir auf ein reines Mädchengymnasium gingen, auf dem es dazu noch sehr strenge Regeln gab. Ich erinnerte mich an einige Mitschülerinnen, die sogenannte ’Tatzen‘ einsteckten. Dazu benutzte die Lehrerin ein kurzes Holzlineal, mit dem sie der straffälligen Schülerin auf die dargebotene, offene Handfläche haute. Manche Mädchen befürchteten, dass es solch eine Strafe setzte, sollte sich eines an seinem Rock zu schaffen machen. Ich dachte an meine Mutter. Sie hatte mich niemals geschlagen, aber sie gab mir etwas mit auf den Weg. „Merk dir eins, Anja! Wenn du in der Schule eine Strafe bekommst, werde ich mir etwas überlegen müssen. Egal, ob du 17 oder 18 bist, dann gibt es zuhause noch einmal eine Lektion. Merk dir das gut!“ Ich wusste, woher der Wind wehte. Meine Mutter legte großen Wert auf den untadeligen Ruf unserer Familie. Sie war eine Witfrau, wie man damals Frauen nannte, die ihren Ehemann verloren hatten. Dazu kam noch, dass ich ihre einzige Tochter war. Ich sollte es besser haben. Mama legte großen Wert auf meine Ausbildung, damit ich später unabhängig leben konnte.
Mamas Eltern stammten aus Preußen, wo sie ein Landgut besaßen. Durch den Krieg verloren sie das Anwesen und mussten quasi neu anfangen. Für meine Ma schien Disziplin das höchste Gut zu sein.
Sie überließ mir aber trotzdem die letzte Entscheidung. Meine Mutter kannte meinen starken Willen, den ich vermutlich von ihr vererbt bekam. Mama setzte aber auch auf eine konsequente Erziehung.
Wenn ich unbedingt einen Fehler machen wollte, dann ließ sie mich halt gewähren. Meine Mutter verlangte dann aber auch von mir, dafür gerade zu stehen. In dieser Hinsicht war sie sehr streng!

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