Wie sie den Teig anhebt und beginnt, ihn auszuziehen. Von der Mitte aus. Gleichmäßig. Geduldig.
Und irgendwann ist er so dünn, dass man die Zeitung darunter lesen kann.
Das war für mich Strudel.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich mich mit dem Kaffeehaus-Strudel nie ganz anfreunden konnte. Es war einfach nie ihrer.
Als Kind habe ich ihr oft zugesehen. Stand in der warmen Küche, ein wenig abseits, und habe den Geruch aufgesogen: Äpfel, Zimt, geröstete Semmelbrösel, geschmolzene Butter.
Sie hat wenig erklärt. Sie hat einfach gemacht.
Später, als ich älter war, durfte ich es selbst versuchen.
„Schau“, hat sie einmal gesagt, „du darfst keine Angst haben.“
Bis heute weiß ich nicht, ob sie das zu mir gesagt hat oder zum Teig.
Ich habe es versucht. Und er ist sofort gerissen.
Sie hat gelacht, ihn wieder zusammengeknetet, ihn über ihre Handrücken gelegt – und dann dieses langsame Ziehen. Kein Zerren, kein Reißen. Eher ein behutsames Dehnen. Stetig. Gleichmäßig.
Und ich habe gesehen, wie er größer wurde. Dünner. Und dabei geschmeidig blieb.
Ich erinnere mich noch genau, wie sie ihn dabei angesehen hat: ruhig, konzentriert, fast beiläufig – und doch mit einem stillen Stolz.
Später habe ich es selbst immer wieder probiert. Und er ist mir genauso oft gerissen, wie ich es versucht habe. Ich weiß noch, wie sehr mich das geärgert hat.
Sie hat nur den Kopf geschüttelt und gesagt, ich solle noch einmal anfangen.
„Du musst ihn lassen“, hat sie gesagt. „Aber trotzdem führen.“
Damals habe ich das nicht verstanden.
Aber ich habe weitergemacht.
Und irgendwann habe ich gespürt, was sie gemeint hat.
Zuerst noch etwas unsicher und ich war auch noch zu zaghaft. Ich hörte auf, bevor er wirklich dünn genug war. Aber immerhin: der erste Teig ohne Loch. Man konnte ihn einrollen, man konnte ihn essen – auch wenn er noch nicht so war, wie er sein sollte.
Über das Ausziehen
4 10-16 Minuten 1 Kommentar
Über das Ausziehen
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Ach Leni ....
schreibt Stayhungry