Suppe und Sex

22 11-18 Minuten 0 Kommentare
Suppe und Sex

Suppe und Sex

Anita Isiris

Sie nahm immer nur winzige Bissen zu sich, wissend, dass in der Gegend kaum ein Pilz wirklich tödlich war. Aber wenn, dann. Manchen Pilz schob sie sich auch in ihre Scheide, in Vollmondnächten, und dann wartete sie die aphrodisische Wirkung ab, die oft nicht lange auf sich warten liess. So gönnte sich Anna manchen kleinen Tod, mit pulsierenden Scheidenmuskeln und einer hochempfindlichen Clit, die sie nur kundig zu berühren brauchte, um zu explodieren – mitten im Föhrenwald, geschützt vom Moosdach ihrer Waldhütte.

Suppe und Sex wurde zu Annas Motto, und von beidem konnte sie selber nie genug bekommen. Manche Männer liess sie teilhaben am Suppe kochen, vor allem diejenigen, die sie als pilzkundig einschätzte. Die Brummbären, die grob auf sie wirkten, hatten das Nachsehen. Sie setzte ihnen Waldbeeren vor, zog sich in ihre Giftküche zurück und bereitete ihnen ein tödliches Suppengebräu, das sie aber immer so abschmeckte, dass es sahnig-frisch duftete.

Als dann den Männern, die ihr nicht gefielen und von denen sie sich bedroht fühlte,  Schaum vor den Mund trat, als sie die Augen verdrehten, als ihr Pferdegemächt auf die Grösse eines Karbol-Egerlings schrumpfte, auf die Grösse eines spitzgebuckelten Raukopfs gar, war es so weit. Freude herrschte in Annas Eingeweiden und in ihrem Herzen, und sie raubte die noch warmen Leichen aus. So konnte sie ein beträchtliches Vermögen anhäufen, was ihr wiederum ermöglichte, im Dorf ein Töpfchen mit Honig, Ringelblumensalbe oder sogar Kandiszucker oder einen Sonntagszopf zu erwerben. Die Kadaver versenkte sie nicht etwa an einer tiefen Stelle des Balmiflusses, denn sie brauchte ja Trinkwasser. Im Balmiwald gab es aber genügend Senken und Dellen, die die Leichname noch so dankbar aufnahmen. Des Nachts drang dann so lange schauriges Wolfsgeheul und Bärenknurren an Annas Ohren, bis die Raubtiere satt waren und von dannen zogen.

Anna trieb ihr Spiel ein Jahr lang, dieses eine Jahr, in dem sie sich vorgenommen hatte, allein in der Wildnis zu leben. Und weil böse Männer von niemandem vermisst und von niemandem gesucht werden, nimmt die Geschichte ein glückliches Ende.

Nach einem Jahr wurde Anna von ihrem Bruder und von Bonzovic, dem Knecht, mit einem Pferdefuhrwerk abgeholt. Das Vermögen, das sie mit Hilfe bestimmter Pilzsuppen-Zutaten angehäuft hatte, versteckte sie geschickt in den geheimnisvollen Innentaschen von einem paar ihrer Röcke, die sie auf der Fahrt nach Hause neben sich legte.

Für Männer, die sie besonders mochte, wie etwa Bonzovic, den Knecht, hatte sie weiterhin ein besonderes Schauspiel bereit. Sie setzte sich, untenrum nackt natürlich, auf einen Stuhl, knapp von einer Kerze beleuchtet. Dann zog sie die Beine an und lenkte den Blick des ihr gegenüber sitzenden Betrachters nicht etwa auf ihre nackte, behaarte Mumu, sondern auf ihre Füsse. Und dann liess Anna ihre Füsse tanzen, vor dem Hintergrund ihres dunklen Haardreiecks, zwischen dem die feucht glitzernde rosa Öffnung zu sehen war. Sie spreizte ihre Zehen. Legte ihre Füsse übereinander. Spreizte ihre Schenkel. Liess ihre Zehen einzeln miteinander reden. Ein wahres Frühlingsschauspiel, so archaisch, so sakral, dass sogar Jesus an seinen Nägeln gerüttelt hätte, um vom Kreuz herabzusteigen und die Herberge aufzusuchen, in der Anna ihr Schauspiel bot, so sie denn damals, vor über 2'000 Jahren, gelebt hätte.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 8180

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben