Welchen wollen Sie denn?“
„Einen, der nach Kaffee und Vanille schmeckt.“
Sie löste sich von mir, langsam, als müsste sie sich von der Wärme entwöhnen. Sie griff nach einem Teller, dann nach einem zweiten, schnitt zwei Stücke von einer Torte ab, deren Creme im Licht ganz leicht glänzte. Ihre Finger zitterten ein wenig, als sie das Messer absetzte; ein kleines, verräterisches Zittern, das mich mehr berührte als jede noch so souveräne Geste.
Wir saßen auf einer umgedrehten Kiste, zwischen Regalen voller Torten. Das Licht war schummrig, eine der Lampen flackerte gelegentlich. Es war absurd – und genau richtig.
Sie reichte mir das Tellerchen und grinste.
„Sagen Sie nicht, ich hätt’ Sie nicht gewarnt. Der ist gefährlich.“
„Sie auch“, sagte ich mit vollem Mund.
Sie lachte leise, zufrieden, ein leises Nachhallen dessen, was gerade zwischen uns passiert war.
„Das sagen Sie allen?“
„Nur denjenigen, die mir den Kuchen danach servieren.“
Wir aßen schweigend weiter. Der Zucker auf der Zunge, die Kühle des Raums, ihre Nähe neben mir – alles stand gleichzeitig nebeneinander. Ich fühlte mich merkwürdig klar, nicht berauscht, ohne schlechtes Gewissen. Nur mit diesem Bewusstsein, dass etwas in dieser Stadt noch immer auf mich reagierte. So wie früher.
Sie stand irgendwann auf, zog ihre Bluse zurecht, schloss einen Knopf, den wir offenbar übersehen hatten. Sie drehte eine Haarsträhne wieder ein, strich sie hinter das Ohr. Dann sah sie mich an und sagte: „Ich hoff’, das war nicht Ihr letzter Besuch.“
„Ich glaube, nun hab ich sogar einen weiteren Grund, zurückzukommen.“
Sie nickte langsam, trat näher, umarmte mich noch einmal und legten Kopf für wenige Momente auf meine Schulter. Kein Abschied, eher ein stilles Einverständnis. Etwas, das sich nicht aussprach, weil es gerade durch dieses Schweigen gültig wurde.
Draußen musste es längst später Abend sein, aber in diesem Raum gab es keine Zeit. Nur ihren Duft, der in meinen Mantel überging, und den Geschmack von Kaffee und Vanille auf meiner Zunge.
Als ich später durch die leeren Gassen ging, hatte Wien wieder dieses vertraute Gewicht. Es war die Stadt meiner Jugend – und dieser Nacht. Und irgendwo zwischen beidem lag ich selbst, endlich wieder angekommen.
Stammgastprivileg
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