Traumfrau

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Carola Heine

"Du bist hübsch", sagte er zu ihr und dachte: Wenn ihre Augen in dem gleichmäßigen Gesicht nun auch noch blau wären, wäre sie sogar wunderschön.
Zart errötend schlug sie die Augen nieder. Als sie ihn wieder anblickte, strahlten ihre Augen mittelblau.
"Lass das", sagte er ungeduldig und tippte mit den Fingerknöcheln auf den Tisch. "Du sollst meine Gedanken nicht lesen. Und es ärgert mich, wenn Du jeden meiner Wünsche transformierst. Perfektion ist langweilig."
Das Mädchen sah ihn schweigend an. Ihre Augen verblassten wieder zu dem silbernen Grau, das sie vorher gehabt hatten und sie schien abzuwarten.
Wartete sie wirklich, oder war es ihr gleichgültig, ob etwas geschah? Er zündete sich eine Zigarette an, lehnte sich zurück.
Natürlich las sie seine Gedanken immer noch, das war schließlich ihre Aufgabe: Alles zu erfahren, was sie für ihn tun konnte. Jeden seiner Wünsche zu erfüllen.
Beim ersten Mal hatte er sich noch gefragt, wie weit er gehen konnte. Spielerisch hatte er in Gedanken nach grüner Haut verlangt, die sich wie Schuppen anfühlte.
Später war er dann in die dunklen Bereiche der Neugier eingetaucht, hatte nach Schmerz gefragt und ihn empfangen ... und hatte Schmerz geschenkt.
Aber was er auch verlangte, immer wusste er, dass er nicht ganz ehrlich zu sich war. Und zu den Mädchen.
Er hatte dunkle und helle Haut gefordert, blaue und silbern genoppte. Unter seinen Händen hatte er die faltige Haut einer Greisin und das Fell einer Leopardenfrau gespürt und einmal, nach einem sehr schlechten Tag, ein langsam erkaltendes Mädchen mit gebrochenem Genick.
Nach ihrem Abtransport fühlte er sich leer und krank. Erst als die Rechnung eintraf, ging es ihm wieder besser.
Nur was er wirklich wollte, danach hatte er bisher nie gefragt. Wenn es an den Grenzen seines Bewusstseins auftauchte und er spürte, wie das anwesende Mädchen sich bereitwillig veränderte, zog er sich zurück und orderte eine zweite für ausgedehntere Spiele oder eine missgebildete, die keine Gedanken lesen konnte.
Heute aber würde er es tun. "Sieh' Dir dieses Foto an." sagte er und reichte dem Mädchen das Bild, behielt sie scharf im Auge. Ihre Konturen vibrierten leicht, drängten nach der Veränderung, aber sie war vorsichtig, hatte die Zurechtweisung noch nicht vergessen.
Sie nickte stumm und sah ihn fragend an. "Ja." sagte er heiser. "Genau so sollst Du aussehen. Ihre Haut ist sehr weich und zart."
Das Mädchen zog die Beine neben sich auf das Sofa, sie schien kleiner zu werden und gleichzeitig veränderten sich ihre Umrisse. Er schloss die Augen, wollte den Übergang diesmal nicht sehen.
Nach einigen Minuten war sie soweit und er spürte eine zarte Hand auf seinem Knie. Sie war vollkommen, ihm blieb der Atem fast stehen. Jede Kleinigkeit stimmte.
"Perfektion ist vielleicht doch nicht langweilig", sagte er und seine Stimme klang fast heiser. Die Begierde verdrängte seine vorsichtige Zurückhaltung und das Mädchen lächelte strahlend - endlich empfing sie deutliche Signale, konnte seinen Wünschen folgen.
Später lag sie zu seinen Füssen, an sein Knie gelehnt. Als er aufstand und ging, fiel sie zur Seite. Er kümmerte sich nicht darum.
"Papa." sagte sie leise. Sie hatte sich noch nicht zurückverwandelt.

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