Ich sah ihr zu, wie sie mit hochgekrempelten Ärmeln arbeitete, vollkommen bei sich – und spürte, dass sich die Stimmung verändert hatte. Nicht viel. Nur ein Grad wärmer vielleicht. Aber deutlich.
Ich ließ mir Zeit, genoss den Kaffee und den Kuchen. Ich war erst bei der Hälfte, als sie wieder bei mir stand. Keine Serviererin mehr mit Routine im Blick, sondern jemand, der stehenbleibt, weil er stehenbleiben will.
„Gut?“, fragte sie.
„Wie früher“, sagte ich.
„Süß, ein bisschen zu schwer – aber genau richtig. Und auch etwas zu groß.“
„Das zu groß war mein Werk. Aber ich dachte, dass man nie zu viel des Guten haben kann.“
„Das stimmt natürlich“, entgegnete ich.
„Sie haben ja gesagt, dass Sie früher oft hier waren. Aber ich wette, eines kennen Sie nicht. Das Lager. Hab ich recht?“, fragte sie keck.
Ich sah auf.
„Das Lager?“
„Wo die Torten auf ihren großen Auftritt warten. Nur für Stammgäste zugänglich, versteht sich. Und das auch nur nach Ladenschluss.“
„Das klingt, als wollten Sie mich in Versuchung führen.“
„Vielleicht ein bisserl. Oder Ihnen einfach einen schönen Moment verschaffen, den Sie nie vergessen werden.“
Ihr Blick hielt meinen einen Moment lang, fest, ohne Scham. Sie wusste genau, was sie gesagt hatte – und ich fragte mich, ob ich es richtig verstanden hatte. Wir waren immer noch per Sie. Doch wie so oft in Wien bedeutete das nicht Distanz, sondern war Teil eines Spiels mit Nähe und Abstand, das nur hier so funktioniert. Dieser höfliche Ton, der an der Oberfläche brav bleibt und darunter unverhohlen flirtet – ein Wiener Schmäh, den man anderswo vermutlich gar nicht ernst nehmen würde. Aber ich hatte ihn immer geliebt. Und ich merkte, wie sehr er mich reizte, jetzt, nach all den Jahren im Ausland.
„Ich bin gleich fertig hier vorn“, sagte sie, „dann darf ich Sie vielleicht kurz entführen?“
Stammgastprivileg
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