Tattoo art

Lost in transformations - Teil 2

4 41-62 Minuten 0 Kommentare
Tattoo art

Tattoo art

Yupag Chinasky

Nach einem Schlückchen verraucht der Zorn des Meisters für eine Weile und der Schrille hält sich zurück. Doch schon bald geht das Spielchen von neuem los. Der eine will sich ungestört auf seine heikle Arbeit konzentrieren, der andere will seine Arbeit ebenfalls bestmöglich erledigen. Beides geht nicht gleichzeitig und so fängt der Fotograf wieder an, sich vorzudrängen, sich unbeliebt zu machen und der Tätowierer sagt schließlich doch etwas, heftiger als gewollt, wütender als beabsichtigt. Er weist das Bürschlein in seine Schranken und das regt diesen so auf, dass er nun auch zu dem universalen Beruhigungsmittel greifen muss, dass auch er den Stoff der Träume will, den er bisher gemieden hat. Doch greifen ist das falsche Wort. Der Schrille kommt auf einmalige, höchst bemerkenswerte Weise zu seiner Sakeration. Er will nicht nur trinken, um sich zu beruhigen, er will auch Tuchfühlung zu dem Objekt seiner Begierde aufnehmen, zu seiner Mulattin, wenn auch nur kurzfristig, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Tuchfühlung ist wieder das falsche Wort, Hautfühlung müsste es heißen. Er will das tun, was der Tätowierer andauernd macht, er will diese wunderschöne, braune Haut berühren, nicht mit den Fingern oder gar mit einem Stichel, nein mit seinen Lippen will er die Schokoladenhaut karessieren. Er kniet sich neben die Wanne, dem tattoo artist gegenüber, neigt den Oberkörper, nähert sein Gesicht sowohl der Sakeoberfläche als auch der Meerjungfrau. Dann, kurz bevor er sein Ziel erreicht hat, den Meerbusen, streckt er weit seine Zunge raus, seine rote, schmale Zunge mit weißlichem Belag, taucht sie in den Schnaps, dirigiert sie zu dem Naturhafen, der von den beiden halb eingetauchten Halbkugeln gebildet wird. Seine naschhafte Zunge umspielt die Hügel, wandert ein wenig an ihnen hoch, taucht ein wenig seitlich ab, leckt dann an den braunen Knospen, den hoch aufgerichteten Kanonen knapp über der Sakeoberfläche, die den Zugang zum Inneren des Hafens bewachen, tanzt um diese beiden goldenen Kälber der Weiblichkeit und schlängelt sich schließlich in das Tal der Träume, in die Bucht der Seligkeit. Erst dort, im sicheren Hafen, fängt sein sich windendes Zungentier an, Reiswein in den Mund zu befördern. Der schrille Fotograf säuft wie ein Hund. Er schlabbert und schlürft laut und ungeniert, wie einer der Proleten beim Festessen der Viridiana. Die rastlose Zunge drängt sich immer wieder an den Hügeln und den steilen Kanonen vorbei in die Tiefen der Bikini Bay, wühlt und schlängelt dort, zieht sich dann zurück in den Mund und nimmt ein paar Tröpfchen des begehrten Trankes mit. Dort werden sie gierig verschluckt, ehe das Zungentier sich erneut auf seine Tauchfahrten begibt. Es dauert, bis der Schrille auf sein Quantum kommt. Der Tätowierer wartet wütend bis der Schrille seinen Pegel erreicht hat. Er ärgert sich, dass der das darf, schlabbern, lecken, alle warten lassen, ihn und die Herrin des Hafens kirre machen. Die Frau vibriert leise und rutscht auf ihrem Hintern hin und her, während der Schrille triumphiert. Er darf in der Tat alles. Er nimmt sich jedenfalls heraus, was er will. Er ist ein Siegertyp. Er ist erfolgreich. Der Erfolg heiligt die Mittel. Erfolgreichen wird alles verziehen. Diesen kleinen, mickrigen Erfolgreichen bremst weder der ungeduldige Blick des Tätowierers noch der indignierte Gesichtsausdruck der Mulattin, die sein Gesabber höchst unschicklich und lästig findet, die aber nicht verhindern kann, dass es sie erregt und aufgeilt. Aber der Schrille schaut weder in das Gesicht der einen noch in das des anderen. Er konzentriert sich auf den Hafen, auf den Sakemeerbusen, auf die abwehrschwachen Befestigungsanlagen, die sanften Rundungen der Berge, die unergründliche Tiefe des Tals und auf den köstlichen Sake. Er taucht und forscht und schlabbert, wie ein durstiger Hund, wie eine sich suhlende Sau. Der Tätowierer wartet, die Frau erduldet. Sie muss erdulden, nicht nur das Gelecke des Fotografen, auch das Gestichele des Tätowierers. Geld und Ruhm haben ihren Preis und Erdulden ist der Preis, den sie zu bezahlen hat. Schließlich hat ihr der Schlecker den Job verschafft. Um dieses Erdulden zu erleichtern, stärkt sie sich auch mit einem Schlückchen aus dem Meer der Träume. Nun ist der Schrille befriedigt, hat auch seinen Durst gestillt und die Zunge wieder in ihre Höhle verbannt hat. So bekämpfen alle drei ihre Anspannung mit dem gleichen Mittel, doch jeder auf seine Weise und alle wandeln weiter auf dem Weg, der sie direkt in ihr Verhängnis führt.
Auch der dritte Mann gibt sich seinen Gefühlen und diesem himmlischen Tranquilizer hin. Während die Nacht hereinbricht, der Drache wächst, das Mädchen leidet, der eine Meister virtuos sein Messer führt und der andere ihn nun wieder bei seinem Tun belauert, sitzt der Alte scheinbar ruhig und ungerührt auf seinem Sofa und trinkt ab und zu ein Schlückchen Sake. Er trinkt, weil er immer Sake trinkt, weil Sake zu seinem Leben gehört, weil er ihn braucht und weil ihm erst nach reichlich Sake seine Ideen kommen, so diese, eine Frau in einem Sakebad tätowieren zu lassen. Der Alte wartet geduldig darauf, dass ein wichtiger Teil seines Quadtryptichons vollendet wird: bondage art, food art, dancing art und jetzt noch tattoo art. Er schenkt sich Sake nach und wartet auf eine Gelegenheit, sich dieser dunklen Frau zu nähern, auf den Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr diesen beiden gehört, sondern nur noch ihm. Er will das Kunstwerk auf ihrer Haut anschauen. Er will sich die Details einprägen, damit er es mit dem Werk des digital artists vergleichen kann. Das Mädchen wird ihn noch an diesem Abend verlassen und den Drachen naturgemäß mitnehmen. Er wird beide wohl nie mehr sehen. Nur die Werke des digital artists wird er täglich sehen, sie werden sein kostbarer Besitz, die Kulminationen seiner Phantasien, das Konzentrat seiner geheimen Wünsche. Er wird sie an die Wände seiner Wolkenwohnung hängen und sich an ihnen ergötzen, Tag für Tag, Tag und Nacht, wann immer er will, wann immer ihn die Lust überkommt.  
Der Transformator, an den diese hohen Erwartungen gestellt werden, sitzt wie immer Tausende Kilometer entfernt vor seinem Computer. Er wertet die Bilder aus, die der schrille Fotograf ihm zuschickt. Das Mädchen in der gläsernen Wanne vor den Fenstern im Abendrot ist eine leichte Übung. Routiniert sucht er sich die besten Bilder aus und führt gekonnt und ohne viel<y nachzudenken, die wenigen, aber notwendigen Verbesserungen durch. Er passt hier den Ausschnitt an, verstärkt dort die Kontraste, optimiert auf dem einen die Gradationskurve, intensiviert auf dem anderen die ohnehin schon kräftigen Farben, entscheidet sich für eine partielle Aufhellung an der einen Stelle und für eine differenzierte Abschwächungen an einer anderen. Viele Bilder, im Gegenlicht aufgenommen, sind dunkel, kontrastreich, geheimnisvoll. Braune Haut ist schöner als helle Haut, findet er, dunkelhäutige, exotische Mädchen sind allemal attraktiver als die bleichen, nördlichen Blondinen. Er findet sie sogar attraktiver als die gelblichen Suzy Wongs, die das Blut durchaus in Wallungen bringen können. Aber dunkle Schokolade ist nun mal schmackhafter als weiß-bleiches Eisbein oder Tofu. Nach der ersten Phase konzentrierten Arbeitens macht er, wenn auch nur halb zufrieden eine Pause. Die Bilder sind gut und schön, keine Frage, aber es ist Beautydurchschnitt, geeignet für Hochglanzmagazine, aber keine Kunst, wie er sie sucht. Und vor allem, wo bleibt das Tattoo? Er nimmt die stets griffbereite Flasche aus dem Regal über dem Computer. Diesmal soll Sake seine Phantasie beflügeln und seine Arbeitslust stärken. Der Mäzen hatte ihm vor längerer Zeit diesen neuen Auftrag, wie immer per E-Mail, mitgeteilt. Einem dunkelhäutigen Modell wird in einem Sakebad ein Drache auf die Haut tätowiert. Er hatte keine Ahnung, was das Sakebad bedeutet, nun weiß er wenigstens, was damit gemeint war. Auch Tattoos waren für ihn bisher eine fremde Welt. Deswegen hatte er sich eingehend über japanische Tattoos informiert. Er hatte das Internet durchforstet, sich einschlägige Bücher besorgt und in kurzer Zeit ein recht umfangreiches Wissen über diese spezielle Hautkunst angehäuft. Der Hinweis auf das mysteriöse Sakebad hatte ihn animiert, an diesem Abend den gewohnten Whisky durch Sake zu ersetzen. Und so herrscht auch bei ihm Sakemania, wenn auch nur mit billigem Reiswein aus dem Kaufhaus und ohne Geisha, die ein weit edleres Produkt angewärmt und mit höflicher Verbeugung in einem winzigen Schälchen dargereicht hätte. Ein kräftiger Schluck aus der allzeit bereiten Flasche muss reichen, um eine Verbindung zwischen West und Ost herzustellen, um Raum und Zeit zu synchronisieren und seine Inspiration mit der des fernen Tätowierers zu harmonisieren.
Die Mailbox spielt eine kurze Melodie. Nun treffen die ersten Tattoobilder ein und er erkennt die groben Umrisse eines Drachens auf der Haut des Mädchens. Die Eckpunkte sind gesetzt, die Form ist angerissen. Der digital artist weiß nun, was der Tätowierer vorhat, welchen Drachentyp er plant. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um seine eigenen Vorstellungen umzusetzen. Jetzt kann er anfangen, den Plan zu verwirklichen, der in seinem Hirn reifte, seit er wusste, was der Mäzen dieses Mal wollte. Er hat sich mehr vorgenommen, als nur ein farbiges Tattoo auf einer dunklen Haut in ein aufregendes Bild zu verwandeln. Das wäre zwar auch eine Herausforderung, aber dieses Mal will der digital artist mehr, dieses Mal will er nicht nur reagieren, nicht nur die Vorlagen des emsigen Fotografen bearbeiten und ein eigenes Bild daraus kondensieren, dieses Mal will er etwas völlig Eigenständiges schaffen. Die Arbeit des Tätowierers und die Bilder des Fotografen werden ihm nur als Anregungen dienen, als Entwurfsskizze, als sparring partner für einen neuen Wettkampf. Er hat vor, auf künstlicher Haut, auf der virtuellen Oberfläche eines digitalen Kunstobjekts, ein Tattoo entstehen zu lassen, das am Ende des Schaffensprozesses wieder real sein wird. Er wird reale Drucke erstellen, Bilder auf edlem Papier, zum Anfassen, zum Aufhängen, zum Bewundern. Seine Bilder werden eine eigene Realität darstellen. Second life wird gegen first life antreten und den Sieg davontragen, die Krone erobern. Seine Bilder werden besser sein als das, was der Tätowierer schafft und besser als das, was der Fotograf ablichtet. Er wird ein Kunstwerk, schaffen, wie es noch keiner jemals gestaltet hat.
In den unergründlichen Weiten des Internets hatte der digital artist ein neues Programm entdeckt und sich eine Testversion heruntergeladen. Das Programm, erstellt von einem genialen Spinner, hatte ihn bei den ersten Versuchen fasziniert und überzeugt. Es bietet die Möglichkeit, virtuelle, künstliche Oberflächen zu schaffen und auf diesem Gemälde entstehen zu lassen, auf Leinwand, Beton, Holz. Seine eigene Idee war, eine künstliche Haut zu schaffen und darauf ein Tattoo zu setzen, ein Tattoo, das seinen Auftraggeber in Verzückung versetzen sollte. In akribischer Tüftelei hatte er sich eine virtuelle Arbeitsfläche eingerichtet, die nun auf dem Monitor erschien: den halben Oberkörper einer dunkelhäutigen Frau, von der rechten Brust, über Schulter und Oberarm zum Hals und dem Gesicht. Für die Struktur der Haut hatte er viel Sorgfalt aufgewendet. Farbe und Struktur mussten stimmen, nicht zu dunkel, nicht zu hell, nicht zu glatt, nicht zu rau. Sie durfte auf keinen Fall von klinischer, steriler Reinheit sein. Sie musste lebensecht wirken, mit dezent dosiertem Pickel, mit minimalen Verunreinigungen, einigen Poren und Härchen, eine Haut, die dem Betrachter extremen Realismus suggerierte. Diese Herausforderung hatte er gemeistert. Da die geniale Software auch in der Lage ist, den Körper dreidimensional darzustellen, kann er sein Modell nach Belieben drehen und wenden, Details heranzoomen, Varianten ausprobieren, sie übernehmen oder verwerfen. Seine linke Hand liegt entspannt auf der Tastatur, bereit, die notwendigen Befehle einzugeben, mit der rechten führt er die Maus. Nun ist er so weit, nun kann er beginnen. Die Arbeit verlangt höchste Konzentration und Präzision. Er übernimmt Teile aus den Vorlagen des Fotografen, kopiert sie auf seine Haut, verändert sie, zeichnet eigene Linien, füllt farbige Flächen, korrigiert Unregelmäßigkeiten, verbessert hier, verstärkt dort. Es ist die schwierigste Arbeit, die er sich bisher vorgenommen hat und es soll das beste Bild werden, das er je geschaffen hat. Sein Bild wird besser sein als die Ablichtungen des Fotografen, sein Tattoo wird besser sein als die Realität des alten tattoo artists, sein künstliches Modell wird überzeugender sein als die lebende Frau. Er wird beweisen, dass Jugend vor Alter, Technik vor Erfahrung kommt und dass seine Scheinwelt die reale Welt übertrumpft.
Auf der Haut des virtuellen Modells nimmt nun auch sein Drache Gestalt an. Das rechte Bein löst sich in filigrane Strukturen auf, die eine wohlgeformte Brust umklammern. Drachenzehen umfassen die Brustwarze wie eine große, feste, dunkelbraune Nuss. Das linke Bein verliert sich auf dem Rücken, verschwindet wie in einer Nebelbank. Der grüne Leib ist fein heraus ziseliert. Jede Schuppe ist sichtbar, man meint über eine Krokohaut streichen zu können und deren Rauheit zu fühlen. Die Flügel sind kurz davor, sich zu entfaltenden, man möchte sie ergreifen und vollends ausbreiten. Auch bei seinem Drachen schmiegen sich die Vorderbeine um den Hals des Modells und der Kopf erstreckt sich auf seine Wange. Auch er wird fauchen und den Betrachter böse anschauen und ihn in eine vergangene, irreale, surreale Welt versetzen.
Der digital artist arbeitet lange und konzentriert bis seine Arbeitshand anfängt, leicht zu zittern. Es entstehen Fehler. Er muss immer öfter korrigieren, löschen, Verbesserungen vornehmen. Um wieder zu seiner Gelassenheit zu finden, greift er zu der Sakeflasche. Ein Schluck und die Hand werden ruhiger, ein weiterer Schluck und der Blick wird klarer, der nächste Schluck lässt die Gedanken schneller kreisen und der letzte bewirkt, dass sein Schaffensdrang ihn übermannt. Die Arbeit geht wieder rasch und präzise vonstatten. Sake ist genauso gut wie der vertraute Whisky. Schnaps ist Schnaps, Hauptsache Alkohol, stellt er ein wenig resigniert fest und arbeitet verbissen weiter. Sein Bild, sein Drache wird gut werden, daran hat er nun keine Zweifel mehr.
Nach Stunden ist das Werk fast fertig und er konzentriert sich nun auf das letzte, schwierigste Detail, auf das Auge des Drachens, ein rotes, böses Auge auf dem Hals des Mädchenmodells. Es gefällt ihm noch nicht, er muss noch etwas ändern, ein paar Details verbessern, dem Blick mehr Tiefe, mehr Ausdruck geben. Erst verstärkt er die schwarze Umrandung, dann zeichnet er akribisch ein kompliziertes Muster auf die Iris, schwarze Linien auf rotem Grund. Jetzt ist nur noch die Pupille übrig, eine leere, schwarze Fläche. Er zoomt sich hinaus und betrachtet das Bild aus der Entfernung, dann zoomt er sich wieder hinein, so weit es geht. Er ist unzufrieden. Diese monochrome Pupille gefällt ihm nicht. Er muss etwas hinein zaubern, etwas, das dem Auge mehr Ausdruck verleiht, nein, nicht nur mehr Ausdruck, auch Bosheit und Niedertracht. Er muss den Blick des Drachens interessanter und suggestiver machen und das geht nur, wenn er die Pupille zum Leben erweckt. Ein Gedankenblitz jagt durch sein halb besoffenes Hirn, verdichtet sich zu einem Bild, zu einer Vision und die Maushand fängt an, die Botschaft umzusetzen. Hier ein Gedanke, dort eine minimale Bewegung, hier eine Eingebung, dort die Ausführung. Er ist dabei, sich selbst in seinem Werk zu verewigen. Sein eigenes Antlitz soll sich in der Pupille spiegeln, sein markantes, scherenschnittartiges Porträt, signalrot auf schwarzem Untergrund. Er selbst wird dem Fabelwesen Leben und Bosheit einhauchen und zugleich wird er ein Brandzeichen setzen, eine versteckte Signatur, den Nachweis der Authentizität, wie es auch andere große Künstler mit ihren weltberühmten Werken gemacht haben. Er dirigiert den Cursor in die Mitte der Pupille, die linke Hand drückt auf der Tastatur die Kombination für rot, der Zeigefinger drückt auf die rechte Maustaste, die Farbe fließt.
Auch der tattoo artist hat sein Werk fast beendet. Zuletzt arbeitete er an den züngelnden Flammen, die aus den Nüstern des Drachen lodern und die braune Wange des Mädchens blutrot einfärben. Leuchtendes Rot auf brauner Haut, auch für ihn ein schwieriges Unterfangen. Aber er hat es geschafft, er ist der Meister, er hat das Wissen und die Fähigkeiten. Dann hält er inne, gönnt dem erstarrten Modell eine Pause und betrachtet sein Werk. Er steht auf, schüttelt seine Hände aus, schaut sich das Tattoo aus verschiedenen Perspektiven an. Er ist offensichtlich nicht völlig zufrieden. Etwas stimmt nicht. Der dämonische Drache ist ihm zu nichtssagend, zu harmlos. Er schließt die Augen, dann ein tiefer Schluck Sake aus der Teetasse und plötzlich weiß er, was nicht stimmt. Es ist das Auge, das böse Auge des Drachens. Es ist zu ausdruckslos, zu harmlos, zu flach, weder eindringlich noch suggestiv. Es muss herausgehoben werden, es muss richtig böse funkeln, die Bosheit dieser Welt muss sich in diesem einen Auge ausdrücken. Es soll den Betrachter faszinieren und gefangen nehmen. Es soll leuchten, wenn die Trägerin angespannt ist, wenn sie selbst böse ist und es soll friedlich erscheinen, wenn sie entspannt ist. Der Meister denkt nach. Noch ein Schlückchen von dem klaren Ideengeber, dann weiß er, was er zu tun hat, dann ist das Muster in seinem inneren Auge entstanden und er muss es nur noch übertragen. Aber er zögert, denn er weiß, dass dieser Eingriff gefährlich ist. Er weiß, dass er an dieser Stelle, auf der pulsierenden Halsschlagader, ganz besonders vorsichtig zu Werke gehen muss, dass er den Stichel nur ganz sanft setzen darf, dass er das Skalpell nur über die Haut gleiten lassen darf, fast schwebend, aber doch tief genug, damit sie geritzt wird und die Farbe, das giftige rote Zinnober und die tiefschwarze Kohle in die Umrandungen eindringen kann. Der tattoo artist konzentriert sich wieder und beginnt mit dem schwierigen Unterfangen. Mit der linken Hand stützt er sich auf den Rand der Wanne, die rechte Hand führt das Skalpell an den Hals des Mädchens. Es ist teuflisch scharf und spitz.
Sein Opfer, die Mulattin, lehnt die ganze Zeit mit dem Rücken am Wannenrand. Sie hat ihre Position kaum verändert, seit sie in den Sake eingetaucht ist. Sie war tapfer, geduldig und regungslos, solange der tattoo artist an ihr gearbeitet hat. Doch nun ermahnt er sie nochmals und sehr eindringlich, unbedingt ganz ruhig zu bleiben, sich auf keinen Fall zu bewegen. Sie versteht ihn nicht, sie spricht nicht seine Sprache. Der Fotograf übersetzt. Sie blinzelt zustimmend mit den Augen. Sie scheint die Ruhe selbst zu sein. Ganz im Gegensatz zu dem aufgeregten, hibbeligen Lichtkünstler, der nichts verpassen will, der seine Kamera so dicht wie möglich am Ort des Geschehens halten will, der bestrebt ist, jedes Detail, jeden Stich, jeden Schnitt Format füllend aufzunehmen. Bei seinem Herumhampeln und Vordrängen stößt er den tattoo artist wieder leicht an, ausgerechnet in dieser heiklen Phase. Dieser, ohnehin höchst angespannt, reagiert empört. Er lässt die Hand mit dem Skalpell wieder sinken, gibt seine mühsam bewahrte Zurückhaltung auf und zischt dem Fotografen ein paar harsche Wort zu, eine Ermahnung ruhiger zu werden, mehr Abstand zu halten, aufzupassen, sein dummes Verhalten störe ihn und könne das Mädchen gefährden. Die Worte des Tätowierers sind unverblümt und der junge Mann, trotz seines großkotzigen Gehabes ein Sensibelchen, gerät in Wut. Er weicht zurück, rückt von dem Ort des Geschehens ab, aber nur, um sich die nächste Ration Aufputschmittel zuzuführen, obwohl ein Beruhigungsmittel besser wäre. Wieder schlabbert er Sake, wieder direkt mit der Zunge, wieder wie ein halb verdursteter Hund. Doch die sich windende Zunge taucht nun nicht in den vertrauten Meeresbusen ein, der Mund schlürft nicht in dem Hafen, der immer noch von den beiden, braunen, nun aber schlaffen Kanonen bewacht wird, nein, das neue Einsatzgebiet ist das Zehenarchipel, sind die Atolle, die sich von Zeit zu Zeit am Fußende der Wanne bilden, wenn das Mädchen ihr starre Haltung lockert, die Lage der Beine verändert und die Füße bis zum Sakepegel hochhebt. Der Stoff, der diesen Pegel bildet, wirkt sofort und wie gewünscht. Er versenkt den Schrillen fast ihn in Trance, der nun vor sich hin stiert für einige Zeit sogar vergisst, den Auslöser der Kamera zu betätigen. Doch die latente Wut auf den Tätowierer hat der Ausflug in die Südsee nicht vertrieben.
Das Mädchen im Sakebad, das Zielobjekt der beiden Streithähne, fühlt, wie angespannt die Situation ist. Sie merkt, wie rücksichtslos der Fotograf handelt und wie nervös der tattoo artist reagiert. Trotzdem gibt sie sich nach wie vor scheinbar teilnahmslos und ungerührt. Aber der Schein täuscht. Sie sitzt zwar immer noch stocksteif in der Wanne, kämpft aber mit sich selbst. Auch sie hat von dem Opiatersatz, in dem sie ruht, reichlich geschlürft, immer dann, wenn der Meister ihr und sich eine Pause gegönnt hat. Dann hat sie Sake mit der hohlen Hand geschöpft und getrunken und die Hand abgeleckt. Sie hat nicht wie ein Hund, wie der Fotograf, geschlabbert, sondern alle Tropfen von ihrer hellen Handfläche sorgsam abgeschleckt, wie eine Katze, die mit ihrer geschmeidigen Zunge Milch aufleckt. Ihrer weichen, biegsamen, rosaroten Katzenzunge ist kein Tröpfchen entgangen. Immer und immer wieder hat sie die Hand benetzt und abgeleckt, benetzt und abgeleckt. Jetzt, in der Schlussphase der Drachengeburt, spürt sie die Wirkung dieser Tröpfchentherapie. Auf einmal schlägt die Gelassenheit in große Müdigkeit um. Sie hat nun große Mühe, ihre Sitzposition beizubehalten. Sie kann kaum noch den Oberkörper aufrecht halten. Sie kann kaum noch den Hals bewegungslos dem Tätowierer darbieten. Sie ist kaum noch in der Lage, die Augen offenhalten. Der große schwarze Vogel Müdigkeit hat sich auf sie herabgesenkt und umfängt sie mit seinen Schwingen. Sie kämpft gegen ihn an, sie versucht ihn zu verscheuchen, doch er wird immer größer und bedrängt sie immer heftiger. Sie droht seinem Werben zu erliegen, umzukippen und in dem Gebräu zu versinken. Aber um eine Pause will sie dennoch nicht bitten. Sie will den Fluss der Arbeit nicht unterbrechen. Sie will die quälende Sitzung nicht noch weiter hinauszögern. Sie will nur noch, dass endlich alles vorbei ist und dass sie sich ausruhen kann, dass sie sich diesem süßen Verlangen Schlaf hingeben kann. Aber noch ist es nicht so weit, noch muss sie tapfer sein und so kämpft sie verbissen gegen das Blei hinter den Augenlidern und hält sich eisern und mit großer Willensanstrengung aufrecht. Jedes Mittel ist ihr recht, dem Vogel Schlaf zu widerstehen, der sie umgarnt, einlullt, einspinnt und sie in die verführerische Tiefe eines seligen Nirvanas hinab ziehen will. Um beides zu vermeiden, einzuschlafen und einzutauchen, hat sie die Unterarme fest auf den Rand der Wanne gepresst und die Augen weit aufgerissen. Krampfhaft starrt sie auf die großen Fenster, durch diese hindurch in die dunkle Nacht, auf den Teil der Glitzerwelt, den sie von der Wanne aus sehen kann und weiter zum Horizont, den sie mehr ahnen als sehen kann. Aus ihrem Bardo, ihrem Zwischenreich, halb wach, halb Traum, starrt sie in die reale Welt, auf ein Gemenge von Hell und Dunkel, von Lichtern und Schwärzen, von Reflexen und Spiegelungen, von Dunst und Nebel. Und plötzlich sieht sie, erst verschwommen, aber dann zunehmend deutlicher, etwas Ovales, ein helles Dreieck, einen Kegel. Sie weiß sofort, intuitiv, dass dies der heilige Berg ist, von dem sie bisher nur gehört, ihn aber noch nie gesehen hat. Es ist wie eine Eingebung, wie eine hoffnungsvolle Erscheinung und sie wundert sich, dass er so groß und so nah ist, dass er fast im Raum zu sein scheint. Sie lächelt. Sie ist glücklich. Sie hat den schlimmsten Anfall von Schlafsucht überwunden und einen Punkt gefunden, der ihr Halt und Zuversicht gibt. Auf diesen Punkt, auf das helle Oval, will sie nun unverwandt starren, selig, glücklich, wie in Trance. Nur ihr Gesicht verrät die Anspannung, ihr Gesicht und die heftig pulsierende Halsschlagader und in ihren Augen spiegelt sich immer noch die Angst, dass sie doch einschlafen, umkippen, abrutschen könnte und dass ihr in einem solchen Moment der Schwäche, das Messer des Tätowierers gefährlich werden könnte, sehr gefährlich.  
Das Mädchen hat seine Ordnung in der Ferne gefunden und auch in der Nähe hat sich die Lage beruhigt. Der sedierte Fotograf stört nicht mehr und der tattoo artist hat seine kurze Schwächephase überwunden. Beider Zorn ist verraucht, der Sake hat gewirkt. Der Tätowierer hat den schwierigsten Teil seiner Arbeit fast beendet, er muss nur noch den Schlusspunkt setzen, nur noch ein paar kleine Schnitte, nur noch ein wenig Farbe. Aber nun zögert er wieder. Es ist ein Auf und Ab, es ist, als ob ihn Kraft und Mut kurz vor Erreichen des Ziels verlassen hätten. Dabei sollte doch die Erfahrung vieler Jahre es ermöglichen, dass er sein Werk vollendet, mit ruhiger, präziser Hand, Stich für Stich, Schnitt für Schnitt. Aber vielleicht waren es doch zu viele Tassen Sake, die er mittlerweile getrunken hat, vielleicht hat er zu viel Tranquilizer in seinem Blut. Er setzt zwar voller Anspannung und Aufmerksamkeit erneut das scharfe Messer an den Hals des Mädchens, das Schächtermesser an den Hals des Opferlamms. Es schwebt nur wenige Millimeter über der heftig pulsierenden Schlagader und verharrt dort.
Der Fotograf merkt auf einmal, trotz seines Trans, wie konzentriert die beiden sind und ihm wird plötzlich klar, dass sich vor seinen Augen eine heikle Szene abspielt. Er ist nun selbst wieder hellwach und wie elektrisiert. Jede falsche Bewegung, jedes Rucken und Zucken können dramatische Folgen haben. Dieses Motiv darf er sich nicht entgehen lassen, es ist einmalig und einzigartig. Diesen Nervenkitzel muss er in seinen Bildern festhalten. Er will gute Arbeit machen, dafür ist er bekannt, deswegen wurde er von dem Alten angeheuert, dafür wird er bezahlt. Er überlegt, wie er es anstellen kann, sich dem Schauplatz wieder zu näheren, ohne den tattoo artist erneut zu stören und zu ärgern. Sich einfach auf die andere Seite der Wanne zu stellen, reicht nicht, dort bekommt er die heikle Arbeit nicht so in das Bild, wie es ihm vorschwebt. Er setzt sich auf den Wannenrand und lehnt sich in einer grotesken Verrenkung in Richtung Mädchen. Ständig muss er sein Gleichgewicht mit den Beinen ausbalancieren, ständig ist er in leichter Bewegung, ein zappelnder, grün-bunter Klecks mit einer Kamera in der einen Hand und einer Lampe mit langem Kabel in der anderen. Diese absurde Stellung, dieses bescheuerte Verhalten ist nur möglich, weil die beruhigende Wirkung des vielen Sake wieder in ihr Gegenteil umgeschlagen ist. Er ist wieder der Alte, rastlos, aggressiv, er glaubt nun wieder, alles zu können.
Die Anspannung des Tätowierers und die Unruhe des Fotografen haben auch den Alten auf dem Sofa erfasst. Sei es, dass er die kritische Phase, in der sich sein Kunstwerk befindet, in allen Einzelheiten verfolgen will, der Zappler verdeckt ihm oft die Sicht, sei es der Wunsch, die nackte Frau intensiver, aus geringerer Distanz zu betrachten, jedenfalls steht er auf, geht auf die Wanne zu und bleibt an deren Fußende stehen, so weit weg wie nötig, um die Akteure nicht zu stören, so nah wie möglich, um zu erkennen, was er sehen will. Natürlich interessiert ihn das Kunstwerk, das vor seinen Augen Gestalt annimmt. Natürlich weiß er dessen Wert zu schätzen, weiß die feinen Details der Formen, die Intensität der Farben, die traditionelle Arbeitstechnik des Tätowierers zu würdigen. Hat er nicht das Recht, wenn nicht sogar die Pflicht, zu verfolgen, was da geschieht, was die Künstler in seinem Auftrag machen? Bezahlt er nicht das Ganze? Kann er, ergo, nicht auch die Frau in der Wanne begaffen, wann immer er will, wie lange er will, von wo aus er will? Gaffen, glotzen, sich aufgeilen! Ihm gehört die Welt, diese Welt an diesem Abend. Sie ist sein Eigentum, alles ist ihm untertan. Er nimmt einen kräftigen Schluck Sake aus der Porzellanschale, die er mitgenommen hat und sieht, dass der Drache fast vollendet ist. Er beobachtet, wie der schrille Fotograf herumturnt, wie ein Artist, ratlos in der Zirkuskuppel. Und es entgeht ihm auch nicht, dass der Tätowierer auf einmal zögert, die letzten Stiche durchzuführen, die letzten Punkte zu setzen. Das alles sieht er und nimmt es doch kaum wahr, denn sein Blick ist ausschließlich auf die Mulattin in der Wanne gerichtet. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der schokoladenfarbenen Schönheit, diesem seltsamen, fremdartigen Wesen. Sie hat ihn in ihren Bann gezogen, lässt ihn nicht mehr los, beherrscht seine Gedanken und Gefühle und er hat sich willig gefangen nehmen lassen. Sie ist so schön, diese dunkle Nymphe, verheißungsvoll und zugleich unnahbar. Er verschlingt den nackten Körper mit seinen Blicken, ergötzt sich an den sanften Rundungen der Schultern, erfreut sich an den eleganten Linien der Arme, die auf dem Wannenrand liegen, starrt auf die festen, halb in Sake versunkenen Brüste, versucht zu erkennen, was sich unterhalb der Oberfläche der Flüssigkeit verbirgt, und erahnt die geheimnisvollen Details in der obskuren Sphäre zwischen ihren angewinkelten Beinen. Doch sein Blick kehrt immer wieder zu ihrem Gesicht zurück, zu diesem, ruhigen, fast maskenhaften Gesicht, das die ganze Zeit sowohl Konzentration als auch Gelassenheit widergespiegelt hat. Ein Gesicht, in dem sich neben der Schönheit, aber zunehmend Angst und Leiden gezeigt hat. So gelassen sich die Frau immer noch gibt, so sehr merkt er, dass sie eine unerklärliche Furcht erfasst hat. Und auf einmal wird dem Alten bewusst, welche Gedanken die ganze Zeit durch sein Hirn jagen. Es ist gar nicht ihr Körper, der ihn anzieht und auch nicht ihre Schönheit, weder ihre Exotik noch die Erotik, die sie ausstrahlt. Der wahre Grund für seine Erregung ist ihr Leid, ihre Unruhe, der Schmerz in ihren Augen. Diese unselige Mischung steigert seine Geilheit und neue Lust durchströmt seine Adern, Blut pocht wild in seinem Gemächt und bewirkt die lang ersehnte Auferstehung des Fleisches. Er ist stolz und geil. Stolz, weil er noch immer solche Träume und Wünsche hat und auch die Macht, sie Wirklichkeit werden zu lassen. Geil, weil es kein Traum ist, sondern die Wirklichkeit, die aufnahmebereit vor ihm in der Sake liegt. Er geilt sich bei dem Gedanken auf, dass diese Frau nur darauf wartet, dass er sich auf sie stürzt und sie von ihrer Angst erlöst. Er kann sich nur noch mühsam beherrschen, nicht genau das zu tun, denn auch ihn hat eine Angst gepackt, die Angst, dass seine Erregung wieder vorzeitig abklingt, bevor er die heiß ersehnte Erfüllung gefunden hat.
Der gierende Alte ist selbst überrascht, mit welcher Macht ihn dieses Mal die sexuelle Lust überkommen hat. Auch bei den anderen Happenings hatten ihn Gelüste angetrieben, wenn auch unterschiedlicher Art. Bei der Bondage war es purer Sadismus, der kaum Platz für fleischliches Verlangen gelassen hatte. Es war die reine Lust jemanden zu erniedrigen die ihn antrieb. Bei der Sumoringerin war es die banale Fresslust, die ihn erst so ausgefüllt und dann so aufgefüllt hatte, dass er für den Nachtisch zu erschöpft war. Bei der tanzenden Geisha beherrschte ihn die Rache so vollkommen, dass die Erotik in die Erinnerung verbannt wurde. Jetzt, am Ende der Tätowierung, in einer Phase der höchsten Spannung, die alle Beteiligten in ihren Bann geschlagen hat, beherrscht ihn eine Mischung aus Wollust, Gier, Angst und Leiden. Es ist die Lust am Leiden eines Anderen, die den Alten in Ektase versetzt, ihn in die Raserei treibt und schließlich zum Hampelmann machen wird. Die Mischung aus Sex und Gewalt wirkt auf ihn so intensiv, dass er Abstand braucht, um sich zu beherrschen, um seine ungezügelt aufkeimenden Triebe nicht sofort zu befriedigen. Er will sich erst noch länger an dem Leid der armen Frau weiden und er will auch, dass das Kunstwerk vollendet wird. Er will erst das fertige Tattoo, dann die Befriedigung seiner drängenden Lust. Um diese Phase zu überstehen, muss er seinen Platz neben der Wanne verlassen. Hier kann er es nicht mehr aushalten, hier ist die Sinne verwirrende Anziehungskraft der braunen Venus zu mächtig. Er muss Distanz herstellen, darf die Frau nicht länger direkt aus der Nähe anstarren, um sein aufkeimendes Glück nicht vorzeitig zu beenden. Schwer aufatmend reißt er sich von dem verführerischen Anblick los, geht zum Fenster, tritt hinter die große Vase, schmiegt sich an sie, umfasst sie mit beiden Händen und drückt sich keuchend an das kühle Material. So findet er ein wenig Linderung und kann trotzdem die Spannung in seinem Unterleib aufrechterhalten. Hier, an seiner geliebten, kostbaren Vase, will er ausharren, bis die Zeit für ihn gekommen ist.
Der Alte wird nicht mehr lange gieren müssen, denn das Kunstwerk steht kurz vor seiner Vollendung. Auch der digital artist ist mit seinem Werk fast fertig. Er fokussiert zur selben Zeit seine ganze Aufmerksamkeit auf einen Punkt. Akribisch hat er das winzige Abbild seines eigenen Gesichts in der Pupille des Drachenmonsters gestaltet. Es ist klein, fast unscheinbar und nur aus nächster Nähe als solches zu erkennen. Er hat den Ausschnitt groß herangezoomt und sieht, dass sein Abbild gelungen ist, sieht, dass die Konturen seines Gesichts dem Auge des Drachens die gewünschte, böse Dramatik verleihen, weil er selbst das Böse ist, das aus der Pupille herausschaut. Jetzt fehlt nur noch der Schlussstein, nur noch ein einziger roter Punkt in der Mitte des Abbilds, dann ist dieses fertig, dann ist die Pupille fertig, dann ist das Auge fertig, dann ist sein Bild vollendet und die langwierige Arbeit getan. Die rechte Hand, die Maushand, setzt den Cursor erneut auf die Mitte der Pupille und die linke Hand drückt wieder die Kombination für „blutrot“ auf der Tastatur. Der rote Punkt beginnt sich zu einem kleinen Kreis zu formen und der digital artist stößt einen kleinen Freudenschrei aus. Es ist vollbracht! Der Schlusspunkt ist gesetzt. Ein leises Beben wallt durch seinen Körper, pflanzt sich bis zu den Fingerspitzen fort und endet dort in einem leichten Zucken. Der Cursor verrutsch ein wenig. Aus dem kleinen Kreis wird ein Oval. Die Finger der linken Hand, die sich schon etwas gehoben hatten, drücken erneut die Kombination „blutrot“. In diesem Moment geschieht etwas völlig unerwartetes, ein Befehl wird ausgelöst, den der digital artist nicht kennt, von dessen Existenz er keine Ahnung hat, ein Befehlt mit schlimmen Folgen. Das Kreislein ist nicht nur zu einem kleinen Oval mutiert, es fängt an, sich zu vergrößern, die Farbintensität nimmt zu, das rote Gebilde beginnt zu fließen, sich zu erweitern, sich ufer- und grenzenlos auszudehnen. Das Rot strömt, einem Schwall Blut gleich, aus der Pupille, verlässt das Auge, ergießt sich über den Kopf und den Leib des Drachens, über den Hals und die Schulter des Mädchenbildes, rinnt in dünnen, langsam dicker werdenden Bahnen über die Beine und die Krallen des Drachens, fließt hin zum Busen und zum Arm des Mädchens, wird durch unbekannte Kräfte aufgehalten und umgelenkt, muss sich neue Wege suchen, hört aber nicht auf zu strömen. Das rinnende Blut, die sich ausbreitende Farbe schickt sich an das ganze Bild zu überschwemmen, das mühsam geschaffene Kunstwerk einzufärben und zu zerstören. Nicht schnell und plötzlich, aber unheimlich stetig, unaufhaltsam, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.
Der digital artist ist entsetzt. Er kann nicht begreifen, was da geschieht. Er hat keine Erklärung, für das, was sich vor seinen Augen auf dem Monitor abspielt. Er weiß nur, wenn es ihm nicht gelingt, diese Flut zu stoppen, werden Drache und Mädchen in Blut und Farbe ertrinken. Er muss etwas tun. Er muss handeln, muss die Zerstörung seines Werkes verhindern. Doch wie? Was kann er tun? Das Programm abbrechen? Er drückt auf „speichern“ und auf „beenden“. Es tut sich nichts, die Tasten sind blockiert. Er bewegt die Maus, der Cursor verharrt im Zentrum der Pupille. Den Computer abschalten, ohne zu speichern? Einfach den Stecker ziehen? Dann ist das Bild verloren und seine Arbeit umsonst. Seine Nerven flattern, er versucht klar zu denken, aber sein Gehirn ist genauso blockiert, wie der Computer. Er kann keinen brauchbaren Gedanken mehr fassen. Je weiter sich das Blut ausbreitet, um so gähnender wird die Leere im Gehirn des Künstlers. Er kann nur noch voller Panik denken, dass das, was vor seinen Augen geschieht, einfach nicht wahr sein kann. Es kann nicht sein, dass sich diese roten Schlieren und Verästelungen so maßlos und so unkontrolliert ausdehnen. Doch da schleicht sich doch noch ein anderer Gedanke ein und blitzt durch sein Gehirn. Kann es nicht eine Fata morgana sein, die sich auf dem Monitor abspielt, eine Halluzination, eine Sinnestäuschung? Nicht das Bild spinnt, nicht das Programm spielt verrückt, er spinnt, sein Gehirn spielt verrückt! Seine Hände hämmern wild und sinnlos und nutzlos auf den Tasten herum, seine Gedanken rasen genauso wild, genauso unkontrolliert und nutzlos. Er muss sie ordnen, sich beruhigen, nachdenken und dann eine Entscheidung treffen. Erst muss er ruhig werden, dann schnell nachdenken und erst dann überlegt handeln. Das muss er tun und das will er tun. Aber ihm bleibt keine Zeit, die notwendige Ruhe zu finden. Das Blut rinnt unaufhörlich, die Zerstörung schreitet unaufhaltsam voran. Es gibt nur ein Mittel, Ruhe und Klarheit zurück zu gewinne. Er braucht einen Schluck, der wird ihm helfen. Alkohol hat ihm immer geholfen. Ein Schluck, dann wird ihm das Richtige einfallen. Ein Schluck und die Wahrheit werden sich zeigen. Ein Schluck und das teuflische Ereignis werden vorbei sein. Ein weiterer Schluck und er kann daran gehen, das Phantom ungeschehen zu machen, den alten Zustand wieder herzustellen. Er springt auf, greift zu der Flasche mit dem Sake über sich. Schnell, schnell, gleich wird er klar denken und klarsehen. Gleich wird er merken, dass alles nur Einbildung ist, nur eine Überreaktion seines überreizten Hirns, die Ausgeburt seiner blühenden Phantasie, eine Folge der großen Anspannung, in die er sich versetzt hat. Doch als er aufspringt und seine Hand ausstreckt, zittert diese so, dass er die Flasche anstößt. Er kann sie nicht ergreifen, nicht festhalten, sie kippt, stürzt vom Regalbrett, wird im Fallen von der nachfassenden Hand noch abgelenkt, in ihrer Fallrichtung verändert, aber er kann nicht verhindern, dass die schwere Flasche auf den Monitor kracht. Ein Knall, das Geräusch von splitterndem Glas, erneut abgelenkt fällt die Flasche weiter, schlägt auf die Tastatur, ein zweiter Knall und dann noch ein drittes Krachen, als sie auf dem Fußboden ankommt und dort zersplittert.
Während die Flasche fällt, in diesem Bruchteil einer Sekunde von der Länge eines Wimpernschlags, ereignet sich noch etwas Unfassbares. Eine weitere Ungeheuerlichkeit spielt sich vor den Augen des fassungslosen digital artists ab, ein neuer Schreck durchzuckt seinen Kopf und fährt in seine Glieder. In dem Moment als der Bildschirm zerspringt, leuchtet das Bild des Drachens intensiv auf. Doch nicht nur das. Das Untier löst sich aus den blutroten Schlieren, die es übertünchen und fesseln, es flieht aus seinem Gefängnis bevor es verblutet. Der Lindwurm verlässt den Monitor, bevor er stirbt und lässt diesen schwarz und zersplittert zurück. Der digital artist sieht, wie sein Bild in voller Schönheit erstrahlt. Deutlich und plastisch sieht er alle Details, die er selbst geschaffen hat. Der Körper wird immer größer, die angelegten Flügel entfalten sich, aus dem Maul dringt die rote Zunge, aus den Nüstern schlagen feuerrote Flammen und das zornige Auge, der böse, hinterhältige Blick aus diesem Auge, ist direkt auf ihn, den Schöpfer gerichtet. Während sein Werk zum Leben erwacht, keimt ein neuer, schrecklicher Gedanke in dem versifften Gehirn des digital artists auf. Das Tier will nicht nur seine Freiheit, will nicht nur der Cyberwelt entkommen, es will auch an ihm Rache nehmen, wie das Monster von Frankenstein. Das Geschöpf will seinen Schöpfer vernichten, aus dem einzigen Grund, weil er es erschaffen hat. Weil er es in solch herrlich grauenvoller Bösartigkeit erschaffen hat und ihm sein eigenes Antlitz noch in das Auge gesetzt hat. Er wird von seinem Golem, von seiner Olympia zerfleischt, versengt, getötet, weil er es mit seiner Kunst geschafft hat, ein fiktionales Gebilde zum Leben zu erwecken. Welch Irrsinn! Welch verhängnisvolle Tat! Voller Angst schließt er die Augen, bückt sich, kauert sich neben den Computer, sucht der Gefahr nach Art des Vogel Strauß zu entkommen, der den Kopf in den Sand steckt. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Was ich nicht sehe, ist nicht da. Noch während er zitternd am Boden kauert, hört er ein Geräusch, ein Plopp, das dem Öffnen einer Sektflasche gleicht und spürt einen Luftzug, wie den Flügelschlag eines großen Vogels oder einer überdimensionalen Fledermaus, eines sich Menschenblut ernährenden Vampirs. Angst und Neugierde liefern sich einen kurzen Kampf in seinem Kopf, dann richtet er sich doch auf und blinzelt erst vorsichtig, reißt aber rasch die Augen weit auf und beobachtet, wie sein Drache in dem Zimmer umherirrt, wie er, Feuer ausstoßend, irrlichternd umherfliegt. Seine Kreatur will fliehen, statt ihn anzugreifen, will entkommen, denn ein neues Plopp entsteht, als das irrende Wesen an die Fensterscheibe stößt. Es will hinaus in die Nacht, in die Freiheit. Soll er ihm diese Freiheit geben? Soll er das Fenster öffnen. Noch während der Künstler sich zögernd erhebt, schafft der Drache Tatsachen. Mit voller Wucht fliegt er gegen die Fensterscheibe. Sie birst. Glas splittert, kalte Luft dringt in den Raum und der Drachen verlässt sein Studio, sein Zimmer durch das nun offene Fenster. Und während das Wesen den Raum verlässt, verlässt die Angst den Künstler. Er eilt zum Fenster, schaut hinaus und sieht, wie sein Werk, sein unvergleichlich schöner, unendlich grässlicher, grauenvoll betörender Lindwurm immer kleiner wird, wie er die beiden Türme des mächtigen, nächtlichen Doms umkreist, wie er sich zu einem roten Punkt verdichtet und dann nach Osten fliegt, der aufgehenden Sonne entgegen, deren Rot sich ganz schüchtern am Horizont andeutet. Zurück bleiben ein fassungsloser, entgeisterter digital artist, ein zersplitterter Monitor, eine demolierte Tastatur, ein Computer, der sich nicht mehr bedienen lässt und auf dem Fußboden die Scherben einer zerbrochenen Sakeflasche. Aber seltsamerweise finden sich keine Splitter der Fensterscheibe auf dem Fußboden und als er genauer hinsieht, merkt er, dass das Fenster offen, die Scheibe aber unbeschädigt ist. War das Ganze also doch nur eine Einbildung, eine Illusion, das Resultat seiner überreizten Nerven?
Später, am nächsten Morgen, als sich diese Nerven wieder beruhigt haben und auch der Alkoholpegel gesunken ist, wird er feststellen, dass der Computer und die Festplatte intakt geblieben sind und dass nur der Monitor und die Tastatur zerstört wurden. Auf dem neuen Monitor sieht er sein letztes Bild. Es ist so, wie er es in Erinnerung hat, bevor der Rechner seinen Geist aufgegeben hat, bevor der Drache sein Gefängnis verlassen hat. Der hyperrealistische Oberkörper des Mädchens, die feine Zeichnung des Tattoos, alles ist von roten Schlieren und feinen Verästelungen überlagert, ein rotes Netz liegt auf seinem Werk, wie das Muster einer überdimensionalen Iris. Nur das Auge, die mühevoll gestaltete Pupille, ist seltsamerweise unbeschädigt. Sein Porträt ist nicht nur vorhanden, sondern präziser und schöner als er es in Erinnerung hat und auch der Schlusspunkt ist da, der Ort, von dem das Unglück seinen Ausgang nahm. Sein zweites ich betrachtet ihn und er hat das Gefühl, dass sein Bild ihn selbst, den Betrachter, genauso ungläubig anstarrt, wie er sein Werk anglotzt. Dem digital artist ist alles, alles, alles ein einziges Rätsel. Er weiß nur, dass seine mühsame Arbeit dahin ist, unwiederbringlich zerstört, dass ihn ein großes Unglück heimgesucht hat und er einen großen Verlust beklagen muss, und das tut er nun lauthals, obwohl niemand zuhört. Er jammert über seine Ungeschicklichkeit und über das Missgeschick, über die Tatsache, dass seine ganze Mühe vergebens war, dass die intensive Arbeit vertane Zeit war, dass ihm viel Geld entgehen wird. Resigniert kommt er zu dem Schluss, dass er noch einmal von vorne anfangen muss, um dem Auftraggeber das gewünschte Werk zu liefern und dazu fühlt er sich im Moment absolut nicht in der Lage. Doch dann geschieht noch einmal etwas höchst Seltsames. Je länger er jammert und dabei auf den Monitor starrt, je intensiver er die rätselhaften Strukturen studiert, die roten Überlagerungen, das Netz der Schlieren und Verästelungen, die Katastrophe in Rot, um so interessanter wird das Bild. Er zoomt, vergrößert, verkleinert, druckt es schließlich aus, hängt es an die Wand, schaut es erneut intensiv an, erst aus der Ferne, dann aus großer Nähe, studiert die Details und lässt die Totale auf sich wirken. Fast ungewollt stellt er fest, dass er von diesem seinem verschandelten Werk zunehmend fasziniert ist. Allmählich wird ihm klar, dass das Bild einmalig ist, weil es so ist, wie es ist. Langsam kapiert er, dass etwas Einzigartiges entstanden ist, sowohl mit als auch ohne sein Zutun, dass ein anscheinend zerstörtes, in Wirklichkeit aber deutlich verbessertes Kunstwerk geschaffen wurde. Statt eines missratenen Abfallprodukts hängt nun ein Meisterwerk an der Wand, die Transformation eines fiktiven, aber dennoch realen Bildes in eine abstrakt-reale Symbiose. Ein solches Bild hat sich noch keiner ausgedacht, so etwas hätte keiner, bewusst schaffen können. An ein solches Experiment hätte sich keiner gewagt. Er hat künstlerisches Neuland betreten, dessen ist er sich sicher und er wird solch ein Werk wohl auch kein zweites Mal erschaffen können, auch dessen ist er sich sicher.
Doch wie kam die Veränderung überhaupt zustande? Was war die Ursache dieses Wunders, dieses Fiaskos, das sich nun in sein Gegenteil gekehrt hat? Er wird später herausfinden, dass die Ursache eine Schlamperei war. Die Erprobungszeit für das neue Programm, mit dem er gearbeitet hatte, war abgelaufen und er hatte sich nicht rechtzeitig bemüht, die Testversion durch eine gültige, gekaufte Version zu ersetzen. Um das Programm vor unbefugtem Gebrauch zu schützen, hatte der Entwickler sich etwas Besonderes einfallen lassen. Statt dass sich das Programm wie üblich abschaltete und quasi in Tiefschlaf versank, bis es durch den erstandenen Registrierungscode wieder zum Leben erweckt wurde, trat eine „destroy“ Funktion in Aktion. War die Testzeit abgelaufen, fing das Programm ohne Vorwarnung an, Fraktale zu produzieren, Mandelbaum-muster zu bilden, überlagernde Strukturen zu schaffen, die sich mehr oder weniger regelmäßig über die Arbeitsfläche ausdehnten und die man nur stoppen konnte, wenn man den Computer abschaltete. Das Programm vervielfachte die letzte Aktion, in seinem Fall war es der Schlusspunkt, der rote Punkt in der Pupille des Drachenauges, der seine rote Farbe, das Blut, unaufhaltsam über das Bild verteilte, langsam und stetig, nicht schlagartig, nicht zufällig, sondern nach einem raffinierten Muster, das in seinem Fall wie hyperreales Blut aussah, aber viel schöner und viel dramatischer dahinfloss als im echten Leben. Das Resultat seiner Nachlässigkeit war dieses apokalyptische, zugleich grandiose Bild. Was der digital artist in dieser Nacht erlebt hatte, war der Triumph einer Maschine und einer Software über das Genie eines schaffenden Künstlers. Es war der Sieg der künstlichen, künstlerischen Intelligenz über die in Jahrtausenden entstandene natürliche, menschliche Intelligenz. Es gewährte einen Ausblick in eine Zeit, die eines Tages sicher kommen wird. Den digital artist schauderte. Für das Bild hatte er eine Erklärung gefunden, aber was war mit der Flucht des Drachens aus dem Monitor, sein Flug, sein Entkommen? War das Einbildung gewesen? War das das der Überreizung seiner Nerven geschuldet? Eine Verwirrung der Sinne, eine Illusion, ein perfider Traum, eine Nachtmar und Fata morgana? Dieses Rätsel blieb ungelöst und seine Rätselhaftigkeit potenzierte sich, als er, viel später, von dem Alten hörte, was zur selben Zeit am anderen Ende der Welt geschah.
Dort zögert der verunsicherte tattoo artist immer noch, die wenigen, letzten Schnitte auf der heftig pulsierenden Halsschlagader zu setzen, denn genauso heftig zittert seine Hand, die das Skalpell hält. Er stiert wie unter Hypnose auf die Ader, auf das Messer und auf seine Hand. Er merkt, dass sie seinem Willen nicht mehr gehorcht. Angstschweiß tropft von seiner Stirn, vermischt sich mit Tränen der Wut und der Machtlosigkeit und diese Mischung trübt zusätzlich seinen Blick. Er ist gelähmt. Er ist außerstande, die letzten Feinheiten des Drachenauges in die Mädchenhaut zu ritzen. Er kann und will aber die rebellische Hand auch nicht sinken lassen, kann sich keine Pause erlauben, ist genauso außerstand zu warten, bis alles wieder normal funktioniert. Denn er weiß, dass er diese Hand danach nicht mehr hochheben kann, dass er dann nicht mehr in der Lage sein wird, sein Werk zu vollenden. Die Erkenntnis, dass er dann für seinen geliebten Beruf zu alt geworden ist, überkommt ihn mit aller Macht.
Der sensationsgeile Fotograf hat seine optimale Position auf dem Wannenrand gefunden, er balanciert nicht mehr. Seine ganze Konzentration gilt dem braunen Hals, dem grün-roten Drachen, der feinen, faltigen, zitternden Hand des Meisters und dem scharfen Skalpell, das wenige Millimeter über der Schokohaut schwebt. Er hatte bereits festgehalten, was zu dokumentieren war, die sanften Schnitte, die kleinen Sticke, die Bluttröpfchen, die aus den winzigen Wunden quollen und rote Linien bildeten und das grelle rote Zinnober oder das tiefe Schwarz, das mit dem Blut vermischt wurde. Diese subtilen Schnitte, die alte Hand und das leidende Gesicht des Mädchens waren für ihn der Höhepunkt des Events. In diesen Bildern hatte sich eine Spannung ausgedrückt, die sich wohl nicht mehr steigern ließ. Das hatte der Fotograf genau gespürt und ein ums andere Mal abgedrückt. In dieser finalen Phase war ihm nichts entgangen, aber trotzdem hat er immer noch nicht genug. Gierig, wie ein ausgehungerter Paparazzi-Photograph wartet er, dass der Tätowierer die Arbeit fortsetzt und zum Ende kommt. Er fühlt, angesichts des Zögerns des Meisters, instinktiv, dass noch etwas geschehen wird, dass sich noch etwas Dramatisches, irgend etwas Aufregendes ereignen wird. Dieses Gezitter der Hand, Ausdruck von Angst und Unsicherheit, dieses abgrundtief scharfe Messer, dieser braune, ungeschützte Hals, erregen ihn. Ihn fröstelt vor Gier und Wollust und Anspannung und er schaut geradezu zwanghaft durch den Sucher der Kamera. Sein Blickfeld hat sich auf das kleine Rechteck verengt, sonst sieht er nichts. Er wartet, der Tätowierer wartet, der Alte hinter der Vase wartet und das Mädchen in der Sake kann ohnehin nichts anderes tun, als auch zu warten. Doch es tut sich nichts. Aus den Sekunden der Untätigkeit werden quälende Minuten.
Diese Zeit der Untätigkeit wird für den geilen Alten zur Qual, der sich an die Vase presst und so versucht, seine Erregung abzukühlen und zugleich aufrecht zu erhalten. Er sieht, dass der Tätowierer zur Salzsäule erstarrt ist. Er sieht, dass der Fotograf ungewohnt ruhig in seine Kamera stiert. Er sieht, wie das leidende Mädchen nun angestrengt zu ihm hinschaut. Der Alte sieht den Stillstand und weiß nicht, warum sich nichts mehr tut. Wenn die beiden mit ihrer Arbeit fertig sind, warum räumen sie dann nicht den Platz an der Wanne, damit er in Aktion treten kann? Worauf warten die noch, worauf wartet er noch? Wartet das Mädchen nicht auf ihn? Ist nicht jetzt seine Zeit endlich gekommen? Soll er aufstehen und sich dem Zentrum aller Aufmerksamkeit, dem Mittelpunkt des kleinen Universums nähern? Voller Gier und Verlangen starrt er auf die junge Frau in der Sakewanne und so ist er es, der geile Alte, der als erster bemerkt, dass in ihr eine Veränderung vorgeht. Er sieht, wie sie unruhig wird, wie ihre Augen sich weiten, wie sie sich mit Angst füllen und wie sie an ihm vorbei starrt. Der Alte dreht sich um schaut hinter sich, schaut hinaus aus dem Fenster in die Ferne. Er kann nichts Ungewöhnliches erkennen. Es ist eine Nacht wie viele andere. Es ist freilich ein faszinierender Anblick für jemanden, der ihn nicht kennt. Abertausende Lichter der Stadt glitzern, der Himmel, voller dramatischer Wolken, ist von ihrem Widerschein aufgehellt und am Horizont leuchtet ganz sanft, aber überaus deutlich, der heilige Berg. Dieser Blick kann keine Angst erregen, da ist sich der Alte sicher, aber Angst hat das Mädchen, Angst vor etwas in ihrer Umgebung. Hat sie Angst vor der scharfen Klinge an ihrer Halsschlagader? Hat sie Angst, dass die Hand des tattoo artists ausrutschen und das Messer tiefer als vorgesehen in ihre Haut eindringen könnte? Aber diese Furcht hatte sie doch die ganze Zeit über nicht gezeigt. Diese konkrete Angst hatte sie doch erfolgreich mit Sake verdrängt, in Sake regelrecht ertränkt. Er hat doch selbst gesehen, wie sie immer wieder ihre Hand eingetaucht und mit ihrer Katzenzunge abgeleckt hatte. Oder merkt sie, dass der Tätowierer unsicher geworden ist, weil er nun schon so lange zögert? Spürt sie gar, wie seine Hand zittert? Aber wie soll sie das Zittern erkennen, da sie selbst ununterbrochen in die Ferne starrt, zu ihm hin? Der Alte ist irritiert und rätselt. Er weiß, dass mit dem Mädchen etwas nicht stimmt, dass sie etwas sieht, was er nicht sieht. Schaut sie vielleicht gar nicht in die Ferne? Schaut sie doch auf ihn? Ist er der Grund für ihre Angst? Soll er sie erlösen? Oder ist es gar nicht Angst, sondern Erregung, dieselbe Gier, dieselbe Wollust, die in ihm tobt? Bei diesen Gedanken durchfährt den Alten einmal mehr ein wollüstiger Schauder und steigert seine Sehnsucht nach dieser Frau ins Unermessliche. Je ängstlicher sie ihn anschaut, desto geiler wird er und er genießt beides, ihre Angst und seine Erregung. Jetzt muss er hin zu ihr, jetzt muss er diesem Körper ganz nahe sein, jetzt muss er diesen lasziven Leib anfassen, ihn aus der Wanne zerren, ihn umklammern, sich an ihn pressen. Jetzt ist die Zeit gekommen, um das Paradies zu betreten, um in sie einzudringen. Gleich wird er seinen Höhepunkt erreichen und da muss er bei ihr sein, um ihn bis zur Neige auszukosten. Er kann nicht länger warten. Die Frau soll auch nicht länger warten. Jetzt muss er handeln, muss tun, wozu ihn sein Körper drängt, bevor die Erregung wieder abklingt, bevor alles Sehnen wieder verschwindet, bevor die Energie ihn verlässt und alle Anstrengungen vergeblich waren. Der Alte fühlt, dass sein Orgasmus kommt, der Orgasmus, den er so lange, so heiß herbeigesehnt, herbei gefleht hat. Er muss handeln und er handelt, wie ein wilder Hengst, nein wie ein wild gewordener Handfeger. Er lässt die Vase los, springt hoch, reißt die Arme in die Höhe, die Ärmel des Yukata schlagen wie Flügel, der Gürtelknopf, der Netsuke in Form eines Zyklopenauges, leuchtet im fahlen Licht der Fenster grell rot. Der geile Alte hüpft umher wie ein pubertierender Knabe, der nicht weiß, ob er pinkeln oder wichsen soll. Und dieses Gehabe eines schwachsinnigen, überdrehten, aufgeputschten, haltlosen, sich völlig überschätzenden Lustgreises leitet die finale Katastrophe ein.
Aber noch ist die Katastrophe bei der jungen Frau in der Wanne nicht angekommen. Sie, der zur Bewegungslosigkeit verdammte Fixpunkt, das Magnetfeld, auf das sich alle Kraftwellen konzentrieren, hat seit einiger Zeit nicht mehr wahrgenommen, was in ihrer unmittelbaren Nähe geschieht. Sie hat weder das sanfte Skalpell des Tätowierers an ihrem Hals noch das Brennen der Tinkturen auf der Haut gespürt. Sie hat den Fotografen ignoriert, der direkt vor ihrer Nase herumturnt und ihr ist auch entgangen, wie der Alte an die Wanne tritt, sie schamlos anglotzt und sich dann hinter der weißen Vase versteckt. Sie hat, nachdem die Phase großer Müdigkeit überwunden ist, ein Mittel gefunden, die Endstufe der Drachengeburt zu überstehen. Von reichlich Sake benebelt, völlig entspannt, gänzlich Gott ergeben hat sie den Blick in die Ferne gerichtet. Mit dem Rest an Aufmerksamkeit, der ihr verblieben ist und trotz all dem Tran, der sich über sie ausgebreitet hat, registriert sie die Lichter der Stadt, den Himmel und den Horizont, wenn auch nur wie hinter einem Schleier, unwirklich, diffus, gedimmt. Um so erstaunlicher, dass ihr in der düsteren, milchigen Ferne etwas auffällt, das sofort Angst in ihr auslöst. Eine unbestimmte, quälende Angst, die ganz plötzlich einsetzt und dann rasch zunimmt, die immer drängender wird und schon bald zur Todesangst mutieren wird, die ihren Geist ersticken und ihren Körper lähmen wird. Der Auslöser dieser Angst ist ein kleiner, roter Punkt am Horizont, ein unscheinbares Licht, das vor dem weißen Kegel des heiligen Berges aufleuchtet. Ein helles, rotes Licht, das in der Glitzerwelt der Riesenstadt und der diffusen Wolkensuppe des nächtlichen Horizonts kaum aufgefallen wäre, wenn die junge Frau nicht, wie von magischen Kräften angezogen, immerzu auf diesen weißen Kegel gestarrt hätte, der so fern ist und doch so nah zu sein schien.
Der Punkt wächst, wird größer, kommt rasch näher. Sie kann ihn nicht mehr aus den Augen lassen und die Angst lässt sich auch nicht mehr aus ihrem Kopf verdrängen. Der Punkt nimmt Gestalt an, wird erst zu einem unregelmäßigen Fleck, dann formt sich das Bild eines Drachens. Die Augen der Frau weiten sich und verzweifelt muss sie mitansehen, wie dieses irreale Fabelwesen, dieses Gebilde aus der Märchenwelt direkt auf sie zufliegt und vor dem Fenster stehen bleibt. Jetzt ist die Katastrophe angekommen, der Drache steht in der Luft und verdeckt mit seinem Leib und seinen heftig schlagenden Flügeln die Sicht in die Nacht und in die Ferne. Obwohl die großen Fensterscheiben dazwischen sind und die Dunkelheit eine klare Sicht verwehrt, erkennt sie ganz deutlich den hellen grünlichen Bauch, die ausgestreckten Arme und Beine, die ausgebreiteten Flügel, den gezackten Schwanz und natürlich den grässlichen Kopf mit dem weit aufgerissenen, roten Maul, der herausgestreckten, blutroten Zunge und dem einen, bösen, roten Augen, das sie anstarren und ihre Angst ins schier Unermessliche steigern. Der rote Punkt in der Ferne, hat sich zu einem Schreckgespenst in der Nähe aufgebläht. In ihrer Todesangst will die Frau nur weg, dem Anblick entkommen, der Gefahr entrinnen. Ihr Körper verspannt sich, das Gesicht verzerrt sich, die Augen werden noch größer, der Puls rast, die Halsmuskeln treten überdeutlich hervor. Sie will schreien. Doch es geht nicht. Der Mund bleibt geschlossen, der Schrei bleibt in der Kehle stecken. Sie will alle Kräfte bündeln, aufspringen, raus aus der Wanne, davonlaufen, fliehen, sich verstecken oder wenigstens um Gnade flehen. Doch die Arme liegen gelähmt auf dem Wannenrand und die Beine sind tot und völlig nutzlos, der Mund lässt keinen Laut entweichen. Sie sitzt bewegungslos da, vollkommen paralysiert, gebannt von dem schrecklichen Anblick vor dem Fenster. Sie ist das Kaninchen vor der Schlange. Sie wünscht sich, da ein Entkommen unmöglich ist, unsichtbar zu werden, sich wie im Märchen eine Tarnkappe überzustülpen oder wenigstens die Augen zu schließen, um die Wahrheit auf diese Weise zu verdrängen, um die grausame Realität hinter sich zu lassen. Aber nicht einmal der Vogel-Strauß-Effekt will ihr gelingen. Der Drache hat alles in ihr gelähmt und ihre einzige Hoffnung ist, dass die Fensterscheibe standhält, die paar Millimeter Glas, die sie von dem Scheusal trennen.
Der Alte, der vor der Vase angefangen hat, umherzuhüpfen und mit seinen Armen in den weiten Ärmeln des grünlichen Yukata zu schlagen, ist einen Moment irritiert. Er folgt dem entsetzten Blick der Frau, dreht sich um, sieht das Fenster, erkennt den gewohnten Blick aus dem Fenster. Mehr ist da nicht und nun ist er überzeugt, dass ihr Blick ihm gilt, nur ihm. Sie hat Angst vor ihm, das merkt man und zugleich erwartet sie ihn, das spürt er. Sie fürchtet sich vor ihm und zugleich begehrt sie ihn. Auch in ihr bilden Angst und Gier eine explosive Mischung. Sie ist bereit, er ist bereit, die finale Vereinigung kann beginnen. Der Alte springt noch einmal hoch, höher als zuvor, brünstiger denn je reißt er mit einer weit ausholenden Bewegung seiner Arme den Yukata auf, entblößt seine Brust, zeigt die furchterregende Tätowierung eines Dämons und stößt zugleich voller Wucht gegen die Vase. Diese wird an das Fenster geschleudert und zerbirst mit lautem Knall, die Scherben verteilen sich mit Geschepper auf dem Boden. Der Alte achtet nicht darauf, er hat nur seine Befriedigung im Sinn. Der rote Yukata ist offen, der rote Netsuke pendelt vor seinem Leib, beide Hände umklammern sein aufgerichtetes, rotes Glied. Sein Mund ist weit aufgerissen, wie der des Dämons auf der Brust, er hechelt, keucht und dann entströmt ein lauter Schrei seiner Kehle. Jetzt will er endlich die Erlösung, die Erleichterung, die Entspannung, die Freuden, all das, nach dem er sich so sehnt, nach dem er sich verzehrt. Grotesk hüpfend und springend, eilt er zu dem Ort, zu der Frau in der Sakewanne, wo er dies finden wird, wo sein Traum in Erfüllung gehen wird. Doch es ist zu spät, seine Zeit ist abgelaufen, er schafft nur den halben Weg, dann ist das Objekt seiner Gier in unerreichbare Ferne entrückt, denn alles, was sich in ihm aufgestaut hat, alles, was ihn so unmäßig bedrängt, entlädt sich vorzeitig, entströmt zur Unzeit. Er kommt, bevor er ankommt und verschleudert seine Lust in Form von ein paar weißlichen Tröpfchen in das Nichts. Doch in diesem kurzen Augenblick der Wahrheit, da ihn alle Sinne verlassen und er blind und taub ist, spürt er doch noch die unendliche Lust, die Kulmination der Empfindungen. Die Lust packt ihn für eine gefühlte Ewigkeit, hebt ihn hoch und hält ihn in der Schwebe. Aber dann verlässt ihn die Ektase, entlässt ihn die Lust aus ihrem Bann und in seinem Gehirn explodiert erst die Welt, dann kollabiert sie und während er schreiend abstürzt, auf den Boden fällt, dort hilflos liegen bleibt, verlöscht die Welt.
Bevor der Alte seinen Höhepunkt erlebt, ist der Fotograf auf dem Wannenrand irritiert. Er versteht nicht, warum der Tätowierer seine Arbeit nicht fortsetzt, warum die Hand mit dem scharfen Messer zitternd am Hals der Frau verharrt. Widerstrebend löst er den Blick von dem eng begrenzten Ausschnitt des Suchers und schaut erst in das versteinerte Gesicht des Tätowierers, dann in das der jungen Frau. Zu seinem großen Erstaunen bemerkt er, wie diese voller Angst in Richtung Fenster schaut. Noch während er sich fragt, was sie so verändert hat, warum sie ihre Gelassenheit aufgegeben hat, hörte er hinter sich ein splitterndes Geräusch, dann Keuchen und Stöhnen. Er will sich spontan umdrehen, merkt aber rechtzeitig, dass er sich erst neu ausrichten muss, dass er sich festhalten muss, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Rasch legt er die Leuchte auf den Beckenrand und stützt sich mit der nun freien Hand ab. Dann dreht er sich halb um und sieht den Grund für das Entsetzen des Mädchens. Er sieht den verrückten Alten, der einem Faun gleich, nackt, mit einer dämonischen Fratze auf seinem Leib, den steil aufgerichteten, roten Stab seiner Männlichkeit in beiden Händen, vor dem Fenster herum hüpft. Er sieht auch die Ursache des splitternden Geräusches, die Scherben der weißen Vase auf dem Fußboden. Und dann sieht er in aller Deutlichkeit, wie der tanzende Satyr auf ihn zu kommt, sich dabei erleichtert, sich befriedigt, sich befleckt, wie dieser alte Mann einen schier unglaublichen Satz in die Höhe macht, dabei erneut aufschreit und sodann zu Boden stürzt. Der Fotograf, gewohnt rasch zu reagieren, hat noch im Umdrehen den Auslöser der Kamera gedrückt und ein Bild nach dem anderen von dieser irren Szene gemacht. Ein weiterer Schrei in seinem Rücken veranlasst ihn, sich wieder zurückzuwenden, zu der Frau, die diesen Schrei ausgestoßen hat. Und nun hat der Fotograf die Szene vor sich, nach der er die ganze Zeit gelechzt hat. Er bekommt in allen Einzelheiten mit, wie die Wanne zum gläsernen Katafalk wird, wie sich in seiner unmittelbaren Nähe, direkt auf Armeslänge vor ihm, Ungeheuerliches, Unfassbares abspielt. Und wieder bannt er das Geschehen geistesgegenwärtig auf den Chip seiner Kamera. Scheinbar ungerührt und professionell nimmt er das grauenvolle Ende eines unbeschreiblichen Dramas auf, bis auch ihn die Apokalypse beinahe erfasst und er nur knapp dem Tod im Sakemeer entgeht.
Die Apokalypse erreicht die entsetzte Frau in der Wanne in dem Moment, als der Drachen die Fensterscheibe zerschlägt, wie sie mit lautem Knall zerbirst und die Splitter zu Boden fallen. Jetzt trennt sie kein schützendes Glas mehr von dem Untier, jetzt gibt es kaum noch Distanz, nur noch unmittelbare Nähe und tödliche Gefahr. Sie spürt den kalten Luftzug, der in den Raum dringt. Sie sieht, wie der Drache sich direkt vor ihr aufbaut, wie er auf und ab springt, mit seinen Flügeln schlägt und sein Maul aufreißt. Sie sieht zu ihrem maßlosen Entsetzen, wie er seine dicke, blutrote Zunge vorstreckt, sie mit beiden Vordertatzen festhält und wie dieses zuckende Organ sich anschickt, ihren Körper abzutasten. Gleich wird diese furchterregende Zunge sie berühren, an ihr lecken, sie abschlecken, in alle Körperöffnungen eindringen. Noch fürchterlicher als dieses steile Glied ist jedoch das böse, rote Auge des Lindwurms. Es irrlichtert, tanzt, ist unstet. Die Frau sieht es mal hier, mal da, aber sie sieht auch, dass es immer voller Wut und Hass auf sie gerichtet ist. Ihre Angst lässt sich nicht mehr steigern, das finale Stadium der nackten, puren Todesangst ist erreicht, sie kann sich weder der Schlangenzunge noch dem Hypnoseblick entziehen, sie kann sich nicht rühren, sich keinen Millimeter bewegen, sie ist dem Untergang geweiht. Denn nun bläht das Scheusal seine Nüstern und schleudert ihr einen Schwall heißer Luft entgegen. Hitze verdrängte die Kälte. Flammen tänzeln auf die Hilflose zu. Das ist das Ende. Gleich wird sie in diesen Flammen aufgehen, gleich wird sie brennen, wie eine Hexe auf dem Scheiterhaufen, wie ein trockener Strohhaufen im heißen Wind. Doch in dieser höchsten Not, als Hitze und Kälte sich aufheben, als die Zunge sie knapp erreicht und die Flammen sie bereits umspielen, als das Furchtbare nicht mehr zu steigern ist, geschieht ein dreifaches Wunder. Der Drache verschwindet auf einen Schlag. Er ist nicht mehr da, er hat sich aufgelöst, entmaterialisiert, den Raum verlassen und den Blick zum Fenster frei gegeben. Die Feuerlanze stirbt, verebbt, verglüht, verpufft noch ehe sie ihr Ziel erreicht hat, noch ehe sie das Werk der Vernichtung beginnen konnte. Das dritte Wunder vollzieht sich in ihr selbst. Die Schockstarre fällt von ihr ab, die Angst verlässt ihre Seele, verlässt ihren Körper und fliegt mit dem Drachen davon, genauso plötzlich wie dieser. Ihre Glieder sind wieder beweglich, sie kann klar denken und fühlen. Wollen und Können sind in ihren Körper zurückgekehrt. Es gibt eine Chance weiterzuleben, sie kann ihrem Schicksal entkommen, sie muss ihre Existenz nicht aufgeben, sie muss nur diese grässliche Wanne verlassen, weg aus diesem Gefängnis, raus aus dieser Todeszelle. Sie reagiert auf die Rückkehr des Lebens mit einem machtvollen Befreiungsschlag.
Der Tätowierer, die erstarrte Salzsäule, hat von diesen dramatischen Ereignissen um ihn herum, nichts mitbekommen. Er hat weder die Angst in den Augen des Mädchens bemerkt noch die Körperdrehung des Fotografen beachtet und auch das verrückte Gehabe des Alten ist ihm völlig entgangen. Er hat starr und halb blind sein Messer an den Hals des Mädchens gehalten, unfähig, seine Arbeit fortzusetzen, aber auch unfähig sie zu beenden, ja nicht einmal fähig, seine zitternde Hand auch nur sinken zu lassen. Doch plötzlich hört er einen Schrei und da fällt der Bann. Plötzlich gehorcht ihm die Hand wieder, plötzlich kann er das Messer wieder führen. Ein letzter Schnitt steht noch aus, ein letzter Punkt muss noch gesetzt werden, dann ist es vollbracht. Er senkt das Messer, er sticht ganz sanft in die Haut über der Halsschlagader. Er registriert, wie in Folge dieser Berührung die Halsschlagader heftig pulsiert und sich die Muskeln der Frau anspannen, wie ihr Hals starr wird und ihre Arme sich auf dem Beckenrand verkrampfen. Doch was dann geschieht, ihre weitere Reaktion auf seinen sanften Stich, ist völlig unerwartet, völlig überzogen. Der tatoo artist ist maßlos überrascht und nun fährt auch ihm der Schrecken in die Glieder. Als er merkt, dass die Tigerin zum Sprung ansetzt, ist es zu spät, die Tigerin ist bereits gesprungen.
In dieser Sekunde wird die Katastrophe real. Das, was bisher Fiktion war, was sich im Reich der Träume und der Phantasie abgespielt hat, wird zur blutigen Wirklichkeit. Die befreite Frau in der Wanne vollführt plötzlich, aus ihrer starren Sitzposition heraus, eine überaus heftige, komplexe Bewegung. Die Unterarme, eben noch lässig auf dem Wannenrand, verkrampfen sich und drücken zusammen mit den angespannten Oberarmen ihren Körper hoch. Die Beine, eben noch tot und ausgestreckt, werden angezogen und unterstützen das Hochstemmen. Der Mund, eben noch stumm und krampfhaft verschlossen, öffnet sich und entlässt einen erlösenden Urschrei der Wiedergeburt. Der Kopf, eben noch stocksteif und unbeweglich auf das Phantom vor dem Fenster gerichtet, schnellt nach vorne und unten. Die Frau, die Tigerin, die zum Sprung ansetzt, um zurück in das Leben zu gelangen, endet im Tod. Der Befreiungsschlag besiegelt ihr Schicksal. Statt einer fiktiven Gefahr zu entrinnen, erliegt sie einer realen. Auf der Flucht vor einem Trugbild, vernichtet sie die Wirklichkeit brutal. Als sie sich aufstemmt und den Kopf nach vorne stößt, dringt das spitze Skalpell tief in ihre Halsschlagader ein. Ein Strahl hellroten Bluts spritzt heraus. In der Sake bilden sich rote Schlieren. Auf der Strohmatte und dem Yukata des Tätowierers erscheinen rote Sprenkel.
Die Frau hat bei ihrer ekstatischen Reaktion den Stich in den Hals zunächst gar nicht bemerkt. Der Schmerz hat das Gehirn noch nicht erreicht, aber ihr Sinne haben das Unglück sofort registriert. Als sie, schon halb erhoben und den Kopf gesenkt, zwangsläufig nach unten schaut, sieht sie die roten Schlieren in der wasserhellen Flüssigkeit. Ihr ist sofort klar, dass es keine Farbe ist, sondern ihr eigenes Blut und hält in der Bewegung inne. Sie registriert voll neuen Entsetzens, wie das Blut in Wellen aus ihrem Hals spritzt, im Rhythmus ihres Herzschlags, wie eine Fontäne, wie ein Geysir. Neue Panik packt sie, sie schreit ein weiteres Mal laut auf, lässt den Rand der Wanne los, fasst sich mit beiden Händen an den Hals, drückt auf die Ader, versucht den Blutstrom zu unterbinden. Ihre Arme verlieren den Halt, ihre Beine rutschen wieder weg, ihr Körper fällt zurück in die Wanne, ihr Hinterkopf schlägt heftig auf den Wannenrand, sie gleitet in die rötliche Blut-Sake, ihr Kopf taucht unter, der schreiende Mund füllt sich mit Sake, die Lunge füllt sich mit Sake, der Schrei verstummt, gurgelnde Geräusche dringen aus der Wanne und in einem erneuten heftigen Aufbäumen, nun von realer Todesangst beflügelt, schlägt sie mit den Armen um sich, verwirbelt und verquirlt die Blutsake zu einem hellroten campariartigen Gemisch.
Doch selbst das ist noch nicht der Höhepunkt des Dramas. Der tattoo artist ist entsetzt zurückgewichen, als er sieht, was er angerichtet hat und das Blut auf ihn spritzt. Dabei reißt er nicht nur das Skalpell aus dem Hals des Mädchens, sondern schlitzte ihre Schlagader ein Stück weit auf. Nun kann das Blut völlig frei und ungehindert herausspritzen. Voller Panik will der tattoo artist sein Mordwerkzeug fortwerfen, will es mit einer ausholenden Handbewegung von sich schleudern. Dabei trifft er eine Hand des heftig balancierenden und ununterbrochen knipsenden Fotografen. Das Skalpell dringt in dessen Handballen. Heftiger Schmerz durchzuckt ihn, er droht das Gleichgewicht zu verlieren, um nicht in der Blutsake zu versinken, lässt er die Kamera fallen. Sie versinkt und das Klick-klick hört endlich auf. Der Fotograf schwankt bedrohlich, such mit der nun freien, verletzten Hand Halt, verkrallt sich in dem Kabel der Leuchte, die auf dem Wannenrand liegt, zerrt daran und auch die Leuchte fällt in die Wanne. In letzter Sekunde, bevor er selbst abgleitet, schafft es der Fotograf sich vom Wannenrand abzustoßen. Er fällt auf die Reisstrohmatte und liegt nun auf dem Boden, genauso wie der desolate tattoo artist auf der anderen Seite. Der hatte sich von seinem Schemel gleiten lassen und die Augen geschlossen, um das Schreckensbild nicht weiter sehen zu müssen, das sich in der Wanne immer noch abspielt.
Das Drama findet mit dem Eintauchen der Lampe in die Sake sein Ende. Ein Kurzschluss führt zu einem letzten, hellen Aufleuchten, verbunden mit einem lauten Knall. Dann verlöscht das Licht und zugleich verlöschen auch alle anderen Lichter in dem Raum. Nur noch der Schein des Lichtermeers, der durch die Fenster dringt, erhellt die grässliche Szenerie notdürftig. Mit dem Licht der Lampe ist auch ein Leben verlöscht. Der Stromschlag hat das Sterben des Mädchens beschleunigt. Es hört abrupt auf, um sich zu schlagen, die gurgelnden Geräusche verstummen, die Wogen in der Sakewanne ebben ab. In dem Raum ist es nahezu dunkel und beängstigend still.
Wie sich später zeigen wird, ist die Kamera ruiniert, aber die Bilder auf der Speicherkarte sind erhalten geblieben, die gesamte, detaillierte, grausige Dokumentation der Ereignisse, sowohl das obszöne Gehüpfe des senilen Alten als auch der schreckliche Stich in den Hals des armen Mädchens. Ein Drache findet sich nur auf der Haut des Opfers, sonst nirgendwo. Aber eine weitere Einzelheit ist bemerkenswert. Aus den Bilddaten wird sich rekonstruieren lassen, dass der Stich in die reale Halsschlagader und die unaufhaltsame Ausbreitung des fatalen roten Punkts auf dem virtuellen Hals, den der digital artist gesetzt hatte, exakt zum selben Zeitpunkt erfolgten.

Klicke auf das Herz, wenn
Dir die Geschichte gefällt
Zugriffe gesamt: 1292

Weitere Geschichten aus dem Zyklus:

Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.

Gedichte auf den Leib geschrieben