Die stumme Frau im schwarzen Kleid

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Die stumme Frau im schwarzen Kleid

Die stumme Frau im schwarzen Kleid

Yupag Chinasky

Bei seiner Anfahrt hatte aber kein Haus den Eindruck erweckt, dass in ihm Leben herrsche, alle Türen und Fenster waren verschlossen. Nun ging er die Hauptstraße in die entgegengesetzte Richtung entlang, aber auch hier sah es nicht viel besser aus. Die meisten Häuser hatten hohe Mauern zur Straße hin, hinter denen vielleicht ein Garten oder ein Hof war, die Fenster waren mit Läden verschlossen und die Türen vermutlich alle abgeschlossen, überhaupt hatte er zunehmend den Eindruck, dass hier niemand mehr wohnt. Er hatte an die Türen von zwei Häusern geklopft und daran gerüttelt, hatte versucht, auf sich aufmerksam zu machen, aber erfolglos, genau wie bei dem kleinen Krämerladen. So langsam kam das Dorf ihm richtig unheimlich vor, als seien die Menschen hier wirklich ausgestorben und nicht nur in Tiefschlaf versunken. Sein Durst nahm angesichts der schlechten Aussicht, etwas Trinkbares aufzutreiben, nochmals deutlich zu und es fiel ihm schwer, seinen trockenen Mund und die spröden Lippen überhaupt noch zu befeuchten. Er wollte schon umdrehen, zum Auto zurück gehen, um im nächsten Dorf sein Glück zu versuchen, in einem Dorf der Lebenden, wie er hoffte, aber dann ging er doch noch bis zum letzten Haus an der Straße, bevor die eintönige, braune Landschaft wieder einsetzte. Hier schien er endlich Erfolg zu haben, denn die Tür in der Mauer war halb geöffnet, und als er näher trat und in den Garten schaute, war er von dem, was sich seinem Blick bot, doch sehr überrascht. Nicht dass der Garten schön gewesen wäre, von wegen Blumen oder Gemüsebeete, auch hier nur rötlicher Staub und Gerümpel, das herumlag, aber auch eine runde, halbhohe Mauer, möglicherweise die Einfassung eines Brunnens. Das wäre schon erfreulich genug, falls in ihm auch Wasser wäre und er nicht genauso trocken läge, wie der Dorfbrunnen. Nein, all diese Details erregte seine Aufmerksamkeit nicht in demselben Maße, wie die Frau, die auf einem Stuhl im Schatten eines Baumes saß und ihn verwundert, aber nicht unfreundlich anstarrte, als sie ihn bemerkte.

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