Aber eines Tages ist er doch über seinen Schatten gesprungen und hat das getan, was ein Mann tut, wenn er hierherkommt. Er war in eine Gasse gelangt, in die sich kaum jemand verirrte und in der es nur ein einziges, schwach erleuchtetes Fenster gab. Er war in sicherer Entfernung vorbei gegangen und hatte in dem gelben Licht einer Stehlampe nur ein paar lange, schlanke Beine in schwarzen Leggins und roten Pumps gesehen. Der Rest des Körpers der Frau auf einem Hocker, befand sich im Schatten und war von seinem Standpunkt aus nicht zu erkennen. Die Frau saß ganz ruhig da und sandte keine Signale aus, die einen Mann kirre machen und in das Zimmer locken sollten. Genau diese ungewöhnliche, fast demonstrative Zurückhaltung faszinierte ihn und so beschloss er, endlich doch einmal einen Besuch zu wagen, endlich doch einmal seinen geheimen Wünschen nachzugeben. Er überquerte die Straße und stellte sich vor das Fenster, doch nichts geschah. Er meinte schon, die Frau hätte ihn nicht bemerkt, doch dann beugte sie sich schließlich etwas vor und öffnete das Fenster einen Spaltbreit. Sie schien fast unwillig über die Störung zu sein, als sie sagte, sie würde eigentlich nur Stammkundschaft empfangen und ihn hätte sie noch nie gesehen. Aber heute sei nichts los und sie erwarte auch niemanden mehr und er könne hereinkommen.
Dann erhob sie sich, schloss das Fenster, zog die Vorhänge vor, um anzuzeigen, dass das Etablissement besetzt war, und öffnete die Tür. Sie begrüßte ihn freundlich und führte ihn in ihren Arbeitsraum, ein schummeriges Zimmer mit einem großen Bett. Sie war sehr schlank, aber trotz der langen Beine deutlich kleiner als er. Wie sie da stand, eine selbstbewusste Autorität ausstrahlend, hätte man sie nicht für eine Nutte gehalten. Sie sah durchaus seriös aus, wie eine Geschäftsfrau, die in einem unkonventionellen, vielleicht in einem künstlerischen Bereich tätig war.
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