Stammgastprivileg

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Stammgastprivileg

Stammgastprivileg

Leni Trattner

Auch wenn sich viel geändert hatte, so hatte sich eigentlich auch gar nichts verändert. Wien roch noch immer gleich. Ein bisschen nach altem Stein, Kaffee und einem Hauch von Nostalgie, den man nie konkret zu fassen bekam – wie ein Versprechen, das sich nie ganz erfüllen musste.
Ich war seit Jahren nicht mehr hier gewesen, und trotzdem wusste ich genau, wohin ich ging. Keine Stadt kannte ich so gut – oder sie mich.
Nach dem Museum war mein Kopf voll von Farben, Leinwänden und Licht. Ich hatte die Zeit vergessen und sah erst draußen, wie spät es war. Viertel vor sechs. Wenn ich mein Lieblingscafé noch erreichen wollte, musste ich mich beeilen.
Die Straßen glänzten vom Nieselregen, Straßenbahnen ratterten über die Schienen, und irgendwo lachte jemand zu laut – was sicherlich, auch wenn ich es nicht sehen konnte, von irgendwem mit einem schiefen Blick quittiert wurde. Ich mochte das. Diese Mischung aus Überdruss und Leben, die Wien immer hatte. Und diesen Hauch von Grant, der hier genauso selbstverständlich war wie der Kaffee.​
Das Café lag in einer Seitengasse, unscheinbar zwischen einer Buchhandlung und einem Tabakladen. Die Türglocke erklang, als ich eintrat. Alte Spiegel, die kein klares Bild mehr reflektierten, braune Holzvertäfelung, leise Musik aus einem Lautsprecher, der ein wenig rauschte – alles wie früher. So, wie ich es kannte. Und vermutlich so, wie es schon meine Großmutter gekannt hätte. Nur die Gesichter waren andere.​
Hinter der Theke stand eine junge Frau in klassischer Kellnerinnenuniform. Dunkles Haar, heller Teint, ein konzentrierter Blick. Sie sah auf, als ich näher kam.
„Entschuldigen Sie – gibt’s noch einen Kaffee, oder sind Sie schon beim Zusperren?“, fragte ich.
Ein kurzer Moment, dann ein leichtes Lächeln.
„Geht sich aus. Melange?“
„Wie immer.

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