Stammgastprivileg

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Stammgastprivileg

Stammgastprivileg

Leni Trattner

Literatur.“
„Dann kennen Sie die langen Nächte.“
„Und die leeren Tassen.“ Sie lächelte schräg und lehnte sich leicht an die Theke.
„Wie ich vorher gesagt hab, ich frag noch mal: Wollen Sie ein Stück Torte? Ich bring Ihnen gern eins. Dann wird’s noch ein bisserl süßer, bevor wir zusperren müssen.“
„Geht sich das noch aus?“, fragte ich.
„Für Stammgäste immer.“
Ich lachte.
„Bin ich das?“
„Ich hab das jetzt so beschlossen, also sind Sie einer.“
„Na dann – bringen Sie mir ein Stück von Ihrer Lieblingstorte“, antwortete ich, überrascht über mich selbst. Das war keine Antwort, die ich normalerweise gegeben hätte. Aber hier, in diesem Raum, fiel sie mir einfach so ein. Ein wenig Leichtsinn, ein wenig Wiener Schmäh.
Die Kellnerin verschwand nach hinten, und ich beobachtete den Türvorhang, der noch leicht nachschwang. Ihr Gang hatte etwas Spielerisches, Unangestrengtes, als würde sie die Müdigkeit eines langen Tages einfach abschütteln.
Als sie zurückkam, stellte sie das Tellerchen vor mich, fast feierlich. Schwarzwälder Kirschtorte, ein Stück zu groß geschnitten.
„Hausgemacht“, sagte sie, und ihre Finger berührten flüchtig meine, als sie die Gabel hinlegte. Eine dieser kleinen, zufälligen Berührungen, die viel zu schnell vorbei sind – und trotzdem bleiben.
„Danke.“
„Bleiben Sie noch ein bisserl sitzen“, meinte sie im Plauderton.
„Ich sperr dann gleich zu – aber wenn Sie mögen, können Sie in Ruhe fertig essen. Ist ja auch gemütlicher, wenn’s leer ist. Dann können Sie sich mal wirklich vorstellen, dass das hier Ihr Ort wäre.“
Ich nickte, fast zu schnell.
„Gern.“
Ein prüfender Blick, dann ein kurzes Nicken von ihr, bevor sie die Tür verriegelte, das „Geschlossen“-Schild umdrehte und das Licht an der Theke etwas dimmte. Das Café wurde still. Nur das leise Klirren von Geschirr, das sie ordnete, und meine eigenen Gedanken, die wieder lauter wurden.

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