Stammgastprivileg

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Stammgastprivileg

Stammgastprivileg

Leni Trattner

Bei anderen hätte es lasziv wirken können, vielleicht sogar gekünstelt. Bei ihr aber hatte es eine unglaubliche Leichtigkeit.
Ich trat näher.
„Sie wissen schon, was Sie da gerade tun?“
„Was ich jetzt tue, das ja. Aber was ich tun werde, das weiß ich noch nicht. Kommt ganz drauf an, ob Sie bleiben.“
Sie stand jetzt dicht vor mir, ihre Fingerspitzen streiften meine Hand. Kein Zufall diesmal. Ihre Finger glitten langsam an meinem Unterarm hinauf, bis zu meinen Schultern, wo sie liegen blieben. Noch keine Umarmung, aber bereits viel zu nah. Zu intim für einen Raum, der offiziell nur Torten kannte.
Das Neonlicht über uns summte leise, sonst war nichts zu hören. Wien draußen war weit weg. Hier drinnen gab es nur Kälte aus den Kühlaggregaten, Glasglocken, die unsere Spiegel waren, und dieses langsame, konzentrierte Atmen zwischen uns.
Für einen Moment standen wir einfach da. Kein Wort, nur das leise Summen des Kühlschranks, das Ticken irgendwo hinter der Wand. Sie war keine Kellnerin mehr, kein Teil der Einrichtung, sie war mir auf einmal viel näher, als man es in einem Café jemals sein sollte.
„Sie sind wunderschön, wenn Sie so schauen“, sagte sie leise.
„Wie schau ich denn?“
„Als hätten Sie schon Ja gesagt.“
Ich wollte etwas erwidern, aber ihre Hand lag plötzlich schwerer auf meiner Schulter. Sie gab mir Halt und brachte mich gleichzeitig aus dem Gleichgewicht.
Sie kam noch ein paar Zentimeter näher. Ich konnte sie riechen; ihre Haut trug Vanille und Kaffee, dieses Aroma, das den ganzen Tag um sie herum gewesen sein musste. Ich roch auch etwas Warmes, fast Hautwarmes, das mit dem Kühlen der Luft im Raum kontrastierte. Und ich konnte sie sehen. So wirklich. Die kleinen grauen Sprenkel in ihren blauen, wachen Augen. Die vereinzelten blassen Sommersprossen auf ihrer Nase.

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