Unterwegs auf nächtlichen Straßen

Aus dem Zyklus - Auf der Suche

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Unterwegs auf nächtlichen Straßen

Unterwegs auf nächtlichen Straßen

Yupag Chinasky

Dass es auch in diesem prüden Land mit seiner restriktiven Gesetzgebung, was die Annäherung von Ausländern an die Töchter des Landes betrifft, Ausnahmen gibt, merkte er an zwei Beispielen. Das eine war ein Taxi, das neben ihm hielt, als er schon ein Stück weit weg von dem Jazzlokal war. Eine junge Frau stieg aus, die so aufgedonnert, so sexy angezogen und so intensiv angemalt war, dass es völlig klar war, welchem Gewerbe sie nachging. Sie war durchaus hübsch, hatte eine aufregende Figur und er hätte sich ehrlich gefreut, wenn sie auf ihn zugekommen wäre und ihn aufgefordert hätte, mit ihr fortzugehen, wohin auch immer. Aber sie ging an ihm vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen, ging direkt auf den Eingang eines Restaurants zu, wo ein Mann sie wartete, der sie vermutlich bestellt hatte, ein alter, kleinwüchsiger, geiler Sack, dem man in den Blicken die Gier ansah, mit denen er sein Opfer auszog, zerlegte, zerfleischte. Man konnte sich gut vorstellen, wie er voller Ungeduld gleich zur Tat schreiten würde, weil Blicke allein natürlich nicht ausreichten, um seine Lust zu befriedigen. Die Schöne verschwand, mit ihrem kleinen Arsch wackelnd, an der Seite des Gnoms in dem Lokal.

Seine Vermutung, dass auch noch weitere Wege zur Befriedigung der natürlichen Triebe gefunden werden konnten, bestätigte sich am nächsten Abend, als er an einem großen Hotel vorbeikam, einem für internationale Gäste mit internationalen Ansprüchen und dementsprechenden Preisen. Er war an dem pompösen Eingangsbereich mit Säulen und Treppen und dem Portier in malerischer Uniform vorbeigegangen, war um eine Ecke gebogen und stand vor einer deutlich kleineren, aber geöffneten Tür, aus der Gekicher drang. Neugierig ging er ein paar Meter in einen dunklen Gang hinein, bis zu einer weiteren Tür, die ebenfalls halb geöffnet war und aus der Licht und die Geräusche drangen. Er konnte den Raum ganz gut einsehen, sah, wie sich dort etwa ein Dutzend junger Frauen tummelte, die kicherten und gackerten, in Spiegel oder auf ihre Handys schauten und an ihren spärlichen Kleidungsstücken herumzupften. Sie waren aufgeregt und gut gelaunt und in ganz eindeutiger Absicht an diesem Ort. Dann kam ein Mann und betrat das Zimmer. Der Lärm verstummte, er sagte etwas zu den Hühnchen und ein paar von ihnen folgten ihm zu einer anderen Tür, quer gegenüber im gleichen Flur. Auch in diesen Raum konnte er flüchtig Einblick nehmen. Ein älterer Mann saß allein auf einem Sofa und wartete auf die Vorstellungsrunde. Die Tür wurde zugemacht und es dauerte nicht lange, bis die Hühnchen wieder herauskamen und in ihren Stall gingen, aber vermutlich fehlte die eine oder andere. Während er noch unschlüssig herumstand und sich umsah, hatte sich der Hotelangestellte an ihn gewendet und ihn freundlich gefragt, ob er bestimmte Wünsche habe. Die hatte er schon, aber dann überlegte er, dass ein Aufenthalt in diesem Luxushotel und eine Stunde mit diesen Damen vermutlich sein Budget arg strapazieren würde und er lehnte dankend ab. Der Mann blieb trotzdem freundlich, machte ihm weder einen Vorwurf, noch drängte er ihn, den dunklen Flur zu verlassen, aber er ging natürlich dennoch, er hatte genug gesehen, was sollte er noch länger bleiben.

An einem anderen Abend, als er schon gar nicht mehr an die Schöne dachte, die nur an Jazz interessiert war und ihn hatte abblitzen lassen, ereignete sich dann doch noch etwas, das ihm fast das Vergnügen beschert hätte, nach dem er schon so lange suchte. Es war bereits dunkel und er hatte sein Hotel, das direkt am Ufer des großen Flusses lag, verlassen um noch ein wenig spazieren zu gehen und eine Gelegenheit zu suchen, um in Ruhe ein Bier zu trinken. Er trank ziemlich viel auf seinen Streifzügen, das musste er zugeben, aber was sollte man auch sonst tun, ohne Gesellschaft, und wenn man in Gesellschaft war, erst recht. Vor dem Lokal, in das er gehen wollte, stand mitten auf der Uferstraße wieder ein Moped, auf dem Sattel saß eine Frau und die sprach ihn tatsächlich an, als er vorbei gehen wollte. Eigentlich hätte er gar nicht stehen bleiben sollen, nach der Erfahrung mit der Mopedfahrerin war er überzeugt, dass auch sie wieder ein verkappter Mann war, aber es war ja sie, die ihn angesprochen hatte und er war ja immer noch auf der Suche nach dem Kick, außerdem wäre es auf eine Enttäuschung mehr, wirklich nicht angekommen. Er blieb also stehen, und da ihm nichts Besseres einfiel, fragte er sie, ob sie Lust auf ein Bier habe. Sie nickte, stieg von dem Moped, schob es an den Rand der Straße und schloss es, wie schon der Ladyboy sorgfältig mit einer großen Kette an einen Laternenmast. Dann gingen sie die Treppen hoch zu der Terrasse des Restaurants. Die Unterhaltung war wieder etwas mühsam, aber zumindest war er sich sicher, dass es tatsächlich eine Frau war, die ihm gegenübersaß, kein gestylter Ladyboy, kein verkappter Homo, obwohl, so ganz sicher konnte man sich hier nie sein. Sie sprach jedenfalls mit normaler Stimme und nicht in einem künstlichen Falsett und ihre Hände und Gesichtszüge waren eindeutig weiblich. Sie hatte ihre Jeansjacke aufgeknöpft und er konnte sehen, dass sie einen hübschen Busen hatte, nicht zu groß, nicht zu klein, obwohl das kein Beweis für Weiblichkeit war, Brüste ließen sich verhältnismäßig einfach simulieren, auch der Ladyboy im Stundenhotel hatte sich recht geschickt ausgestopft. Sie redeten und er erfuhr, dass sie Studentin sei, dass das Moped ihrem Bruder gehöre und am nächsten Tag repariert werden müsse, weil sie es beschädigt habe, und dass sie kein Geld für die Reparatur habe. Damit war es für ihn klar, warum sich die Schöne in der Touristengegend auf der nächtlichen Straße aufhielt, aber was sie wirklich wollte, außer ein paar Dollar abzustauben und was sie ihm bieten konnte, war ihm nicht klar. Er machte ein paar Bilder mit seinem Handy, sie war ja durchaus hübsch, und sie hatte auch nichts dagegen. Ihr war vermutlich auch klar, dass sie, um ihr Ziel zu erreichen, bei einem Fremden mehr bieten musste, als nur ein paar Bilder mit dem Handy und eine wortkarge Unterhaltung. Aber sie war anscheinend für solche Situationen nicht vorbereitet, nicht geübt, selbst die Initiative zu ergreifen, selbst aktiv zu werden und mehr zu tun, als nur einen Mann auf der Straße anzusprechen. Sie wusste einfach nicht, wie sie sich verhalten sollte, weil sie sich vielleicht noch nie in solch einer Situation befunden hatte. Vermutlich war es die blanke Not, die sie dazu trieb, sich mit einem Farang einzulassen, nur so könnte sie ihren Bruder wieder besänftigen, der ihr vielleicht genau das aufgetragen hatte, sich Geld bei einem Ausländer zu besorgen. Nachdem die Unterhaltung einfach nicht mehr weitergehen wollte, keine Themen mehr im Raum standen, die man hätte ansprechen können, nachdem das gegenseitige Interesse schon zu erlahmen drohte, fragte er sie, ob sie Geld von ihm haben wolle, für die Reparatur und sie nickte heftig und so schlug er direkt vor, in sein Hotel zu gehen, dort könne sie bekommen, was sie wollte. Sie schien nicht abgeneigt zu sein, aber vielleicht hatte sie auch gar keine Ahnung, was sie dort erwarten würde, jedenfalls willigte sie ein. Aber es kam gar nicht so weit, denn der Mann an der Rezeption, der auch für die Ordnung im Hotel zuständig war, wusste es und deswegen hatte er durchaus etwas dagegen, dass sie die Treppen hinaufsteigen durfte. Das Ansinnen einer Tochter des Landes, mit einem Fremden gemeinsam auf dessen Zimmer zu gehen, ließe sich nicht mit den Gesetzen und auch nicht mit den Regeln des Hotels vereinbaren, so ähnlich drückte er sich aus und gestatte nicht einmal, dass die Tochter des Landes die Toilette in seinem Zimmer benutzen durfte, da es in der Halle des Hotels selbst keine gab. Der Portier war gegen alle Argumente vonseiten der Frau und vonseiten des Gastes immun und selbst ein halb versteckter, halb offensichtlich gezeigter Geldschein konnte ihn nicht umstimmen. Die Frau war wütend und musste wohl auch dringend, denn sie zerrte ihn wieder hinaus auf die Straße.

Ihr Interesse an ihm, oder zumindest an seinem Geld, schien aber nach wie vor groß zu sein. Denn nun schlug sie vor, eine Runde auf dem Moped zu drehen und einen anderen Ort aufzusuchen. Wenn sie tatsächlich nur ein Bier trinken wollten, wäre ihm zwar ein Lokal in der Nähe lieber gewesen, aber er wollte ja mehr, als nur ein weiteres Bier zu trinken und sie möglicherweise auch. Den Gedanken mit ihr ins Bett zu gehen, hatte er mittlerweile aufgegeben, die Widerstände waren wohl doch zu groß, aber eine Tochter des Landes zu küssen und ein wenig an ihr herumzufummeln, wie ein pubertierender Schüler, der Gedanke reizte ihn auf einmal und ganz ohne Gegenleistung wollte er ihr das Geld auch nicht geben. Ob sie nicht zum Fluss hinab steigen sollten, schlug er vor, die Böschung war gut 10 Meter hoch, es führte eine Treppe hinab und unten war es dunkel und das Ende der Treppe war von oben so gut wie gar nicht einsehbar. Dort könnten sie sich ein Weilchen küssen und dann bekäme sie das Geld, aber der Ort war ihr wohl nicht geheuer oder zu unsicher. Das Moped könnte geklaut werden und jemand könnte ihnen von oben zuschauen, jammerte sie. Allerdings war er sicher genug, dass sie sich in einigem Abstand im Schatten der Mauer hinhockte und ihr kleines Geschäft erledigte, das sie bis jetzt unterdrückt hatte. Nein, lieber eine Runde drehen, meinte sie, als sie fertig war und ob er ihr jetzt gleich das Geld geben würde für die Reparatur des Mopeds, das verdammte Ding beherrschte sie völlig. Ob er es ihr bitte jetzt gleich geben könne, drängte sie. Er war etwas genervt, wollte aber dass sie mit dem Betteln aufhörte und so gab er ihr zumindest eine Anzahlung, einen Teil der Summe, um den sie ihn gebeten hatte, auch, um sie von seinen ernsthaften Absichten ihr zu helfen zu überzeugen, aber nicht alles, da er nach wir vor von ihren Absichten nicht überzeugt und sehr skeptisch war, wie die Nacht wohl enden würde.

Sie fuhren als Erstes zu einem Park mitten in der Stadt. Sie stellte ihr Moped ab, kettete es wieder an, obwohl weit und breit kein Mensch war, von denen in den Autos abgesehen, die auf den breiten Straßen zu beiden Seiten des Parks vorbeifuhren. Im Park selbst war auch alles ruhig, und wenn man die Außenbereiche verließ, war es auch sehr dunkel, nur ab und zu streifte das Licht eines Scheinwerfers die Bank, auf die sie sich gesetzt hatten. Nein, auch hier sei man nicht sicher, lamentierte die junge Frau und weiter, sie könne es sich nicht erlauben, von der Polizei erwischt zu werden, dann würde ihr eine hohe Strafe drohen, das könne er als Ausländer nicht verstehen, aber es sei so. Er verstand ihre Angst durchaus, aber auch von Polizei war weit und breit nichts zu sehen und es war wirklich niemand da, der sie hätte anzeigen können. Er verstand zwar, dass sie Angst hatte, konnte aber ihr Verhalten nicht nachvollziehen, schließlich brauchte sie dringend Geld und ein paar Küsse auf einer dunklen Parkbank würden ja nicht gleich den Weltuntergang bedeuten. Aber gut, sie wollte nicht, was sollte er tun, er gab nach, sie gingen wieder zum Moped fuhren weiter. Er war, wie schon einmal, ein schwankender Sack auf dem Rücksitz, der sich in jeder Kurve falsch verhielt und mit seinem ständigen Herumgewackel die Fahrerin, die ohnehin nicht viel Übung oder Sicherheit zu haben schien, ständig irritierte. Sie war auch nicht so kompakt, wie der Ladyboy und wollte im Gegensatz zu dem auch nicht, dass er sich an ihr festhielt, sie wies ihn sehr deutlich auf den Griff am Ende der Sitzbank hin. Hinzu kam, dass sie vermutlich keine Ahnung hatte, was ihr Ziel sein sollte, sie meinte, allein das Herumfahren sei wohl ausreichend um ihren Vorschuss abzuarbeiten. Als sie einmal fast auf ein abbiegendes Auto auffuhr und deswegen mitten auf einer befahrenen Kreuzung stehen blieb, bestand er darauf, dass sie zurück zum Flussufer, wenigstens in die Nähe seines Hotel fuhren, damit er zur Not auch zu Fuß zurück gelangen konnte. Auf der Mauer der Uferböschung, gegenüber von seinem Hotel, dort wo er mit ihr zum Fluss hinab steigen wollte, ging dann das Geschachere los. Sie wollte das restliche Geld. Für was denn, fragte er sie, für welche Leistung, was habe sie denn geboten? Sie schien ihn nicht zu verstehen. Sie habe mit ihm eine Fahrt durch die Stadt gemacht, Benzin verbraucht, ihr kostbare Zeit geopfert. Er argumentierte, dass er das gar nicht gewollt hatte und dass er das, was er gewollt hatte, überhaupt nicht bekommen hatte, nicht einmal einen kleinen Kuss und er setzte noch eins drauf und forderte, dass sie ihm deswegen die Anzahlung wieder zurückgeben müsse. Das war natürlich gemein, denn das würde sie nie machen, schließlich brauchte sie dringend am nächsten Morgen für ihre Verhältnisse viel Geld, das sie immer noch nicht zusammenhatte, und nur deswegen hatte sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen. Sie wurde wütend, fing an zu keifen und zu giften, zum Glück verstand er kein Wort von dem, was sie ihm an den Kopf warf. So ging es eine ganze Weile, schließlich einigten sie sich darauf, dass sie ihm die Hälfte der Anzahlung zurück gab und er alle Bilder von ihr auf seinem Handy löschen sollte. Widerwillig rückte sie ein paar der Scheine heraus, ließ sie aber erst los, als die Bilder tatsächlich gelöscht waren. Dann setzte sie sich sehr wütend und weiter schimpfend auf ihr Moped und verschwand in der Nacht, während er nun tatsächlich noch ein Bier trinken konnte, bevor auch die letzte Kneipe schloss.

Der nächste Teil des Zyklus - Eine Erfahrung - wird in den kommenden Tagen veröffentlicht.

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