Sucht

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Sucht

Claudia Carl

Es ist das Streifen des Seils an ihren Handgelenken.
Es streift an ihnen, während er es durch ihre übereinander gelegten Arme zieht.
Es ist das Zusammendrücken ihrer Oberarme auf dem Rücken.
Er tut es mit einem kleinen Ruck.
Es ist das Straffen des Seils auf ihrer Haut.
Er zieht fest zu.
Es sind seine knappen Bemerkungen. Auf die Decke. Auf den Bauch.
Es sind diese Dinge, die die Zeit anhalten. Die ihr Räume und Landschaften erschaffen, durch die es sich nur so schwebt.
Minutenlang hört sie nichts von ihm. Sehen kann sie längst nichts mehr. Eine feierliche Stille breitet sich um sie aus. Die Birnen in den Lampen surren, das Licht rauscht durch den Raum. Nicht einmal atmen hört sie ihn. Erst später kann sie sich vorstellen, wie er ausgesehen hat. Wie er sie mit ungerührtem Blick durch die Brillengläser angesehen hat. Ein Pennäler mit Fantasien.
Währenddessen jedoch verschwindet er in der sie umwabernden Luft. Mal spürt sie ihn hinter sich, mal ist er nicht zu orten. Plötzlich fühlt sie seinen nackten Fuß auf ihrem Kopf, wird zur Seite gedrückt. Ohne Gewalt, aber nachdrücklich. Dann zieht er sich wieder zurück. Raschelt nicht einmal. Leise läuft der Fernseher. Ein Zeichen aus einer anderen Welt.
Versickernde Zeit streichelt ihre aneinander gelegten Hände, liebkost die rote Baumwolle des Seils, das über Handgelenke, Oberarme und Fesseln läuft. Ihre Knöchel drücken aneinander. Sie darf sich nicht bewegen, um sich nicht selbst weh zu tun.
- Dreh dich auf den Bauch.
Er spricht tonlos, fast desinteressiert.
Die flauschigen Flusen der Decke pressen gegen ihre Brust, ihre Knie sind angewinkelt, die Füße ragen nach oben. Durch die Mitte der schwarzen Maske kann sie Zimmerausschnitte sehen. Eine Reihe von Buchrücken, rot-blau mit aufsteigenden Balken, die eine diagonale Linie ergeben. In ihrem Mund verursacht der Leder-Knebel Speichelproduktion. Die Nase schwillt zu.

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