Sucht

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Claudia Carl

Die Tür wird angelehnt sein, hat er gesagt.
Angelehnt. Offen und nicht offen, auf eine Art empfangender als jede Begrüßung.
Du wirst hineinschlüpfen und dich im dunklen Flur ausziehen. Ganz nackt.
Die Zeit fliegt in Stundenstücken, nachdem er auf ihre SMS geantwortet hat.
Das Handy hat gepiept, während sie auf zerweichten Blättern an der Isar entlang spazieren gegangen ist.
-Du bist jederzeit willkommen.
-Ojabittewann?
- Vielleicht heute Abend. Warte auf weitere Nachricht.
Besser wäre nur sofort gewesen. Sie lässt die Wärme zwischen ihre Beine sinken. Doch dort bleibt sie nicht. Sie breitet sich überhall hin aus, bis sie ein leichtes Würgen geworden ist.
Langsam läuft sie durch den Englischen Garten, taucht unter der Menge auf dem Weihnachtsmarkt durch, rastet in einem Cafe. Es piept wieder.
- Schreib deine Pflichten auf.
Genüsslich lässt sie die Peinlichkeit durch sich sacken. Ja, antwortet sie und packt einen Zettel aus. Der Mann am Nebentisch muss wissen, was sie tut.
Sie schmilzt unter seinen Blicken.
Sie schleppt sich nach Hause, in Trance. Wieder ist die Zeit um ein halbe Stunde gesprungen. Das entscheidende Piepen.
- Du darfst um 19 Uhr klingeln.
Diesmal kommt keine Stimme aus der Sprechanlage. Ein Summen lässt sie hinein.
Die Tür ist angelehnt. Der Flur liegt im Dunkeln. Sie tritt ein, zieht die Wohnungstür hinter sich zu. Hinter der beleuchteten Glastür seines Zimmers sieht sie ihn sitzen, mit dem Rücken zu ihr. Sie hängt ihren Mantel auf den Haken, stellt die Stiefel ordentlich hin. Wirft ihr glitzerndes rosa Top in einen offen dastehenden kleinen Aluminiumkoffer, legt den Rock über dessen Rand. Wirft die Strumpfhose hinein. Holt die hohen Schuhe aus der Tasche und zieht sie an, stellt sich an die Tür. Ruft ihn leise mit fragender Intonation beim Namen.
-Bist du fertig? fragt seine Stimme.
-Ja.
Sie sieht seine Füße, die Jeans und das grün gestreifte T-Shirt, das sie noch vom letzten Mal kennt. Er drückt sie auf die Knie.

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