„Du musst zu Doktor Carigio“, sagte sie am zweiten Tag von Silkes Darniederliegen bestimmt. Dieser ging es zum Glück bereits etwas besser, womöglich kam sie um eine gefürchtete Lungenentzündung herum, die in Zeiten vor der Entdeckung der Antibiotika ein sicheres Todesurteil gewesen wäre. Die Wirtin lieh Silke graue, selbst gestrickte Strümpfe und zeigte ihr aus dem Fenster von Silkes Kammer den Weg zur Praxis von Herrn Doktor Bastian Carigio.
Silke betrat kurz darauf das übervolle Wartezimmer und fand noch knapp Platz zwischen einer schwitzenden Magd mit einem Riesenhintern und einem ausgemergelten Greis, der still vor sich hin röchelte. Bastian Carigio nahm die Patienten persönlich in Empfang, und zwar nicht in der Reihenfolge von ihrem Eintreffen, sondern aufgrund einer kurzen Blickdiagnose. Hatte ein Patient oder eine Patientin etwa Schaum vor dem Mund, konnte sie oder er sicher sein, rasch drangenommen zu werden. Silke hatte keineswegs Schaum vor dem Mund. Aber sie war jung und hübsch. Somit winkte Herr Dr. Bastian Carigio sie als Nächste ins Untersuchungszimmer, nicht, ohne dass dieses Handeln vom Schimpfen der wartenden Patientinnen und Patienten quittiert worden wäre. Dr. Carigio zuckte gleichgültig die Schultern. Er war der einzige Arzt im Dorf, und alle Kranken waren von ihm abhängig. Deshalb hatte er seiner Ansicht nach das Recht, das zu tun oder zu lassen, was ihm beliebte.
„Was führt die Schöne zu uns“, eröffnete er das Gespräch auf anzügliche Weise und nahm hinter seinem Kirschholzpult Platz. „Meine Atmung“, sagte Silke und hustete wie zur Bestätigung.
Silke zuliebe
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Silke zuliebe
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schöne Geschichte
schreibt alak87@gmx.de