“Jetzt bist Du offen für die Welt”, hatte Valerias Vater am nächsten Morgen zufrieden gegrunzt, und sie als Aushilfe in die verlassene Bergregion geschickt, in der diese Erzählung spielt. Valeria war allerdings alles andere als ein naives Dummchen. Sie war lediglich streng erzogen worden, und ihr Vater hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er sich eher einen Sohn gewünscht hätte. Valeria blickte auf ein arbeitsames Leben zurück, und sie konnte sich an kaum einen Tag erinnern, an dem sie nicht Böden geschrubbt, Kühe gefüttert oder Steine von den väterlichen Aeckern gelesen hätte.
Valeria war auffallend hübsch. Zu hübsch für die Arbeit auf dem Hof, fand auch ihre Mutter, und sie war förmlich genötigt worden, das elterliche Heim mit 18 Jahren zu verlassen. Majewski, der Pächter, behandelte Valeria mit Respekt. Er war zwar nicht in der Lage, ihr das Existenzminimum zu garantieren, verköstigte sie aber umsonst und lieh ihr seinen Toyota für Stippvisiten in Interlaken. “Sollst Deinen Spass haben”, sagte er in seinem breiten Dialekt, und erhoffte sich, dass Valeria im bekannten Touristenort rasch einmal an Männer geraten würde, die sich nach allen Regeln der Kunst ihre “Violine” vornahmen und ihre Bögen auf ihr auf und ab springen liessen. So sollte Valeria zur Lebefrau werden und Gäste ins Bergrestaurant bringen. Stammgäste.
Tatsächlich lernte Valeria in Interlaken diesen Japaner kennen. Sie sass allein in einem Kaffee und hatte vor sich eine Latte Macchiato stehen. Caramel Shot. Hiruhito setzte sich zu ihr – die andern Tische waren besetzt. “You know, girl”, sagte er, ohne sich vorzustellen, “I got something for you”. Mit kaltem, hintergründigem Lächeln zog er eine schwarze Aktentasche hervor und entnahm ihr einen Bergkristall. Er schob ihn Valeria übers runde Tischchen zu. Reflexartig griff Valeria nach dem glänzenden Prachtsstück und stellte fest, dass der Kristall in eine Metallhülse eingefasst war. Die Hülse mündete in eine Art konisch geformten Stöpsel. “Have fun”, sagte der Japaner hintergründig, stand auf und verliess das Lokal. Schulterzuckend liess Valeria das Schmuckstück in ihre Tasche gleiten, bezahlte die Latte und ging. Was sie nicht wusste: Majewski, der Pächter, und Hiruhito, der Japaner, kannten sich.
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