Timo - Kapitel 4

Eine Entscheidung

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Timo - Kapitel 4

Timo - Kapitel 4

Gero Hard

„Ja, das ist meine Handynummer. Darf ich Ihre speichern?“

„Gern, wenn ich Ihre auch speichern darf?“

„Das fällt mir ziemlich schwer, aber bitte geben Sie die Nummer nicht weiter, ich bin Fremden gegenüber sehr vorsichtig.“

„Das ist doch selbstverständlich Julia, Ehrenwort. Tut mir leid, wenn ich unser Gespräch jetzt abwürgen muss, aber ich muss jetzt raus, damit die Zwerge keine Dummheiten mit dem heißen Grill machen. Rufen Sie mich an, wenn Sie jemanden zum Reden brauchen, ok? Ich schicke gleich ein Bild, wie versprochen. Und Ihnen wünsche ich weiter gute Besserung.“

„Vielen Dank, ich weiß gar nicht, wie ich das wieder gutmachen kann.“

„Müssen Sie nicht. Sie müssen wieder ganz gesund werden, dass ist die Hauptsache.“   

„Sie sind ein Engel, danke.“ --- klack.

Das ich eben mit ihrer Oma telefoniert habe, sage ich den Kindern erstmal nicht. Draußen bietet sich mir ein unverändertes Bild. Peter wedelt die Kohle und Emma kämmt die künstliche Haare. Unbemerkt sind die ersten zwei Fotos im Kasten. Praktisch so’n Handy.

Die ausgebreitete Decke füllt sich langsam und auf dem Grill bruzzeln die ersten Würstchen. Emma reckt die Nase in die Luft und Peter lässt den Würstchen nicht den Hauch einer Chance, braun zu werden. Ich muss schmunzeln. Der kleine Mann ist so stolz mit seiner Grillzange, dass ich sofort ein Bild davon machen muss.

Komischerweise kümmert er sich nur um die Wurst, die marinierte Hähnchenbrust ignoriert er völlig. Ist ihm zu glitschig, hat er gesagt. Bis das Essen fertig ist, mache ich noch ein paar Bilder von der Picknick-Decke, vom Garten und dem Pool und von den Kindern.

Zuletzt noch ein Bild von uns Dreien, Emma auf einem Oberschenkel, Peter auf dem anderen und schon ist das Selfie

im Kasten. Das werde ich auf jeden Fall behalten, komme was wolle.

Ich brauche drei Nachrichten per WhatsApp, um alle 15 Fotos zu verschicken. Aber von Julia, t’schuldigung, von Frau Berger kommt keine Reaktion. Schade, über ein Einfaches ‚Danke‘ hätte ich mich sehr gefreut.

Das Essen ist einfach, aber saumäßig gemütlich. Ich habe nicht gewusst, wieviel so kleine Kindermägen vertragen können. Ich staune, wiedermal.

Ich tauche meinen Zeigefinger in den Ketchup und verpasse meinen beiden Mäusen mit einem kleinen Tupfer auf die Nasenspitze eine rote Ketchup-Nase. Dann toben wir noch einen Augenblick, spielen fangen und kitzeln uns durch.

Ich liebe die zwei. Ich verstehe nicht ansatzweise, wie ihr eigener Vater sie so übel im Stich lassen kann. Eine Schande ist das. Ficken können sie alle, aber Verantwortung übernehmen … sorry, es steht mir nicht zu über ihn zu richten.

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Timo 4

schreibt franzl

Die Timogeschichte gehört für mich zu den ganz großen Erzählungen, die von tiefem Mitgefühl, Verantwortung für den Anderen zeugt. Timo's Haltung stellt einen hohen moralischen Maßstab dar, er könnte für manchen Orientierung sein. Der Autor setzte mit dieser Geschichte, sicher nicht nur bis zum Kapitel 4, ein literarisches Ausrufezeichen. Glückwunsch! Franzl.

Gedichte auf den Leib geschrieben