Liebevoll zog ich mit einem feinen Haarpinsel über das Material. Das LKW-Modell war schön geworden. Ich hatte ihn zusammengebaut und etwas aufgemotzt, mehr als in der Anleitung beschrieben war. Das Modell bekam Chromfelgen, Scheibenwischer, Kennzeichen, diverse Aufkleber. Das ist zwar etwas Fummelarbeit, aber zahlt sich aus, weil man gerade solche Details sieht, wenn man das Ergebnis mit einer guten Kamera fotografiert.
Ich stand im Flur, der LKW stand auf dem Schuhschrank. Meine Frau hasste es, wenn ich dort ein Modell bemalte, denn manchmal ging schon ein Tropfen Farbe auf die Oberfläche des Möbelstücks. Aber das Teil hatte einfach die optimale Höhe.
Eigentlich hätte ich heute zu einem Seminar nach Köln gemusst. Aber in letzter Minute erreichte mich ein Anruf, dass der Referent erkrankt sei und das Seminar zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt würde. Also nahm ich mir heute frei und machte, was mir Spaß machte.
Es war kurz nach eins, als ich vor der Tür Schritte hörte. Ihre Schritte. Die Schritte meiner Frau. Ich würde sie unter Hunderten heraushören. „Mein Gott, hat die heute früh Feierabend gemacht“.
Ich nahm mir vor, sie zu überraschen und ging die drei Schritte in den Heizungsraum und lehnte die Tür an.
Da wurde auch schon der Schlüssel in das Schloss geschoben und aufgeschlossen. Sie trat ein, aber sie war nicht allein. Ein Mann war bei ihr.
„Und du bist sicher, dass dein Mann nicht zu Hause ist?“
Irgendwoher kannte ich die Stimme.
„Nein, er ist auf einem Seminar in Köln. Vor sechs ist er nicht hier.“
Jetzt machte es klick. Es war ihr Arbeitskollege, mit dem sie eine Fahrgemeinschaft bildete. Normalerweise stieg einer von beiden in einem Park-and-Ride-Parkplatz an der Autobahn zu und wieder aus. Warum war er diesmal mit zu uns gekommen?
Ich wollte gerade die Tür öffnen und mich zu erkennen geben, als meine Frau ihm um den Hals fiel und leidenschaftlich küsste.
„Komm, lass uns nicht warten.“
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