Timon und Eva

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Timon und Eva

Timon und Eva

Peter Urmel

Als ich aufwache ist es schon spät. 11 Uhr. Ich taumele ins Bad. Die Dusche haucht mir neues Leben ein. In einer Stunde muss ich im Club sein. Oder? Nein, heute ist Ruhetag. Da holen die Putzfrauen alle vergessenen Küchentücher aus den Ritzen der Matratzen. Toll. Dann kann ich ein wenig Schlaf nachholen.
Notdürftig wickele ich mich in ein Handtuch und gehe zurück zum Bett. Dann sehe ich ihn. Timon sitzt aufrecht im Bett und schaut mich an. Schlaftrunken. Fast hätte ich ihn vergessen. Fast dachte ich, die Nacht war nur ein Traum. Doch jetzt, zum ersten Mal, sehe ich ihn.
Er lächelt. Zum Glück.
„Guten Morgen.“, begrüße ich ihn.
„Guten Morgen. Wie spät ist es?“
„Nach 11. Aber heute ist Sonntag“
Er nickt und sagt: „Du möchtest jetzt sicher allein sein.“ Was redest Du?
„Möchtest Du nicht zum Frühstück bleiben? Wo ich Dich doch beim Abendessen schon versetzt habe?“
Sein Gesicht erhellt sich mit dem schönsten Lächeln: „Gerne. Was gibt es denn?“
„Alles was Du willst, solange es sich mit Brot, Käse, und Marmelade machen lässt“
Er schaut mich prüfend an: „Kaffee?“
„Kaffe hab ich auch.“
Timon lächelt wieder: „Ich geh mich schnell duschen und komme dann mit Brötchen und Wurst zurück.“
Als der Kaffee duftet und der Tisch gedeckt, steht Timon mit einer großen Tüte vor der Tür. Die Nacht hat uns beide hungrig gemacht, und so fallen wir wie die Tiere über unsere Vorräte her. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel Spaß am Frühstück hatte.
„Sag mal, was machst Du eigentlich beruflich?“, fragt er schließlich. Tja, das war es dann wohl. Ich hole tief Luft und fasse allen meinen Mut zusammen.
„Ich arbeite in einem Club“
Besser jetzt die Wahrheit sagen, als später, wenn ich mich unsterblich verliebt habe.
„Spielst Du Tennis?“ Au weia! Das hätte ich mir denken können.
„Nein. Ein Club…für Männer.“, sage ich.
„Und was machst Du da? Kellerst Du?“
Jetzt könnte ich doch einfach ja sagen und das Thema ist vom Tisch.
„Nein, ich arbeite als Hostesse.“
Seine Stirn legt sich in Falten. Er schaut mich fragend an. Nach einer Weile fragt er: „Ist es das was ich denke?“
Ich nicke.
„Du …, also, für Geld?“
Wieder nicke ich. Jetzt rastet er bestimmt aus.
„Uff.“, sagt er, „Du überrascht mich immer wieder. Ich weiß nur noch nicht, ob ich damit umgehen kann.“
Aha. Und gleich ist er raus.
„Wenn Du jetzt lieber gehen möchtest, kann ich das verstehen…“
Doch er lächelt: „Bis jetzt scheint es mir nichts auszumachen. Und bis es mir was ausmacht, kann ich ja noch ein Brötchen essen.“
Unberechenbar ist er auch noch. Und ich bin gerade dabei, mich in diesen Kerl zu verlieben.

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