Doch am Ende der Sitzungen waren sie stets verschwunden. Der Anwalt nahm sie mit, wie ein Kind, das lieber hortet als teilt. Zunächst sah ich darüber hinweg – es passte in das Bild seines trockenen Geizes. Aber mit jedem Mal störte mich dieses kleine Ritual mehr, vielleicht weil es mich an meine eigene Rolle erinnerte: stets dienend, nie kostend.
Als der Mandant eines Tages wiederkam, reichte er mir die Tüte mit seinem üblichen Lächeln. „Welche Croissants mögen Sie eigentlich am liebsten?“ fragte er beiläufig.
Ich lachte. „Himbeere. Aber davon bekomme ich nie etwas ab – die landen immer beim Anwalt.“
Für einen Moment verdunkelten sich seine Augen. Dann sprach er ruhig, fast zu ruhig: „Ungerecht, dass selbst kleine Freuden an Gier scheitern. Ich hab in meinem Leben vieles falsch gemacht und bezahle nun dafür – aber dass so etwas Banales nicht mal mehr erlaubt ist, das ärgert mich.“
Er hatte sich beinahe in Rage geredet. Ich wollte die Stimmung kippen. „Vielleicht sollten Sie, da Ihr Urteil schon so gut wie feststeht, nun wirklich anfangen, gegen Regeln zu verstoßen – aber auf charmante Weise. Nicht gesetzlich, eher… menschlich.“
Er lächelte schief. „Das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut – und es gefällt mir, dass ich mich getäuscht habe.“
Unsere Blicke hielten sich zu lange. Der Flirt war da, leise, gefährlich. Ich spürte, wie er in mir weniger die Assistentin, mehr die mögliche Komplizin sah.
„Beginnen Sie klein“, schlug ich vor. „Beim nächsten Termin klingeln Sie, statt die Tür selbst zu öffnen. Sagen Sie, sie sei verschlossen. Dann komme ich runter – und wir überlegen uns was, wie wir kurz gegen die Regeln verstoßen können. Und die Welt zumindest für kurze Zeit zu einem weniger ernsten Ort machen können.“
Weiter kam ich nicht.
Unschuldig schmeckt anders
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Unschuldig schmeckt anders
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Eine wirklich lesenswerte Erotikgeschichte
schreibt Benko