Denn das mit einer Gabel zu zerteilen, das ist nicht einfach. Und einfach so abbeißen, das klappt erst recht nicht.
Bei uns zu Hause war das anders.
Apfelstrudel war kein Dessert. Er war ein Mittagessen. Vor allem ein günstiges. Nicht, dass mir in meiner Kindheit etwas gefehlt hätte – aber Geld war nichts, das man leichtfertig ausgab. Also wurde gekocht, was da war. Und im Herbst bedeutete das: Äpfel. Oft brachten Verwandte und Freunde uns diese aus ihren Gärten, und sie waren somit gratis. Dazu selbstgemachter Strudelteig – günstig, schlicht, verlässlich.
Und ganz ehrlich: Ich habe es geliebt. Warm, sättigend, direkt aus dem Ofen. Und die Reste gab es zur Jause oder am nächsten Morgen zum Frühstück. Und ja, dieser Strudel war flach. So, dass man ihn problemlos schneiden konnte. Und sogar so, dass man ihn zum Frühstück, wenn er kalt war, einfach in die Hand nehmen und abbeißen konnte. Denn auch wenn wir auf gewisse Tischmanieren natürlich geachtet haben, das war durchaus in Ordnung.
Gemacht hat ihn meistens meine Oma. Manchmal auch meine Mutter, aber – ganz ohne Bosheit – der von meiner Oma war besser. Das hat selbst meine Mutter nie bestritten. Meine Mutter konnte wirklich sehr gut kochen und backen. Aber Strudel, das war die Spezialität meiner Oma.
Was wichtig zu wissen ist: Strudelteig lernt man nicht aus einem Kochbuch. Auch wenn das Rezept einfach klingt: Mehl, Wasser, etwas Öl, eine Prise Salz. Das genügt nicht. Man muss ihn spüren. Wissen, wie weich er sein darf, wie weit er nachgeben muss – und wann er bereit ist, sich ausziehen zu lassen.
Denn der Teig ist launisch. Entweder bleibt er störrisch und dick, oder er reißt sofort, wenn man ihn nicht richtig behandelt.
Meine Oma hatte dieses Gespür.
Ich sehe sie noch heute vor mir: in der Küche, die Hände leicht mehlig, ruhig, konzentriert.
Über das Ausziehen
4 10-16 Minuten 1 Kommentar
Über das Ausziehen
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Ach Leni ....
schreibt Stayhungry