Sucht

V.

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Claudia Carl

Ihr Herz arbeitet auf Hochtouren, pumpt atemlos das Blut durch die Adern.
Noch gehört der Abend ihrer Fantasie. Sie sieht sich die Treppen hinaufgehen, Franz-Josef-Straße 29, Altbau, 3. Stock. Leise knackende Stufen, begleitet von seinem Ohr, oben an der Tür. Er hat alles vorbereitet.
Bisher ist er nur eine Stimme. Eine Stimme mit norddeutschem Klang, die schlimme Dinge sagt. In seiner Wohnung gebe es Verhaltensregeln.
Er hat aufgelacht, als sie "Es ist gut, wenn du weißt, was du willst" gesagt hat. Daran brauche sie nicht zu zweifeln.
Und das mache ihm Spaß? - Ja, das mache ihm Spaß.
Er entschuldigt sich ("Nicht erschrecken") und redet los. Gefällt dir das? fragt er hin und wieder zwischendurch.
Sie sagt -Ja. - Ja. - Hmmmjaa. -
Ohjaaa, streckt sich auf dem Sofa im dunklen Zimmer aus und spürt, dass es für sie eine Droge ist. Eine Droge, die euphorisiert wie Alkohol, die Schwere und Traurigkeit verjagt.
Sie muss an das Telefongespräch denken, als sie am nächsten Tag auf dem Weg zu ihm ist. Plötzlich fliegt der Zug durch die Nacht, donnert er in die Bahnhöfe, rumpelt er über die Schienen. Sie hat schlafen wollen und doch immer wieder an den Fußboden seiner Wohnung gedacht, über den sie kriechen würde, die Ellenbogen auf dem Boden. An sein Bett mit Stahlpfosten. An Nächte, gefesselt in seiner Wohnung, umgeben von städtisch brodelnder Luft.
Er wäre irgendwo da draussen, beim Bier mit Freunden. Und sie doch so sehr für ihn existent wie für niemanden niemals zuvor.
Er! Vielleicht steht in drei Stunden eine fette Kaulquappe in der Tür. 33 Jahre, 1,87 Meter, mit Glatze und Brille. Vielleicht ist das, was ihren Körper zurzeit euphorisiert, dann wie vom Erdboden verschluckt. Vielleicht sinkt bleierne Schwere auf die Situation hinab, und sie sagt: "Ich glaube, das passt doch nicht so mit uns beiden..."
Vielleicht aber auch...
Vielleicht...

Der Deal ist in weite Ferne gerückt. Glattgebügelte Tage liegen vor ihr. Kein Höhepunkt. Sie kramt in ihrer Erinnerung. Wie hat sie sich in der Vergangenheit den Stoff besorgt? Welche Komponenten spielten eine Rolle? Wie ist die Wirkungslosigkeit einer Dosis zu erklären?
Manchmal hat sie das Gefühl, dass sich Körper und Seele selbstständig machen.
Dass der Verstand mit seinen Plänen und Vorhaben einsam zurückbleibt und nur noch stammeln kann: "Aber ich wollte doch..." Während Körper und Seele in schönem Einvernehmen auf Nulllinie schalten. Keine Reaktion.
Es sind keine Altbautreppen. Sie knirschen nicht. Seine Stimme in der Sprechanlage ist zu freundlich. Oben im Fenster hängt ein Kopf. Dunkelhaarig?
Kräftig gebaut? Jaha. Sie will demütig klingen. Drei Stockwerke ohne zu wissen, was sie ausstrahlen soll. Eine Kopfwendung. Der Schock.
Er ist blond.
Sein Kopf ist klein und herzförmig. Sein Mund sollte einer Frau gehören.
Volle Lippen, kleines Lachen. Die Augen basedow'sch. Dick aus den Höhlen hängende Augäpfel, breite Lider. Das Haar auf der Schädeldecke beginnt sich zu lichten.
- Komm rein, sagt er.
Lieber würde sie umkehren. Doch sie folgt ihm durch den Flur in das einzige Zimmer der Wohnung.
-Nimm Platz.
Sie fühlt die weichen Kissen unter ihren Schenkeln. Die Zeit, die herumzukriegen ist, bis es die Höflichkeit erlaubt, zu gehen, legt sich
schwer auf sie. Er setzt sich auf den Sessel.
Sein Körper ist dürr und hochgeschossen. 1,87. Die nackten Füsse ragen aus den Hosenbeinen. Er legt sie auf den Tisch und lässt die langen Zehen spielen.
Sie fühlt sich wie ein Ballon, der langsam aufgepumpt wird. Eine Beate Uhse Puppe, in die Luft geblasen wird. Ihre Hände wachsen,
die Arme werden dick. Ihre übereinander geschlagenen Beine auf seinem Sofa verwandeln sich in hervorstechende Machtsymbole.
Eine Unterwerfung unter ihn? Unmöglich. Ein Bub im Ringelhemd.
Sie nippt an ihrem Bier. Sie schaut auf die Uhr.
Sie nippt an ihrem Bier. Es schmeckt schal. Die Einsamkeit der Armut breitet sich um sie herum aus. Eine kleine Wohnung, in die gerade mal das Bett passt.
Ein Flur, in dessen Mitte ein Kleiderberg liegt anstelle einer Garderobe.
Seine spärlichen Haare und die dünnen Zehen. Schwer sackt die Enttäuschung auf sie herunter. Jede andere als die Realität eines Nichts ist verschlungen von der draussen liegenden Dunkelheit, von der Kleinlichkeit der stummen Materie um sie herum. Er erzählt von Spielen mit Tina. Sie fühlt sich aufgehen wie ein Hefeteig. Dann sagt sie es.
- Ich kann nicht mit dir. Du...bist zu unmännlich.
Schade. Schade. Er redet weiter. Von Tina. Von Anne, die ebenfalls anfangs dieser Meinung gewesen sei. Sie habe sie dann revidiert.
-Erzähl mir von Tina!
Sie plaudern wie Schulfreunde. Über Liebe und Beziehungen, Männer und Frauen.
Das Bier schmeckt bitter. Der Sitz unter ihr beginnt, sich zu erhitzen. Sein Lächeln von drüben auf dem Sessel bestäubt sie. Die alte Versuchung kommt in ihr hoch. Du kannst ja doch nicht...Du bist doch gar kein richtiger....Aber andere! Nicht Anwesende!
Das Licht, das er in der Küche angemacht hat, sticht ihr ins Herz.
Sie wird jede Minute gehen. Sie hat es bereits verkündet. Sie wird das Bier nicht austrinken. Vielleicht sehen wir uns ja mal, sagt er. Da sieht sie seinen Blick.
Er kneift die Augen zusammen, aus seinen Pupillen peitscht es. Eine Sekunde scheint er zu überlegen, ob er sie daran hindern soll, zu gehen. Sie entkleiden, fesseln und seine Sinne an ihr austoben. Es würgt sie.
Sie flüchtet in den Flur, küsst ihn im Mantel zum Abschied.
Der Blick bleibt an ihr hängen.
Am Sonntag, der leer ist, schickt sie eine SMS. "Vielleicht würde ich doch nochmal gerne kommen..."

Die Tür wird angelehnt sein, hat er gesagt.
Angelehnt. Offen und nicht offen, auf eine Art empfangender als jede Begrüßung.
Du wirst hineinschlüpfen und dich im dunklen Flur ausziehen. Ganz nackt.
Die Zeit fliegt in Stundenstücken, nachdem er auf ihre SMS geantwortet hat.
Das Handy hat gepiept, während sie auf zerweichten Blättern an der Isar entlang spazieren gegangen ist.
-Du bist jederzeit willkommen.
-Ojabittewann?
- Vielleicht heute Abend. Warte auf weitere Nachricht.
Besser wäre nur sofort gewesen. Sie lässt die Wärme zwischen ihre Beine sinken. Doch dort bleibt sie nicht. Sie breitet sich überhall hin aus, bis sie ein leichtes Würgen geworden ist.
Langsam läuft sie durch den Englischen Garten, taucht unter der Menge auf dem Weihnachtsmarkt durch, rastet in einem Cafe. Es piept wieder.
- Schreib deine Pflichten auf.
Genüsslich lässt sie die Peinlichkeit durch sich sacken. Ja, antwortet sie und packt einen Zettel aus. Der Mann am Nebentisch muss wissen, was sie tut.
Sie schmilzt unter seinen Blicken.
Sie schleppt sich nach Hause, in Trance. Wieder ist die Zeit um ein halbe Stunde gesprungen. Das entscheidende Piepen.
- Du darfst um 19 Uhr klingeln.
Diesmal kommt keine Stimme aus der Sprechanlage. Ein Summen lässt sie hinein.
Die Tür ist angelehnt. Der Flur liegt im Dunkeln. Sie tritt ein, zieht die Wohnungstür hinter sich zu. Hinter der beleuchteten Glastür seines Zimmers sieht sie ihn sitzen, mit dem Rücken zu ihr. Sie hängt ihren Mantel auf den Haken, stellt die Stiefel ordentlich hin. Wirft ihr glitzerndes rosa Top in einen offen dastehenden kleinen Aluminiumkoffer, legt den Rock über dessen Rand. Wirft die Strumpfhose hinein. Holt die hohen Schuhe aus der Tasche und zieht sie an, stellt sich an die Tür. Ruft ihn leise mit fragender Intonation beim Namen.
-Bist du fertig? fragt seine Stimme.
-Ja.
Sie sieht seine Füße, die Jeans und das grün gestreifte T-Shirt, das sie noch vom letzten Mal kennt. Er drückt sie auf die Knie.

Es ist das Streifen des Seils an ihren Handgelenken.
Es streift an ihnen, während er es durch ihre übereinander gelegten Arme zieht.
Es ist das Zusammendrücken ihrer Oberarme auf dem Rücken.
Er tut es mit einem kleinen Ruck.
Es ist das Straffen des Seils auf ihrer Haut.
Er zieht fest zu.
Es sind seine knappen Bemerkungen. Auf die Decke. Auf den Bauch.
Es sind diese Dinge, die die Zeit anhalten. Die ihr Räume und Landschaften erschaffen, durch die es sich nur so schwebt.
Minutenlang hört sie nichts von ihm. Sehen kann sie längst nichts mehr. Eine feierliche Stille breitet sich um sie aus. Die Birnen in den Lampen surren, das Licht rauscht durch den Raum. Nicht einmal atmen hört sie ihn. Erst später kann sie sich vorstellen, wie er ausgesehen hat. Wie er sie mit ungerührtem Blick durch die Brillengläser angesehen hat. Ein Pennäler mit Fantasien.
Währenddessen jedoch verschwindet er in der sie umwabernden Luft. Mal spürt sie ihn hinter sich, mal ist er nicht zu orten. Plötzlich fühlt sie seinen nackten Fuß auf ihrem Kopf, wird zur Seite gedrückt. Ohne Gewalt, aber nachdrücklich. Dann zieht er sich wieder zurück. Raschelt nicht einmal. Leise läuft der Fernseher. Ein Zeichen aus einer anderen Welt.
Versickernde Zeit streichelt ihre aneinander gelegten Hände, liebkost die rote Baumwolle des Seils, das über Handgelenke, Oberarme und Fesseln läuft. Ihre Knöchel drücken aneinander. Sie darf sich nicht bewegen, um sich nicht selbst weh zu tun.
- Dreh dich auf den Bauch.
Er spricht tonlos, fast desinteressiert.
Die flauschigen Flusen der Decke pressen gegen ihre Brust, ihre Knie sind angewinkelt, die Füße ragen nach oben. Durch die Mitte der schwarzen Maske kann sie Zimmerausschnitte sehen. Eine Reihe von Buchrücken, rot-blau mit aufsteigenden Balken, die eine diagonale Linie ergeben. In ihrem Mund verursacht der Leder-Knebel Speichelproduktion. Die Nase schwillt zu. Sie muss schlucken, mit offenem Mund atmen, und immer ist er irgendwo hinter ihr.
Unsichtbar, unfühlbar. Bis gnädig eine Welle über sie schwappt, glänzendes Strandgut aus versunkenen Zeiten anschwemmt.
- Weißt du, wie lange du schon da liegst? fragt die Stimme irgendwann. Hände entfernen ihren Knebel.
Wie zart es sich anfühlt, die Sprache wieder zu finden. Rein perlen die Laute aus ihren Stimmbändern. Hauchen, auf Nachdruck verzichten, auf jegliche Illusion von Stärke.
-Eine halbe Stunde? fragt sie.
-Richtig.
Er bindet sie los.
-Kriech aufs Bett.
Er lehnt sich an die Wand, setzt eine Brille auf, durch die er unverwandt auf den Bildschirm starrt. Er hat einen Film eingelegt und den Fernseher lauter gestellt.
Wie schön er geworden ist. Ein junger, zarter Mann, ruhig, rein, intelligent.
Sie schaut zu ihm auf.
- Geh auf deinen Platz, sagt er. - Zu meinen Füssen.
Sie rutscht an das Gitter des Bettes. Sie spürt die zarte Haut seiner Füße neben sich. Draußen kann sie am Haus gegenüber ein Fenster erkennen. Es ist offen. Von dort kann jeder sie sehen, sich an ihrer Demütigung ergötzen.
Er steht auf. Sie hört metallisches Klappern. Er nimmt ihre Handgelenke, fesselt sie ans Gitterbett. Eine Hand nach links, eine Hand nach rechts.
Sie kann den Film nicht mehr verfolgen, nur noch die Stimmen hören. Und sein Gesicht mit dem unverwandten Blick, der über sie hinweg geht, betrachten.
- Es gibt verschiedene Arten von Sklavinnen, sagt er. - Du bist eine Hündin.
Die niedrigste von allen.
Sie spürt den Satz wie einen Stromstoß.

Da ist die U-Bahn. Sie ist blau und weiß und grün. Hinterlässt bei ihrer Abfahrt einen Silberstreif. Der Bahnsteig liegt in zarten Staub getaucht.
Seine Partikel tanzen im Neonlicht. Eine weiche Decke hat sich auf die Haut gelegt. Jeder Schritt ist ein Tanz in Wolken. Die Augendeckel klappen langsam, so dass mit jedem Mal unter ihnen die halbe Welt versinkt. Das Gehen
besteht nicht aus Schritten. Sondern aus wattigem Wabern.
Sättigung. Nicht des Magens und nicht des Geschlechts. Sättigung des tiefstinnerlichsten Organs. Noch innerlich der Gebärmutter, des Darms, des Innengewebes des Innenseins.
Gebettet auf Zuckerzeug, auf Watte, jedes Blutkörperchen spürbar, wie es durch Hautmuskeladern saust.
Sie schwebt nach Hause, eingehüllt in Ei-Haut.
Doch schon am nächsten Tag ist die U-Bahn wieder zum grauen Drachen geworden, der ratternd die Menschen verschlingt.

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