Unser Sommerfest

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Unser Sommerfest

Unser Sommerfest

Stefanie A. Drissen

Ach, es ist schon fast Zeit zum Schlafengehen. Habe lange gebummelt, die Zeit vergessen, im milden Abend, auf der Terrasse, zum sommerlich atmenden Garten hin. Mich dann mit ein wenig kühlendem Wasser bespritzt, in der Dusche. Endlich okay, bin zum Wohlig-müde-kuschelig-Lesen bereit; was soll’s denn heute abend sein: Tschechows „Sommerlaune mit Dame und Hündchen“ Oder spielt das da im Winter? Nein, auf der Promenade, wo es wehtundwohlt. Später, in Moskau, saumäßig, da! - Hab aber noch Besseres auf der Bettkante. Auch den EULENSPIEGEL. Kikeriki!
Da, da - schau raus - da erhalte ich im mildlind-blauen Sonnen-untergangswind ein eiliges Briefchen, in dem mich eine Freundin einlädt zu einem Fest auf dem Korthusener Autobahnkreuz. Wie konnte ich das Sonnenwendfest oder so vergessen! Jedenfalls, auch unser Siegesfest im zur Autobahn verplanten Wonnental! Wo ich mal spielen lernte. Und schmusen mit Johnny, dem Bachradfahrer, irre der! Ob der heute irgendwo inner Klapse steckt? Oder in einem Ministerium?
Da sind wir zum naheliegenden Zentrum des Straßenverkehrs gefahren, wir, Mamama, und Tochter Nora, die mich manchmal stolzest Mapa nennt, auf dem Fahrrad, das schon mit fahnenartigen Bändern geschmückt ist („und in meinem Sehnen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen“), bis zur rückwärtigen Zufahrt zu der Autobahnraststätte, die aber heute nicht abgesperrt ist mit der rotweißen Bake. Die Polizei hat alles freigegeben. Was ist hier los? Alle Sperrungen aufgehoben, alle frei an den Baustellen. Und wacht gnädig, und holt sich Würstchen, Pommes und Schlamm, rotweiß. Und es gibt dort heute nur Fußgänger und Radfahrer zu sehen; alle anderen Verkehrsmittel sind ausgesperrt und werden auf naheliegende Sportplätze und Schulhöfe des Stadtteils Sunder umgeleitet. Wir klinken uns ein. Es wird spät auf dem Fest, überall gibt es Stände, Buden, Spielmöglichkeiten, Hoppsassa, Kontakte. Initiativen und Gruppen halten ihre Tafeln, Plakate und Butterbrote hoch und bieten sich an zum Plausch, zur Diskussion. Hier Edelsteine, Speckmutter, Onkelschenkelmarmor, Frauenhorn, Mädchentunsch. Für die Männers Greisengneis. Opas Wackerschiefer, Papas Weggeranntseinglitzer...
Dort duftet schon die Thüringer, brät hier die Münsterländer Hertha, dort zischt der Apfelsaft, so ruft ein Türke seinen Hammel-Kebab aus, da vorne trickst ein Jongleur mit Ahs und Ohs, bis zwei Meterchen über die Köpfe der Kinder, dort bläst ein Clown riesige, bunte Seifenblasen in den Himmel, in niegesehenen Farben: Köningspurpur, Kardinalslila, Queens-Heiligmantelrock samt Handtäschchen in Fliederkußbleu! (Erklärt mir gestikulierend ein blaubehüteter Aquarellist, der mir seinen Pinsel in die Finger drücken will. „Junge Frau, junge Frau, ich seh’s dir an. Du hast was Künstlerisches!“)
Dort fiept und rührt und krost und protestiert die gewählte Gewerkschaft der Zahnrad fahrenden Eisenbahner an ihrem Stand herum, sie verschenken hölzerne Sönnchen im Strahlenkranz und Blümchen auf Eierkarton, Schmetterlinge auf Krepp, als Geblüme als Samen, als Pflänzchen und Heilskraft. Schon ist im Westen die Sonne als rotglühender Orangenballon auf einmal verschwunden. Kurz vor Mitternacht - so erfahren wir von einer umstand-buntdreistbehosten Frau, die ihr Baby im Palästinenser Wickeltuch trägt - wird ein krönendes Feuerwerk entzünden, gesponsort („Unsere Marken sind rindfreifrei!“) von der Konservenfabrik, die zu Ostern von Nestlé aufgekauft wurde und mit ihren Osterweiblein großen Erfolg in den Supermärkten hatten. Wir verschieben unsere Abfahrt und hören dem heiteren, leisen Gesang der Mutter zu, die gerade ihr Kind gestillt hat und es nun in den Schlaf wiegt. "Der Mond ist aufgegangen - und unseren goldenen Nachbarn auch." Wir bereiten uns auf die Nacht vor. Will ich hier bleiben? Ich lehne mich an eine braunbröcklig-sanften Torfballen, eine Plackenlage, samt Abflußgrube unter meinen Füßen, meine Tochter kuschelt in meinen Armen ein. Wie warm und wohlig es ist! Da kann manundfrau eine Nacht ausfallen lassen. Ich bin versucht, den Finger, angewinkelter Zeigefinder zu nehmen, wie schon lange nicht mehr. Katjanka grinst, nickt und nuckelt mir zu: „Britta-Beritta, schläfst du auch bald ein? Ich brauchte nurnoch von Papa einen Furzkuß.“ Tja, wenn sie dem am kleinen Finger, links, zieht, da pupst der doch immer, einfach so! Und nora schnüffelt und weiß nicht, woher es pupselt...
Dann wird sie aber laut mit Kosenamen von einer Nachbargruppe herübergerufen; es sind zwei Freundinnen aus der Grundschule, die dort beim Sackhüpfen herumtollen und ihr zuwinken. Und die Maltersäcke auseinanderschneiden, zerreißen und sich darin eindrehen und als Tüten oder Bischöfe herumjuchzen. Keiner meckert. Alle sind wie ausgelassen. Da packen sie Pakete aus, verschenken was, reißen Samentütchen auf! Drehen sich im Kreis, tanzend! Verschütten alles! Verspritzen das Zeugs aus den Tütchen!
„Der Duft des ersten Heus ist auf den Gängen rege.“
Nora springt hinüber, als ich ihr zunicke. Ich bleibe in einer warmen Kuschelgrube aus Heu und Strohballen liegen. Johannes der Erste ist auf einmal da. Aus Litauen zurück. Mit hunderttausend Bilderchen. Was freut sich nicht alles. Ostern, Pfingsten so weit! Als alles auf der Kippe stand, beim Verwaltungsgericht. Erzählt von den alten Götterbildern. Und den Kirchenvätern, oh, Heiliger Ambrosius mit dem Honigbärt, hilf uns Kinder kriegen, und so, die auf den Schulhöfen aufgestellt werden. Monstergroß, in Holz. Und eingeweiht von den Popen! Wir verlieren uns. Einer breitet eine Flatterdecke - groß wie ein gesegnetes Kreuzzugsbanner. Gegen Osten, Ordensritter der letzten Generation! - Über uns. Ich streichele meinen Johannes! Weiß ich noch, wo, neben dem großen Hoden links, der hängt immer traurig! Später der kleine! Ja, auch. Wo warst du so lange? Von Russland erzähl, von Kaninchengrad - mir später. Mach los! Patscher, du! Wie war es in Onkel Toms Hütte? Ganz still? Nur einmal der sanfte Friedo Mann? Erzählte von seiner sanften Urgroßmutter? - Berühr mich, sanfter! Kitzelmixelmeinmiomeinmio! Kannst du das nicht mehr? Nur kreisen.
Haha-Hannes? Nein, schon fertig? Wirklich nicht? Hat schon? So ein bißchen geplimpert! Gott, wo warst du nur in den letzten drei Wochen! Bitte, wir noch mal, ja? Und noch'n Finger. Aber nacheinander! Du gibst mir deinen Samen ja, bitte, samt Sehnsuchtströpfchen. Ja, es darf und kann sein! Tu den Lümmel bitte raus! ja, So, Lieber! Und mir kräftig auf das Schambein drücken. und - wenn du noch ‘ne Hand auf, auf die Gebärsack, einfach oberhalb des Knochens! So, das schön, mal keine Angst vor dem Sperma zu haben, - jaahahjajamama-ahhjetztjajetzt! Auf einmal. bin ich auf eine Brücke gegangen, die über mehrere Eisenbahngeleise hinwegführt. Ein schneller Zug nähert sich. Unter der Brücke sehe ich unter mir auf demselben Gleis einen weiteren Zug, der steht dort - und schon prallen beide Lokomotiven aufeinander. Ich erschrecke bei dem Unfall aber gar nicht. Die Lokomotiven verkeilen sich, mehrere Waggons springen aus dem Gleis; einige Wagen platzen auf und schleudern Gegenstände und Personen hinaus - ein wüstes Durcheinander. Gerenne, Gewühle, an der Brücke nach dem Felde. Rufen, Winken. Fehlt noch Dickens’ Bahnwärtergespenst! Da ertönt eine leise, sich steigernde Musik, von Festplatz her, von den Autobahnohren her. Im Gleichtakt dazu strecken sich die Loks und die wieder angekoppelten Waggons auf einmal wieder in die Längsrichtungen der Schienen, sie stehen wieder auf den Gleisen, setzen sich ruckzuckelnd in Bewegung; sie rücken beide in langsam gleichmäßger Fahrt zurück, „hastenichhastenich-‘n noch-ne-Lok-für-mich!“. Die Waggons beider Züge bewegen sich wieder, von einander weg, bilden wieder eine gerade Linie, der zurückfahrende Zug erreicht eine Weiche und wird umdirigiert. Der Zug nach Münster fährt unter mir hinweg; es gibt keine Schäden mehr zu sehen. Teufel auch! Die haben sich nie gedötscht! Beide Züge fahren wieder langsam an und aneinander vorbei. Die Lokführer winken sich zu. Es bleibt nichts und niemand an der Unfallstelle zurück. Ich stehe wieder allein im Dunkeln und schaue zurück zur Kreuzung der Autobahnen Al und A 42. Da höre ich in meinem Rücken deftige Ballerknaller, immer stärkere, dumpfere Böller. Haben wir das schon mal gehört, im Flatterrausch? Es steigen zischend Raketen hoch, die in spritzend-funkelnden Sternchenbögen auseinanderplatzen. Viele bunte Raketen entfalten ihre Lichterschirme und ihren Farbenregen, ihre Knatterfunken.
Nicht direkt auf den Nippel! Und du: wie bist du schlapp? wo kommst du überhaupt her? keine Lust zu erzählen? Und die andere ‑? Nimm noch erst die linke Warze! Noch nicht beißen, du Kneifer! Die Lust, die andere - meine ich? Besser so? Kannst du mal selber deine Jeans aufmachen. Schlapp wie leergewichst! Katjanka! die? Die hier noch toben! Bei den Böllersmännern drüber! Warum haste dich heute so? Wirklich nix? Nur die lange Reise auf der Fähre? Ja, der stampfenden Sankt-Petersburg von Klaipeda nach Mukran! Na nehm ich immer so ein Sedakraut! - und was noch? Schon müde? Warte. ich küss' dir die Warzen. - Was? - Und du mich bitte auch. Ach, was du stinkst! Hannes-Muff! Wieder dein Rotkraut? - Bitte, noch langsamer. Sonst piekst das! Deine Hände, mein Gott, und die Fingerkuppe am Zeiger. Vom Nidaer Dünensand verrostet? Magst nimmer? Ah, doch. Jetzt wohl? Paß auf, ich erzähl dir von Katharina. Nein, der Zweiten! - Braucht nicht! - (immer leiser ich, stöhnen-sanfter:) jetzt aber Dampf, drück, fick, bitteschönsehr, knalldochmal. Oh. nein, noch nicht! Steck mir den Finger in die tiefere Scheide! Nicht nur der Mund da unten. Ruhig tiefer. Spürst du den Ringmuskel. Aber jetzt? - Was du nicht alles verlernt hast! - Und du, wie geht es dir? Was soll ich? Er gibt mir sein Plastikfeuerzeug. Richtig reinstecken. Aber richtig rum, wie? Und rühren? - die Nacht hat uns zugedeckt. War nix vom Feuerwerk zu hören. War es schon. Und unser Vorspiel hat es überspielt? Scheiß-uns-egal-wie-Samen-in-Tütchen! Jan! Hannes? Stöhn doch! lauter. Hier hört uns niemand! Nur meine Hände hören dich, Liebster. Aber bleib nie mehr so lange weg! Hörst du? - So? Ja, ich ja leck schon. Muß mich noch verrenken. Jetzt? So? Drehen? - Ja, so, tiefer? Noch?
Er, naseweiß: Du drückst es ja wieder raus! Brittaklein!
Männejan, muß so sein -? Jetzt mach - mir erst, bitte, ich leg mich auf den Rücken. Da, weißte doch, da kann ich mich entspannen, bis in die Auferstehung hinein. Mit Maria und ihren Freundinnen am Grab. Du - warte mal eben. Auferstehung - und das da! ja, das leben nach dem Tod - das gäb's ohne fetten Orgasmus gar nicht! Nein, is nicht richtig? Erklär's wir später! Is für Männer wohl noch was anderes! Können Schlachtfete darum veranstalten.- Ja, hör ja schon auf! - Jetzt, noch! Noch mal! Noch was! Hannes! Du!Ah!Ah!Ah! - - Und du, Hannes? Nein, schon fertig? Wirklich nicht? Hat schon? So ein bißchen nur geplimpert! Nicht schlimm, Herz? Gott, wo warst du nur in den letzten drei Wochen! Bitte, wir noch mal, ja? Und noch'n Finger. Aber nacheinander! Du gibst mir deinen Samen ja nicht! Tu den Lümmel bitte raus! ja, So, Lieber! Und mir kräftig auf das Schambein drücken. Hörst du eigentlich zu? Ja? Biste noch immer im mare balticum, bei die Schönen, die Niederdeutschen? Ruhig gleichmäßig, fester, und - wenn du noch ‘ne Hand hättest. Da drauf, auf den Gebärsack da drinnen, den zugeknüpften, einfach oberhalb meines Gebeins, des platten Knochens! Ja, jetzt, das, das ist gut! Und mal keine Angst vor dem Sperma zu haben. - Jaahahjamannomann-jetztjadahastdues. Jajetztomiomeinmio! Auf einmal. bin ich auf eine Brücke gegangen, die über mehrere Eisenbahngeleise hinwegführt. Ein schneller Zug nähert sich. Unter der Brücke sehe ich unter mir auf demselben Gleis einen weiteren Zug, der steht dort - und schon prallen beide Lokomotiven aufeinander. Ich erschrecke bei dem Unfall aber gar nicht. Die Lokomotiven verkeilen sich, mehrere Waggons springen aus dem Gleis; einige Wagen platzen auf und schleudern Gegenstände und Personen hinaus - ein wüstes Durcheinander. Da ertönt eine leise, sich steigernde Musik, von Festplatz her, von den Autobahnohren her. Im Gleichtakt dazu strecken sich die Loks und die wieder angekoppelten Waggons auf einmal wieder in die Längsrichtungen der Schienen, sie stehen wieder auf den Gleisen, setzen sich ruckend in Bewegung; sie rücken beide in langsam gleichmäßger Fahrt zurück. Die langen, unterschiedlichen Waggons beider Züge bilden - allmählich sich geradeziehend, langsam, vorsichtig, nicht ruckend zerreißen die Körperstränge - wieder eine gerade Linie, der zurückfahrende Zug erreicht eine Weiche und wird umdirigiert. Der andere Zug fährt unter mir hinweg; es gibt keine Schäden mehr zu sehen. Beide Züge fahren wieder langsam an und aneinander vorbei. Die Lokführer winken sich zu. Es bleibt nichts und niemand an der Unfallstelle zurück. Ich stehe wieder allein im Dunkeln und schaue zurück zur Kreuzung der Autobahnen Al und A 42. Da höre ich in meinem Rücken deftige Knaller, immer stärkere Böller. Es steigen zischend Raketen hoch, farbige, hellleuchtende, die in spritzend-funkelnden Sternenbögen auseinanderplatzen, himmelhochjauchzend fernhin! Viele bunte Raketen entfalten ihre Lichterschirme und ihren Farbenregen, ihre goldenen, ach, in allen Wunderfreudenfarben splitternden Knatterfunken. Haben wir das schon mal gehört?
Meine Tochter ist längst wieder bei mir. Sie klettert auf den Radsitz, hält sich an meiner Schulter fest; jetzt kann sie besser Ausschau halten. Da zischt über uns ein Raketenrest herunter, heiße Tropfen nähern sie sich uns. Da schreit Nora auf. „Katjanka“, was ist dir? - Nora, komm!“ Sie ist getroffen auf beiden Armen. Sie erschrickt und weint. Sie zeigt mir eine verbrannte Stelle auf dem Oberarm. Ich tröste sie ungeschickt. Ich lege ein Taschentuch, das ich mit Spucke schnell triefend naßgemacht habe, auf die Wunde. Ich will ihr helfen und schaue mich um nach einem Rotkreuzzelt. Eine Sanitäterin kommt uns entgegen. War die bei uns im Flatterzelt versteckt?
Was will die da? Was will sie von Hannes? Der war so still, jaja! Komisch, wenn ich - Jetzt läßt sie das himmelsblaue Tuch lang herabschlagen hinter sich. War das nicht Hagemanns Mareike? Die immer mit ihren tollen Ideen für Wegfahren? Die war doch mit ihm in Litauen. Und da oben. Dort?

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