Timo - Kapitel 1

Vom Himmel geschickt

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Timo - Kapitel 1

Timo - Kapitel 1

Gero Hard

I: Gestern hatte es geregnet. Noch immer liegen dicke Wassertropfen wie angeklebt auf den Blättern der Bäume und Büsche um mich herum. Erste Sonnenstrahlen versuchen sie mit der unverbrauchter Kraft des frühen Morgens zu trocknen. Die kleinen Pfützen mit dreckigem Regenwasser übersehe ich geflissentlich und stapfe einfach durch sie hindurch.

Milchig-feuchter Dunst schiebt sich durch die Baumwipfel. Etwas davon verfängt sich in den Ästen der ausladenden Baumkronen, aber der große Rest schafft es den Berg hinauf, wo er den Gipfel mit seiner Burgruine umhüllt.

Diese Burg ist mein Ziel, aber meine Beine fühlen sich schwer an. Die Waden werden langsam hart und fangen an zu brennen. Vermutlich steckt noch viel vom Stress der letzten Wochen und Monate in ihnen. Mich wundert‘s jedenfalls nicht. Unzählige Treppenstufen und unzählige Meter musste ich seit Ausbruch der Pandemie im Ganzkörper-Vollschutz zu den mit Corona-Symptomen erkrankten Patienten zurücklegen. Und es waren viele Patienten.

Nein, ich bin kein Arzt, sondern Rettungssanitäter der Berufsfeuerwehr in Magdeburg. Das mache ich nun schon viele Jahre, 21 um genau zu sein. Natürlich gab es in der Zeit mal mehr oder weniger zu tun. Aber seit COVID-19 hasten wir von einem Einsatz zum Nächsten. Kaum Ruhephasen während der 12-Stunden-Schichten und das an 7 Tagen hintereinander. Danach ist dann 7 Tage frei zum Regenerieren, bevor es von Neuem losgeht.

Doch jetzt quäle ich mich den Berg hoch. Eigentlich eher aus Langeweile, denn ich weiß gerade nicht, was ich mit meiner Freizeit anfangen soll. Eine Freischicht-Woche, verlängert um zwei Wochen Urlaub. Viel lieber läge ich jetzt auf einem sonnigen Sandstrand in Thailand. Gebucht war das alles schon, wurde dann aber wegen Corona storniert. Na toll.

Es sollte ein richtig geiler Single-Sexurlaub werden, mit Ganzkörpermassagen und ausgelassener Fickerei mit den niedlichen Thaifrauen, kombiniert mit ausgedehnten Tauchgängen durch die Unterwasserwelt und Seele baumeln lassen.

Mein Sexleben ist in den letzten Jahren ziemlich in den Hintergrund gerückt. Schade eigentlich, denn Sex und Intimität gehört für mich zum Leben, wie die Luft zum Atmen.

Geblieben sind gelegentliche Tinderdate’s, Sex mit der einen oder anderen Kollegin, oder einer guten Freundin, die mir mehr aus Mitleid als aus Liebe den Saft aus den vollen Eiern holt. Sie meinte mal, ich würde ihr leid tun, weil ich als Single doch wohl an Samenstau leiden müsste und sie mir damit helfen wollte.

Ulrike -meine Exfrau- und ich, verstehen uns immer noch gut. Wir treffen uns auch noch gelegentlich, quatschen und lachen über alte Zeiten und wenn uns danach ist, landen wir danach in meinem Bett. Dass sie damit ihren neuen Partner betrügt, ist mir so ziemlich scheißegal, weil der Sex mit Ulli immer wieder super ist. Das war im Grunde auch das Einzige, was uns die Jahre zusammenhielt. Ulrike ist schon eine ziemlich geile Sau im Bett. Für sie gab und gibt es so gut wie keine Hemmungen oder Tabus. Aber das allein reicht eben nicht für eine gemeinsame Zukunft. Ich lebe gern unsere gemeinsame Geilheit mit ihr aus. Aber selbst, wenn ihr Neuer von ihren Seitensprüngen erfahren und sich deshalb von ihr trennen würde, ich nähme sie nicht mehr zurück.  

Mein Ein-Zimmer-Apartment in Magdeburg habe ich gestern mit meinem Haus in Blankenburg, am nördlichen Harzrand gelegen, getauscht. Ein rotes Backsteinhaus aus den frühen 60zigern, dass ich von meinem Opa vererbt bekommen habe. Im Grunde ganz schön, aber nach der Scheidung von Ulrike vor 5 Jahren für mich alleine doch um einiges zu groß geworden. Zusammen hatten wir es mit Hilfe eines Darlehens liebevoll renoviert und unseren Wünschen entsprechend angepasst. Zusammen wollten wir dort alt werden und eine kleine Familie gründen. Aber es sollte einfach nicht sein.

Jetzt lebe ich hier allein mit einem überschaubaren Berg Schulden, aber das ist ok, mietähnlicher Abtrag würde ich sagen. Ich bin weder reich, noch verdiene ich hoch Vierstellig. Aber mit Beamtentarif vergütet, komme ich gut über die Runden. Wie heißt es doch gleich: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Es ist ein wunderschöner, ruhiger Ort zum Entspannen geworden. Idyllisch am Stadtrand gelegen, mit einem nicht einsehbaren Pool im Garten, kann ich es leider nur in meinen Freischichten oder in meinem Urlaub nutzen, so wie jetzt. Es zu vermieten, kommt für mich nicht in Frage. Dafür bin ich selbst viel zu gern hier.

Mist, die Wanderschuhe drücken und der kleine Rucksack auf meinem Rücken scheuert. Oder ist es nur die Flasche mit Mineralwasser, die durch die dünne Rückwand auf meinen Rücken drückt? Außerdem pendelt die Vollformat-Nikon mit ihrem 28-105er Teleobjektiv an der Seite und schlägt mir oft unsanft in die Rippen. Warum habe ich das schwere Ding überhaupt mitgenommen. Immer auf der Suche nach einem Jahrhundertfoto, werden es meistens doch nur einfache Schnappschüsse von bunten Vögeln, aufgeblasenen Fröschen, Insekten oder hübschen Blüten. „Timo Schüttler, wie blöd bist du nur.“ ärgere ich mich über mich selbst, weil ich mich bei jeder Tour damit abquäle. Vor vier Wochen habe ich meinen 48 zigsten im kleinen Rahmen gefeiert, aber klüger bin ich über die Jahre wohl trotzdem nicht geworden.

In meinem Ärger trifft mich noch ein Wassertropfen im Nacken und kullert kalt ein paar Zentimeter meinen Rücken hinunter, nur um dann in meinem Poloshirt zu versickern. Reflexartig ziehe ich den Kopf zwischen die Schultern. Das unangenehme Gefühl verursacht eine Gänsehaut auf meinen Armen.

Kurz überlege ich umzudrehen. Was genau treibt mich eigentlich da hoch? Auf der Burg war ich schon oft, der Frühschoppen dort oben ist immer ganz gut und die Aussicht bei gutem Wetter unschlagbar. Dann kann man bis zum Brocken hinüber sehen. Vielleicht gelingen mir ja doch noch ein paar gelungene Landschaftsaufnahmen.

Was soll ich zu Hause rumsitzen. Die Bude ist sauber, der Pool gereinigt und repariert muss auch nichts werden. Logisch, außer mir macht auch niemand etwas dreckig oder kaputt.

Ok, ich könnte mich mit einem guten Buch auf die Terrasse setzen und versuchen abzuschalten. Nein, dazu wäre bei schlechtem Wetter noch Zeit genug.

Die Anstrengung hilft mir den Kopf frei zu bekommen. „Gut so Timo, weiter geht’s.“ treibe ich mich an.

Bis zur nächsten Bank sind es nur noch 2 Kurven und etwa 500m mit etwas steilerem Anstieg. Dort werde ich Pause machen, meine Waden massieren und den Puls beruhigen.

Von weitem höre ich sie schon, wie sie sich wüst beschimpfen. Den Stimmen nach zu urteilen müssen es ein kleiner Junge und ein ebenso junges Mädchen sein. Sehen kann ich sie noch nicht. Ich vermute, sie blockieren meine so sehnsüchtig herbeigesehnte Bank. Ein schriller Schrei zerreißt die Luft.

„Hör auf mir in den Haaren zu ziehen du Blödmann, das petz ich Oma.“

„Mach doch du olle Ziege.“

„Jaaaaa, mach ich auch, wirst schon sehen.“

Dann plötzlich ist das Zanken vorbei und übrig bleibt ein lautes weinen. Als ich um die letzte Kurve gehe, sehe ich die zwei Streithähne schon. Das Mädchen hat die Hände vorm Gesicht. Sie ist es, die ich weinen gehört habe. Der Junge steht vor ihr und lacht sie hämisch aus. „Heulsuse … Heulsuse…“ beschimpft er sie mit ausgestrecktem Zeigefinger. Sehr offensichtlich freut er sich darüber, dass er es geschafft hat sie zum Weinen zu bringen. Wahrscheinlich nicht zum ersten Mal.

„Na ihr Zwei, alles in Ordnung bei euch?“ beuge ich mich zu ihnen herunter.

„Neeeiiinn, mein Bruder ärgert mich immer.“ weint das Mädchen jetzt noch ein wenig heftiger. Vermutlich sieht sie in mir einen Verbündeten, der ihr als jetzt Erwachsener beisteht.

„Ach, das meint er bestimmt nicht so.“  versuche ich sie zu beruhigen. „Wie heißt ihr denn?“  

Ich knie mich hin, damit ich mich auf Augenhöhe mit ihnen unterhalten kann. Sie sollen mich nicht „von oben herab“ als Bedrohung wahrnehmen. Ich habe in den Zusatzausbildungen beim Rettungsdienst auch einiges über Psychologie und dem Umgang mit Menschen jeden Alters gelernt.

„Ich bin Peter und das da ist meine doofe Schwester Emma.“ übernimmt der Junge das Wort. Für das ‚doofe Schwester‘ erntet er sofort einen Tritt gegen sein Schienbein von ihr.

„Hallo, ich bin Timo und wie alt seid ihr Mäuse?“ frage ich und sehe dabei abwechselnd beide an. „Ich bin 5, und Peter ist 8.“ antwortet sie schluchzend.

„Und warum seid ihr so früh schon hier oben allein unterwegs? Wo ist denn eure Mama?“

„Die ist im Himmel und kocht dort für die Engel.“ sieht mich das Mädchen mit einem verheulten Lächeln an.

In ihrem Blick erkenne ich, dass sie stolz darauf ist, dass ausgerechnet ihre Mama so einen wichtigen Job beim lieben Gott bekommen hat.

Auf solch eine Antwort war ich nicht gefasst. Es ist selten, aber ich bin von ihrer Antwort so berührt, dass ich einen dicken Kloß im Hals habe. Ich muss dieses kleine süße Mädchen in den Arm nehmen. Nicht das ich eine pädophile Neigung hätte, sie tut mir einfach so unendlich leid, dass ich es einfach tun muss. Und obwohl sie mir völlig fremd ist, lässt sie es nicht nur zu, sondern schlingt auch ihrerseits ihre zierlichen Arme um meinen Hals.

Sofort entspannt sich ihr kleiner Körper und es geht ihr scheinbar besser.

„Und mit wem seid ihr denn hier?“ frage ich, nachdem mich die kleine Emma wieder losgelassen hat.

„Mit Oma.“ antwortet Peter, der mit leicht eifersüchtiger Mine hinter mir steht und seine Schwester und mich beobachtet hat.

„Und wo ist die jetzt?“ sehe ich mich ungläubig um. Ich sehe niemanden. Kurz kommt in mir der Verdacht auf, Peter könnte mich angeschwindelt haben, um mich schnell wieder loszuwerden. Vielleicht sind die kleinen Geister ausgekniffen und sie werden gerade gesucht. Oder er möchte jetzt viel lieber seine kleine Schwester weiter ärgern, als meine lästigen Fragen zu beantworten.   

„Die war plötzlich müde und hat sich da ins Gras gelegt.“ Emma zeigt mit ihrem Finger auf die andere Wegeseite, auf einen nach unten abfallenden Randstreifen.

Niemand würde sich freiwillig dort ins nasse Gras legen. Ich ahne Schlimmes. Mit drei schnellen Schritten haste ich auf die andere Seite. Dort liegt sie. Kein Wunder, dass ich sie nicht sofort gesehen habe. Die Frau ist etwa zwei Meter den Abhang hinabgerollt. Dadurch liegt sie leicht verdreht in einer unnatürlichen Haltung. Ihr Gesicht ist leicht blau angelaufen. Hoffentlich komme ich nicht zu spät.

Ich fühle keinen Puls. Sofort beginne ich mit der Wiederbelebung. Die Handgriffe laufen routinemäßig ab.

Nach der ‚30 zu 2 Methode‘ beginne ich mit der Herzmassage: 1 … 28 …29 … 30, dann zweimal beatmen.

Wieder Druckmassage, wieder beatmen. Ich gebe nicht auf. Ich kann sie nicht gehen lassen. Diese Frau hat eine besondere Aufgabe. Sie muss sich um ihre Enkel kümmern … Druckmassage … 29 … 30, zweimal beatmen. Ich prüfe ihren Puls am Hals. Da, ganz leicht fühle ich ihn, viel zu schwach, aber regelmäßig.

Ich habe sie wieder, Gott sei Dank. Ich bin aufgeregt, wie bei jedem Einsatz. Es geht um wertvolle Sekunden, um ein Menschenleben. Emma, Peter, wo sind sie? Ich habe sie völlig ausgeblendet.

Der Rucksack will einfach nicht von meinem Rücken. Verdammt, ausgerechnet jetzt geht es mir viel zu langsam.

Puls prüfen. Er ist weg … Druckmassage, beatmen … alles beginnt von neuem. Meine Arme schmerzen. Aber ich muss durchhalten, für sie und für die Kinder. Hätte ich bloß nicht so viel Zeit mit den Kindern verplempert.

Ich brauche eine Pause, aber ich kann sie mir nicht leisten. Nicht vergessen beim Beatmen den Kopf zu überstrecken. Check, das kann ich aus dem Effeff. Ich brauche Hilfe, das ist mir klar. Aber wie soll ich … ich kann nicht aufhören, eine Unterbrechung könnte tödlich sein. Peter … er muss das machen.

„Peter, komm mal schnell.“ Es dauert einen Moment, bis der Junge bei mir ist. Er sieht mich mit aufgerissenen Augen an. Sofort erkennt er, dass seiner Oma etwas ganz Schlimmes passiert ist.

„Peter, im Rucksack ist mein Handy. Ich brauche es.“ Hektisch versucht der Junge den Rucksack zu öffnen, und sucht das Telefon. Er reicht es mir.

„Ich kann jetzt nicht, du musst den Notruf wählen. Wähle 112.“ Er macht es und reicht mir das Telefon. Ich habe keine Zeit zu telefonieren. Immer, wenn ich etwas Puls fühle, sackt sie mir nach kurzer Zeit wieder weg.

„Hallo, hier ist Peter Meier, meine Oma ist krank … was?... ääähhmm, wir sind auf dem Weg zur Burg… welche Burg? …. äähhmm äähhmm… Regenstein glaube ich … ja, in Blankenburg.“

„Sie ist bewußtlos, beeilen Sie sich.“ schreie ich laut, damit das auch der Rettungsdienst hört. Dann hält er mir das Handy ans Ohr.

„Sie wollen mit dir sprechen.“ sagt er mir dabei.

„Hallo, mein Name ist Timo Schüttler. Ich bin Rettungssanitäter. Patient weiblich, ca. 45 Jahre alt, Herz setzt immer wieder aus, ständige Wiederbelebung. Zufahrt Burg Regenstein, etwa 1 Km vor der Burg. Machen sie schnell, es geht um Leben und Tod.“

Dann lege ich auf. Der eben noch so taffe Peter steht neben mir und weint. „Oma, nicht du auch noch“ flüstert er.

„Peter, sei ein braver Junge und kümmere dich um deine Schwester. Ich komme hier zurecht. Ich schwöre alles zu tun, damit es eurer Oma bald wieder besser geht.“

Nur widerwillig dreht sich der Junge um und geht langsam zu seiner Schwester. Ich bemerke aus den Augenwinkeln, wie er des Öfteren stehenbleibt und sich sorgenvoll umsieht.

Viel zu lange war ich abgelenkt. Puls prüfen. Schwach fühlbar. Ich nutze die kurze Zeit, um die Frau nach sichtbaren Verletzungen zu überprüfen. Nichts. Ok, dann kann ich mich weiter um ihr Herz und ihre Atmung kümmern.

Ihr Herz schlägt, deshalb nur die Mund-zu-Mund-Beatmung. Ihr Gehirn braucht Sauerstoff.

Dann wieder Druckmassage … 28 …29 … 30, zweimal beatmen. Wo bleiben denn nur dieser verdammte Notarzt und der Krankenwagen? Die Minuten scheinen sich wie Gummi zu ziehen.

Trotzdem Ruhe bewahren, das ist höchstes Gebot im Rettungsdienst. Jetzt nur nicht durchdrehen, das hilft niemandem. Aber ich bin ja Profi, das passiert mir nach 21 Jahren Rettungsdienst nicht mehr. Da endlich, das Martinshorn, noch weit weg, aber deutlich hörbar. Es beruhigt mich. In Kürze bekomme ich das erforderliche Werkzeug. Tragbares EKG, Beatmungsgerät, und vor allem Medikamente.

Ich mache mich groß und sehe, wie Peter aufspringt und sich dem Krankenwagen wild mit den Armen winkend in den Weg stellt und ihn damit zum Stoppen zwingt.

Eine rot / gelb gekleidete Gestalt bewegt sich schnell zu mir herunter. Ablösung, endlich. Zwei rote Koffer landen neben mir im Gras ... durchatmen.

„Herr Schüttler? Wir übernehmen jetzt die Patientin. Vielen Dank für Ihren Einsatz, der Notarzt ist auf dem Weg.“

Ich kenne das Prozedere genau und löse mich nur ungern von der Frau, die ich bis eben am Leben erhalten habe. Hier kann ich nichts mehr tun. Die Sanitäter sind Profis wie ich und ich vertraue auf ihr Können. Ich helfe ihnen noch die Patientin auf die Trage zu legen, dann bin ich zum Zuschauen verdammt. Die Ärmel ihrer Jacke und der hellen Bluse werden aufgeschnitten und eine Blutdruckmanschette an ihren Oberarm angelegt.

Ihre Jacke und Bluse werden vorne aufgeknöpft und die Sensoren vom EKG aufgeklebt. Sie trägt keinen BH.

Ganz bestimmt hatte sie heute Morgen nicht damit gerechnet, dass ihr drei wildfremde Männer den Oberkörper freilegen und sie uns damit unfreiwillig ihre hellen, nicht mehr ganz so straffen Brüste präsentieren würde.

Wir Sanitäter haben für solche Dinge während des Einsatzes keinen Blick. Das Leben der Patienten steht im Focus und nicht die sichtbaren primären und/oder sekundären Geschlechtsmerkmale. Egal wie jung und knackig sie auch aussehen mögen.

Die Kinder, bei der Aufregung habe ich sie ganz vergessen. Sie müssen völlig verwirrt und ängstlich sein. Mist, wie konnte mir das nur passieren. Normalerweise bin ich viel abgeklärter bei sowas. Aber heute ist es irgendwie anders.

Die Kinder sitzen brav auf der Bank nebeneinander. Ich kann ihnen die Angst ansehen. Ihre Augen sind rot vom Weinen und sie zittern. Sie halten sich fest an den Händen. Vorhin haben sie noch gestritten, wie das unter Geschwistern wohl zur Tagesordnung gehört, doch jetzt sind sie eine verschworene Einheit geworden.

Jungs und Mädchen … das erinnert mich an Ulrike und mich. Was bei kleinen Kindern schon anfängt, zieht sich bis ins Alter. Irgendwie geht es nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander.

Ich setze mich zwischen die beiden Kinder. Bereitwillig machen sie Platz. Aber nur, um sofort wieder an mich heranzurücken und sich an mich zu kuscheln. Ich lege meine Arme um ihre Schultern und ziehe sie fest an mich. Das ist es, was sie jetzt brauchen, etwas Schutz und Sicherheit und sie nehmen es dankbar an.

Ich versuche die kleinen zitternden Menschen zu trösten. Längst haben auch sie begriffen, dass ihre Oma nicht einfach nur müde war, sondern dass etwas Schreckliches passiert war. Meine Nähe tut ihnen gut, aber so recht beruhigen können sie sich nicht. Der Notarzt kommt zu mir.

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