Sünde - Der Versuch einer Befreiung - Teil 7

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Sünde - Der Versuch einer Befreiung - Teil 7

Sünde - Der Versuch einer Befreiung - Teil 7

Michael Müller

Sieben Wochen war Ulrichs Mutter in dem Heim, sieben Wochen pochte sie mit ihrer nun schon schwachen Hand Einlass heischend an die Pforte des Himmels. Ihr schwaches pochen wurde in den weiten des Himmels aber lange nicht gehört. Erst nach sieben Wochen dürfte irgend ein Engel, vermutlich zufällig, auf ihr leises pochen reagiert und sie eingelassen haben.
Ihr Begräbnis war ehrfurchts- und eindrucksvoll. Fast alle Mitglieder der Pfarre, viele der Nachbarn, Nah- und Weitschichtigverwandte schritten hinter ihrem Sarg um diesen und die darin liegende Leiche Ulrichs Mutter auf dem letzten Weg zu ebendieser Ruhestätte zu begleiten. Der Pfarrer, zu Ulrichs Erleichterung ein junger und nicht der, dem er vor rund dreißig Jahren das erste Ausfließen seiner "Sünde" gestanden hatte, hielt die Grabrede und gab den Trauergästen auch einen Überblick über Mutters Lebenslauf. Das umfangreiche Manuskript in seinen Händen ließ viele der Anwesenden unruhig werden. Nach der Rede ließ Ulrich als erster eine Blume auf Mutters nun schon am Boden des Grabes ruhenden Sarg fallen, schmiss ein Schäuflein Erde nach und nahm dann, am noch offenen Grab stehend, mit seiner Rechten unzählige Hände schüttelnd, mit seiner Linken sich von Zeit zu Zeit Tränen aus den Augen wischend, Worte der Kondolenz entgegen. Diese klangen ebenso auswendiggelernt und inhaltslos als jene die er seit seiner Kindheit freitags als Einleitung seiner Beichte verwendet.
Ulrich verließ den Friedhof erst nachdem er dem Vorarbeiter der Totengräbertruppe, er erkannte ihn daran, dass dieser auf einen Krampen gestützt die Arbeit der beiden anderen beobachtete und kritisch kommentierte, eine Summe Geldes in seine erdverschmierte Hand gelegt hatte, die dessen Augen von berufsbedingter Trauerumflortheit zu leichtem Glanz verführten.

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