Su, siebzehn

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Su, siebzehn

Su, siebzehn

Matthias Brockmann

Als die Tage kürzer, der Herbstwind von See her über die Hügel brauste, an Bäumen zerrte, Gräser bog, die Haare der Menschen zerzauste, sich in die Haut der Gesichter schnitt, sie prickeln ließ, durch die dicken Wolljacken drang, die Körper zum Frösteln brachte, da war das Haus gemütlich warm. Ordentlich aufgeräumt, hell gestrichen, das Torffeuer im Kamin spendete herrliche Wärme. Draußen das Brüllen des Sturmwindes, innen das bleckende Züngel und Zischen der Flammen an den Torfstücken, gewaltige musikalische Kompositionen der Meisterin Natur, audiovisuelle Symphoniesätze in fortissimo und adagio.
Su und Friedrich tranken Tee, spielten Karten oder Mensch ärgere dich nicht. Manchmal las er ihr vor. Oder sie, die junge Streunerin, die er vor Wochen an einem Regentag unter seinem Vordach traf, ins Haus zum Aufwärmen einlud, erzählte ihm von den erlebten Wichtigkeiten des endenden Tages.
Wenn er dann alleine im Bett lag, den Tag reflektierte, verstieg er sich manchmal in den Gedanken, daß ihr Zusammenleben dem von Sokrates und Platon gleichen würde. Er, Friedrich-Sokrates, fünfzig, der Lehrer, sie, Su-Platon, siebzehn, die Schülerin. In ihr wird sein Gedankengut über ihn hinaus weiter leben, träumte er schwärmerisch. Von einer Xanthippe - entschuldige Corinna, dachte er dazwischen - war er geschieden. Einem Prozeß wegen angeblicher Einführung neuer Götter konnte er gelassen entgegensehen, er war absolut schuldlos. Der Schierlingsbecher würde an ihm vorüber gehen. Auch hatte er die Jugend nicht verführt, eher sie ihn.
Su hatte sich angewöhnt, beim Vorlesen auf Friedrichs Schoß zu sitzen, ihren Arm um ihn zu legen oder ihren Kopf auf seiner Schulter auszuruhen. An einem Oktoberabend, der Kamin heizte dermaßen, daß sie beide ihre Pullover ausgezogen hatten, nur im T-Shirt dasaßen, die sich ständig bewegenden, immer wieder andere Formen annehmenden gelblich rötlichen Abbilder der Flammen sich auf dem weißen Stoff und in ihren Gesichtern spiegelten. Es sah aus, als wären sie im Feuer, der Stuhl der Scheiterhaufen und die Flammen würden an ihnen züngeln, sie verbrennen. Sie tranken einen kräftigen Teepuntsch, ihre Köpfe waren hitzig.
Friedrich las Su und sich wieder aus Der kleine Prinz vor. Sie mochte diese Geschichte sehr, ja sie liebte sie, war begierig, mehr aus ihr zu hören. Er belustigte sich über ihre naive Freude. Su saß auf seinem Schoß. Aufgeregt rutschte sie hin und her, und er meinte, daß sie ihr Geschlecht an seinem rieb, war sich nicht sicher. Irritiert bemerkte er, daß sein Penis sich versteifte, zu einem Stachel wuchs, mit dem er in ihr Fleisch eindringen, mit dem er sich selber stechen, verletzen konnte.
Es wurde ihm heiß, er schwitzt. Hatte Mühe mit dem Lesen. Beugte sich mehr nach vorne, um sein Glied vor der Reibung zu schützen, es vor Su zu verstecken.
Su kam ihm entgegen, drückte ihren Busen an seine Brust. Friedrich las mit zitteriger Stimme weiter, versuchte sich abzulenken, bemerkte, daß Su ihm wie der kleine Prinz von dem anderen Stern vorkam, mußte daran denken, daß sie eines Tages zu ihrem Planeten aufbrechen, aus seinem Leben verschwinden würde. Hastig las er weiter, verhaspelte sich, wollte ganze Absätze auslassen, um schneller zum Ende zu gelangen, um aufzustehen, der peinlichen Situation zu fliehen. Su protestierte, schlug mit ihren Fäusten gegen seine Brust, befahl ihm im motzigen Ton weiterzulesen. Er fügte sich ihrem Drängen, gehorchte, schwitzte dabei unter ihren Anschmiegungen, las weiter, bis zum traurigen Schluß der Erzählung, schlug dann ermattet das Büchlein zu.
Su schlang ihre Arme um Friedrich, Tränen standen in ihren Augen, kullerten über ihre Wangen. Ihre Traurigkeit rührte ihn, zugleich spürte er eine eigenartige Niedergeschlagenheit in sich, fühlte einen Schleier von Feuchtigkeit in seinen Augen, schloß sie schließlich, um dem Mädchen seine Gefühle nicht zu zeigen. Plötzlich spürte er ihre Lippen auf den seinen. Sie küßte ihn, erst zaghaft. Dann vordernder, gieriger: Ich liebe Dich! Sie drückte ihr Geschlecht an seines. Friedrich fiel. Er fiel vom Stuhl, auf den Boden, in ein tiefes Loch, in einen nicht enden wollenden Schacht.
Der draußen tobende Sturm war nur ein laues Lüftchen im Vergleich zu seinem Gefühlsorkan. Su hatte ihn vom Stuhl gezerrt. Auf dem Boden rollten sie, er auf der Flucht vor ihr, die ihn immer wieder mit ihren Armen und Schenkeln einfing, mit ihren Lippen fesseln wollte, rollten fast ins Feuer.
Sie kämpften miteinander, gegeneinander, zerrten an seiner Hose in verschiedenen Richtungen, er festhaltend, sie ausziehend. Ein Fanfarenstoß, die Hose, seine Hose, ein Siegesbanner in ihrer hochgereckten Hand. Ihre kleinen Brüste unterdrückten Friedrichs letzten Widerstand. Besiegt lag er, zwischen ihren Schenkeln gefesselt, auf dem Rücken. Über ihm thronte Su, siebzehn Jahre, Eroberin, suchte den Goldschatz, griff ihn sich, raubte und versteckte ihn in ihrer Schatulle.
Du brauchst keine Angst haben, sagte sie. Küßte den besiegten Friedrich, weil ihr keine tröstenden, aufmunternden Worte einfielen. Ich bin keine Jungfrau mehr.
Wieder küßte sie ihn, ganz zärtlich, fast nur ein Hauch; dann begann sie sich langsam über ihn zu bewegen.
Friedrich wollte fort, weit weg von ihr. Doch sie hielt ihn fest, ihn, der sich nicht bewegen konnte, auch wenn er frei gewesen wäre, nicht hätte fliehen können. Kinderschänder, rief es in seinem Kopf; Vater, Tochter, Inzest.
Er stöhnte unter ihrer Lust und begann sich in ihrem Rhythmus zu bewegen, ihr entgegenzukommen. So brannten sie in ihrem Feuer. Schweiß lief lavagleich über seine Haut, sammelte sich im Tal einer Bauchfalte. Su schlürfte ihn als. Aus Su wurde Susan, dann Suzanne. Friedrich lauschte seiner französischen Aussprache nach. Suzanne. Verzückte sich daran, vergaß die Tochter, das Kind, dachte nur: geliebte kleine Suzanne. Geliebte. Erwiderte benommen ihre Küsse.
Beim Morgengrauen räumten sie gemeinsam um, trugen sein Bett in ihr Zimmer, schoben es neben das ihre.
Jetzt haben wir ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, wie eine richtige Familie. Ihre Augen leuchteten glücklich auf. Jetzt sind wir ein richtiges Paar. Sie zog ihn ins Bett, kuschelte sich an ihn, streichelte ihn. Ein richtiges Paar.
Lange noch lauschte er ihrem gleichmäßigen Atem, wagte sich nicht zu bewegen. Zu gerne hätte er ihr entspanntes, friedliches Gesicht gesehen, um die schwarzen Wolken zu verdrängen, sich von den Gedanken an die ungehörige böse Tat und von seiner Schuld zu befreien.
Die Tagesabläufe blieben unverändert: Hausputz, Kochen, Essen, Spielen, Lesen, nur war noch mehr Lachen in ihnen. Unterdrücktes ängstliches bei Friedrich, heiter glückliches bei Su. Mit jeder weiteren Nacht aber wurde Friedrich freier, entspannter.
Die Nächte des Herbstes, des Winters, des Frühjahrs waren voller neuer, erregender Zärtlichkeit. Und Friedrich wurde mit jeder Nacht süchtiger. Suzanne, Lilie, wie treffend die hebräische Bedeutung ihres Namens. Sie war seine Blume, ein Blütenkelch, in den er, von verführerischen Düften angelockt, insektengleich hineinkroch, sich an dem köstlichen Nektar labte. Ihre Offenheit, manchmal dachte er auch ihre Naivität, überwältigte ihn. Er hatte das Gefühl, unter ihrer Anleitung zum ersten Mal körperlich zu lieben. Eine siebzehnjährige, die dem fünfzigjährigen die Liebe lehrt. Wie hölzern die Intimitäten mit Corinna gewesen waren. Unbeteiligt waren sie beide dabei gewesen, als ob sie sich nach einem Lehrbuch gerichtet, es Seite um Seite, Kapitel um Kapitel unbeteiligt durchgeliebt hätten. Su aber riß ihn mit. Wie ein Sturmwind spielte sie mit ihm als Blatt, das sie aufwirbelte, streichelnd durch die Lüfte trieb. Sie trug ihn über alle Hindernisse. Gab ihm das Gefühl, mit seinen ausgebreiteten Schwingen, einem großen Albatros gleich, zwischen Himmel und Erde über unbekannten Landschaften zu schweben.

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