Stammgastprivileg

13 10-16 Minuten 0 Kommentare
Stammgastprivileg

Stammgastprivileg

Leni Trattner

“ Ich grinste, als mir bewusst wurde, dass sie das ja gar nicht wissen konnte, es aber perfekt erraten hatte. Vielleicht sah ich aus wie eine klassische Melange-Madame – eine, die in einem Wiener Kaffeehaus eigentlich schon immer gesessen hatte.​
Sie lächelte, als könnte sie meine Gedanken lesen, und drehte sich um, den Griff der Maschine fest in der Hand. Ich sah ihr zu – wie sie routiniert arbeitete, wie ihre Bewegungen präzise waren, fast zu ruhig für die Eile, mit der ich gekommen war.
Als sie meinen Kaffee brachte, legte sie eine Serviette daneben, exakt ausgerichtet.
„Noch was Süßes dazu?“, fragte sie.
„Dazu ist es doch wirklich zu spät, oder?“, sagte ich.
„Ich bin erst mal froh, hier zu sein.“
„Dafür ist es nie zu spät. Ich werde es Ihnen beweisen und Sie später noch mal fragen“, meinte sie.
„Aber vorerst mal: Willkommen zurück!“
Sie sagte es beiläufig, aber es traf mich trotzdem. Sie hatte mich durchschaut. Wusste wohl genau, dass ich eine der früheren Stammgäste war, die heute nur noch selten auftauchen, aber sich nach wie vor hier zu Hause fühlten.
Bevor sie wieder ging, blieb sie kurz stehen, als wolle sie noch etwas sagen. Dann strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und meinte:
„Sie wirken, als wären Sie schon ewig nicht mehr hier gewesen. Aber auch, als seien Sie schon oft hier gewesen. Liege ich richtig?“
Ich sah auf.
„Goldrichtig. Früher war ich öfter da – zu oft vielleicht.“
„Zu oft?“ Sie grinste.
„Gibt’s nicht. Das kann man bei Kaffee doch wirklich nicht sagen.“
„Naja, das stimmt. Vielleicht eher bei dem, was man hier alles mit ihm verbindet.“
Sie zog eine Augenbraue hoch, stellte ihre Tabletts ordentlich aufeinander.
„Klingt nach Geschichten.“
„Nach Jugend eher. Studium. Nächte, in denen man mehr redet als denkt.“
Sie nickte.
„Das kenn ich. Ich studier auch nebenbei.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 556

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben