Unschuldig schmeckt anders

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Unschuldig schmeckt anders

Unschuldig schmeckt anders

Chloé d'Aubigné

Ich spürte, wie sich ein Orgasmus in mir aufbaute, wie eine aufsteigende Welle rollte er unaufhaltsam, schneller und lauter auf mich zu, bis er mich erfasste und mich wegtrug. Doch ich bekam noch mit, wie auch sein Atem immer schwerer ging, stoßweise kam, bis auch er in mir abspritzte. Ich fühlte mich wie in einer bislang unbekannten Ekstase, die mich weit über das Hier und Jetzt entführte. Ja, ich musste daran denken, dass man den Orgasmus auch den kleinen Tod nennt. Denn in diesem Moment verstand ich es – wir hatten dem anderen einen kleinen, unwiderruflichen Moment unseres Lebens gegeben und eben einen solchen bekommen.
Noch ein paar Sekunden lagen wir unbeweglich, erschöpft, schwitzend und zitternd auf der kalten Motorhaube. Unsere Körper suchten noch den Kontakt zueinander, wollten sich nicht voneinander lösen. Und begannen doch, es langsam zu begreifen: Das Undenkbare, das Verbotene war zur Wahrheit geworden – greifbar, intensiv, unvergesslich.
Doch bald lösen wir uns voneinander, standen uns gegenüber: Atem immer noch schwer, Haare zerzaust, die Kleidung verrutscht – und sahen im Blick des anderen ganz klar: Das war der kleine Racheakt, der kleine Ausbruch, den wir uns so sehr gewünscht und den wir so sehr gebraucht hatten. Und er war besser gewesen, als wir es uns je erhofft hatten.
Wir gingen hoch, als wäre nichts geschehen. Wir hatten unser Äußeres wieder in Ordnung gebracht – aber nur fast. Das Lächeln in unserem Gesicht, das konnten wir nicht unterdrücken. Und hätte uns jemand genau ins Gesicht gesehen, er hätte daraus lesen können, was wir soeben getan hatten.
Ich begleitete ihn ganz professionell ins Sitzungszimmer, wo der Anwalt wartete.
«Es tut mir leid, die Tür hat Probleme gemacht. Aber Ihre reizende Assistentin hat mich gerettet», begann der Mandant das Gespräch.
«Darf es noch ein Kaffee sein?», fragte ich, nun wieder voll und ganz in meiner Rolle.
«Ja, gerne. Wie immer einen Espresso. Und, hier sind übrigens wieder die Croissants. Himbeere, wie Sie sie am liebsten mögen. Diesmal aber nicht für die Sitzung, sondern nur für Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen der Administration», antwortete er.
«Sie, Sie verdienen mit mir ja genug, um sich selbst welche kaufen zu können», entgegnete er dem verwunderten Blick des Anwalts.
Ein simpler Satz nur, aber für mich fühlte er sich an wie eine kleine, gewonnene Schlacht. Der Moment, in dem das starre System, das uns beide gefangen hielt, für einen Augenblick erschüttert wurde – nicht mit lautem Knall, sondern mit einer kleinen Geste der Gerechtigkeit.
Seitdem denke ich oft an diesen Tag zurück. Nicht an das Drama oder den Skandal, der sich hätte ereignen können. Sondern an diesen kurzen Augenblick, in dem zwei Menschen einen leisen Pakt schlossen – gegen den alltäglichen Trott, gegen die Regeln, gegen das, was man erwartet.
Es war kein Märchen, kein Film, kein grandioser Auftritt. Es war einfach nur guter Sex an einem Ort, an dem so etwas nicht stattfinden sollte. Nein, an dem so etwas stattfinden sollte, aber es normalerweise nicht dazu kam. Doch nicht nur deshalb blieb es mir im Gedächtnis – sondern vor allem, weil es sich richtig anfühlte, weil es echt war und fernab von Plattitüden. Weil ich mich so frei fühlte, mir einen absolut sinnlosen Regelbruch erlaubte, einen Ausbruch aus der Realität.
Damals habe ich das Grau durchbrochen. Und noch heute, wenn ich in ein Himbeercroissant beiße, muss ich lächeln. Es ist eine Erinnerung, die ich nicht missen möchte. An meinen Mut. An meine wilde Seite. Und an wirklich, wirklich guten Sex.

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Eine wirklich lesenswerte Erotikgeschichte

schreibt Benko

Chapeau! Eine der besten Erotik-Geschichten, die ich bisher gelesen habe! Ein Tabu—Thema einfach genial aufbereitet. Beste Grüße Ulli

Gedichte auf den Leib geschrieben