Stieftöchterchens Vulva

Der Therapeut

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Stieftöchterchens Vulva

Stieftöchterchens Vulva

Anita Isiris

Wäre Mirabelle ihre leibliche Mutter gewesen, bei Gott, sie hätte in einem sehr zarten Alter geboren. Ich liebe übrigens Mütter. Frauen, die geboren haben. Jede von ihnen strahlt diese gewisse Lebensweisheit aus, jede von ihnen wurde schon mal, um das in meiner Fachsprache auszudrücken, vaginal penetriert. Nicht so schön. Sagen wir doch: Vaginal geliebt. Besser, oder?

Erste Schneeflocken senkten sich über Paris, es war Vorweihnachtszeit. Fast schon kitschig wirkte der Eiffelturm, der Notre-Dame, der sich vom Brand vor ein paar Jahren noch immer nicht erholt hatte. Ganz Paris war in diesen ganz speziellen Vorweihnachtsduft gehüllt, der weit über das hinausging, was wir uns von Croissants, Café und Zimtduft gewohnt sind. Da war diese gewisse engelshaargleiche Frische, diese Kühle, die das Herz öffnet und die in jedem  Mann unstillbare Sehnsucht nach Kaminfeuer, einer heissen Frau in dünnen Söckchen und einer Flasche kräftigem Château Lafitte wach werden lässt. Das Leben könnte schön sein. Hach.

Wo meine Mirabelle jetzt wohl war? Nachdem die Bullen gegangen waren und ich die beiden Bilder im Wartezimmer aufgehängt hatte, entliess ich meine Assistentin nach Hause. Wissend zwinkerte sie mir zu. Oftmals am Abend, auch das ein Grund für meine anstehende Verhaftung, gönnte ich mir noch eine „letzte Patientin“. Diese letzten Patientinnen waren oftmals Hausfrauen, die es mal wieder so richtig wissen wollten, oder Paare, wo sich beim Mann zwischen den Lenden nichts mehr rührte, oder, in sehr seltenen Fällen, Jungfrauen, die es vorzogen, sich von mir zur Frau machen zu lassen – statt an irgendeiner Strassenecke oder einem Schulkeller von einem durchgeknallten Pauker oder einem zugedröhnten Bewohner der Banlieue.

Dieses Mal wartete ich auf Sandrine. So hatte sie sich angemeldet. Einfach „Sandrine“.

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