Aber eine Pandemie hatte ihn dazu getrieben, diese Unart aufzunehmen, weil er keine Lust hatte, sich ständig nur irgendwelchen Standards, Impfung hier und Mundschutz da, zu beugen. Also rauchte Nils. Und er hatte scharfe Augen, die er den Häuserwänden entlang gleiten liess. So entdeckte er Silya im seidenblauen Morgenrock, an ihrem Frühstückstisch. Nils wusste sofort: Eine solche Frau durfte never ever allein frühstücken. Never ever.
Es war für Nils ein Leichtes, herauszufinden, welche Klingel an der unteren Eingangstür die Wohnungstür von Silya ansteuerte. Und er liess sich Zeit. Er war seit längerem Single, und seine Erfahrung mit Frauen sagte ihm, dass er es langsam angehen lassen musste. Wer Schokoladeeis zu schnell löffelt, kriegt bloss Bauchschmerzen. Mit Frauen sah er das ähnlich, und sie waren für ihn gar nicht allzu weit von Schoko-Eis entfernt. Schoko-Eis war Nils’ Lieblings-Nachspeise. Er arbeitete im Homeoffice, was ihm ermöglichte, auch Tagsüber ab und an den Blick über Silyas Terrasse schweifen zu lassen. Doch der kleine runde Tisch blieb leer. Nils folgerte messerscharf, dass Silya arbeitete – vermutlich in einem Job, der kein Homeoffice ermöglichte. Krankenschwester, Serviererin oder so.
Er schlüpfte gegen Abend in seine Lodenjacke und wollte die neue Bar testen, die direkt im Wohnbau eröffnet hatte, in dem Silya lebte. Und da blieb ihm das Herz stehen. Wer ihn nach seinem Wunsch fragte, war niemand anderes als… Silya. Nils’ Jagdinstinkt hatte ihn nicht getäuscht. Der Anblick aus nächster Nähe tat Silyas Schönheit keinen Abbruch. Das ist keineswegs bei allen Frauen so. Liebenswert sind sie alle, klar… aber räumliche Distanz kaschierte nun mal die eine oder andere, sagen wir mal, kleine Unregelmässigkeit, im Gesicht oder so. An Silya aber war alles ebenmässig, einem Schneewittchen gleich. Welch zartes Haar! Welch wunderschöne grüne Augen!
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