Vertikal

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Karla Wenning

„Wohin ich auch gehe, ich gehe allein und bin es nicht. Über Kältebänke steige ich nach oben zu meiner Insel und schon falle ich in meinen Blutkreislauf, der mich pumpend in den Teil des Hirns transportiert, wo die Erinnerung sitzt und auf mich wartet. Ich schwappe ihr zu Füßen, mein Herz läuft über und ich löse mich auf in Sehnsucht. An ihn zu denken geschieht ohne mein Wollen. Um es ungeschehen zu machen, müsste man mir den Schädel aufschlagen, gegen die nächste Betonwand knallen, damit er aufbräche wie eine Nuss und hineintreten in den Brei aus splitternder Vergangenheit. Ich wünschte, man nähme mir das Herz bei lebendigem Leib heraus und legte anstelle des Muskels einen Kiesel hinein. Eine Hand, die drüberstreicht, bis Haut sich unversehrt über Wunden schließt. Tiefgefroren und weit weg von allem, was noch lebendig glüht, würde ich vielleicht Ruhe finden. Wann werde ich ihn jemals vergessen– ihn? Aber er geschieht einfach und sein Rücken wirft lange Schatten. Den Kopf an seine Schulter legen möchte ich, die warme Stimme schlürfen, bis sie flüsternd im schwülen Sumpf meines schwellenden Geschlechts verklingt. In seine Eingeweide greifen und mich in brodelndem Blut suhlen, bis es keine Richtungen mehr gibt. Das Echo ausgehauchter Grausamkeiten bohrt tief in meine Haut und frisst sich schmatzend durch zur Seele. Der zärtlichen Worte Abwesenheit dröhnt in meinen Ohren, die Hände suchen zwischen den Beinen nach der einen Wunde, die sich niemals schließt. Er fehlt mir. Doch Bruno sieht nicht mehr die Worte hinter den Worten. Er ist auch nicht mehr zwischen den Zeilen und über den Sätzen. Bruno ist tot. Wir liebten und hassten einander. Wir durchschauten uns. Ich biege die Gerade nach unten. Beide Pole liegen dicht beieinander. Sie berühren sich, sie stoßen sich ab. Die Reibung erzeugt Wärme, die sofort erkaltet, trennt man sie voneinander. Wie würden Sie eigentlich Menschlichkeit definieren?“ Dipl. Psych. Gerold starrte auf den hohen, kastanienbraunen Scheitelansatz seiner Patientin. Frau König hatte heute die zweite Sitzung bei ihm und seit einer Woche dachte er ununterbrochen daran, sie zu vögeln. Er konnte nicht aufhören damit und malträtierte seine erogenen Zonen in jeder freien Minute. Ob er das dem Supervisor beichten sollte? Dass er einen Ständer bekam, wenn Frau König mit dieser eigentümlichen Intonation zu erzählen begann und ihre dunkle Stimme Urängste und Sehnsüchte in ihm weckte, dass er sich am liebsten winzigklein gemacht und schnurrend an die Brust seiner bezaubernden Patientin geschmiegt hätte? Und dass er kurz darauf in Lust ertrank, sie zu umarmen, sie sich völlig einzuverleiben? Von ihr genommen zu werden? Sie auszustopfen, während ihre Fingernägel in seinen kreisenden Hintern und sein entzündetes Hirn bohrten? Den Gedanken, ihre sicherlich dunkelgelockte, glitschige Muschi mit steiler Zunge zu beackern, konnte er nicht einmal ansatzweise streifen ohne auch schon keuchend seine Sackladung in die Unterhose zu leeren. Frau König hatte glänzendes, schulterlanges Haar und ein klassisches Profil. Sie trug schmale Röcke und enganliegende Oberteile. Sie roch gut. Ihr Duft hatte sich in Gerolds Regio olfactoria eingenistet. Wenn er von ihrem Mund auf die Möse schließen durfte, musste diese schwungvoll gezeichnet und volllippig sein. Dem von ihr beantworteten Fragebogen konnte er entnehmen, dass sie noch keine Schwangerschaft durchlebt hatte, was ihn als potentiellen Erzeuger ungemein beruhigte.
„Ich komme wegen der Seele“, hatte sie ihm beim ersten Treffen gesagt und seine Hand gedrückt. „Helfen Sie mir. Die Liebe bringt mich um den Verstand!“ „Wie pathetisch“, war es ihm noch durch den Kopf gegangen. Doch kaum hatte er in ihre großen, dunklen Augen gesehen und den fiebrigen Händedruck erwidert, verspürte er eigentümliche Beklemmung und klopfendes Unwohlsein. So wie damals als Junge, als er – die untersetzte Brillenschlange – von Fräulein Brunner an die Tafel gerufen wurde, um das Diktat für die Klasse 3b mitzuschreiben. Seine heimliche, nicht auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe Gisela aus der ersten Reihe hatte dabei eine geschlagene halbe Stunde seinen unsportlichen Hintern vor Augen gehabt, was ihm während der 1800 Sekunden, die er mit quietschender Kreide an die Tafel krakelte, stechend ins Bewusstsein gedrungen war. Jetzt, mit 43 und nach Jahren der Urschreitherapie, Körperseminaren und Gruppenworkshops, fühlte er sich noch immer wie ein ausgewrungener Waschlappen, der sich verzweifelt einredete, begehrenswert zu sein. Was das Weib wollte, würde er, Dipl. Psych. Gerold, niemals wissen.
„Menschlichkeit? War das nicht irgendwas mit auf Empfindsamkeit beruhender Wiedererkennung des Menschen durch den Menschen?“
Frau König richtete sich verblüfft auf und sah Gerold strahlend ins Gesicht.
„Und das Bedürfnis, die Schmerzen des Anderen zu lindern?“ Er lächelte. Empathie, Prof. Dr. Hünle, zweites Semester. Sie fuhr fort:
„Kennen gelernt haben wir uns vor über einem Jahr im Archiv für Mediävistik. Bruno arbeitete dort als Archivleiter und ich schrieb über die metaphysische Gerechtigkeit im Hochmittelalter. Über den Zustand und das Leben der Seelen nach dem Tod in der Hölle, dem Fegefeuer und dem Paradies. Sie wissen ja, Gerechtigkeit auf Erden gibt es nicht. Erst im Jenseits wartet sie auf den Menschen, dann, wenn die an der Grausamkeit dieser Welt Schuldigen in ewiger Pein ihre irdischen Sünden zu bereuen haben. Was meinen Sie, gibt es eine dem Menschen angeborene Moral? Manchmal kommt mir der Homo sapiens als mutierende Oberfläche vor, unter der die Schwelbrände seiner Triebe glimmen. Ein Windstoß genügt und schon sind sie entfacht. Hinter den Fassaden werden Kämpfe ausgetragen, von denen wir nicht das Geringste wissen. Wir ahnen nur und schaudern zuweilen. Sie sehen mich hier auf diesem Sessel sitzen, ich spreche meine Gedanken aus. Aber ist nicht ein Gedanke so gut oder schlecht wie der andere? Wer weiß schon, wie es wirklich in mir aussieht? Wissen Sie es? Weiß ich es? Wage ich, wissen zu wollen? Haben Sie niemals den Eindruck, Sie verwänden die Hälfte Ihrer Energie nur darauf, Ihren tiefsten Gelüsten nicht nachzugeben? Was aber passiert, wenn ein einziges Prozent der ausgleichenden Energie verloren geht? Wenn geheime Wahrheit durch den Sehnerv schlängelt und sich ihren Weg durch die Iris bahnt?
Wissen Sie, als ich Bruno zum ersten Mal sah, war es um alles Unterdrückte in mir geschehen. Er stand auf einem Taburett und ordnete gebundene Jahreshefte, deren genauen Titel ich nicht erkannte. Er sah nach unten und ich nach oben, als unsere Blicke sich trafen. Da war schon alles besiegelt. Er stieg von dem Schemel und es stellte sich heraus, dass er ein wenig kleiner war als ich. Grosse Frauen sollen ja angeblich stolz und hochmütig sein. Vielleicht. Jedenfalls habe ich mich noch nie vor einem Mann gefürchtet. Bis auf diesen Tag. Brunos Blick flackerte und brannte sich in mein Rückrad, dass ich einzuknicken drohte. Etwas Undefinierbares umgab ihn. Ich hatte den Eindruck, mich nach außen zu stülpen und begann zu zittern. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keine Verfechterin von Machtspielen und bizarren Sexpraktiken, bei denen sich Freizeit-Meister an ihre unterwürfigen Sklavinnen klammern, um ein wenig Macht über die Frau zu spüren– oder umgekehrt. Ich verachte diese Anmaßung, den anderen an seine Grenzen heranführen zu wollen, sie gar zu überschreiten. Dieses Gottgehabe. Diese Perversionen, die nichts weiter entlarven denn die Kleinheit ihrer unmündigen Anhänger. Nein, wovon ich spreche ist das ‚Sich-Erkennen’. Bruno sah in meine Augen und ich in seine und wir wussten uns. Binnen eines Augenblicks waren wir uns bewusst. Können Sie das nachvollziehen?“
Dipl. Psych. Gerold nickte.
„Ich hatte diesen Menschen noch nie gesehen und doch war mir sofort klar, dass ‚er’ es war. Ihm ging es übrigens genauso. Wir sprachen kein Wort miteinander, sondern bewegten uns sofort aufeinander zu. Als wir uns ganz nah waren – unsere Nasen berührten sich beinah – begann Bruno leise zu wimmern. Er wimmerte wie jemand, der sich dem Schmerz ergibt. Etwas unvorstellbar Leidvolles war darin. Zu dieser Tageszeit – es war spät nachmittags – hielten sich keine Leute mehr im Souterrain des Archivs auf. Das graue Novemberlicht fiel durch die schmalen Fenster und die Leselampen erhellten kaum das erste Viertel der Bücherkorridore. Brunos Wimmern wurde lauter und ging in ein Knurren über. Die Augen hielt er geschlossen. Bruno knurrte und seine Nase schnüffelte leicht an meiner Wange entlang bis zum Hals. Ich ließ es geschehen und erschauderte. Dann biss er zu. Und da passierte etwas Sonderbares. In meinem Becken begann es zu brodeln. Ich glaube, was den Männern die Lenden sind, das ist den Frauen das Becken. Die Lust strömt zu beiden Seiten v-förmig hinab zum Venushügel und füllt den Unterleib aus, als schiene die Sonne hinein. Es war aber nicht die übliche Geilheit, die einen manchmal mitten im Alltag überrascht, befällt. In meinem Unterleib zog es, als würde ich von der Erde angesaugt und verschlungen. Ich spürte, wie sich eine Blase in mir bildete, die sich kurz darauf explosionsartig in meinen Slip ergoss. Ich stöhnte und fühlte mich so schwach, so erschöpft, dass ich zu weinen begann. Brunos Gesicht lag noch immer an meinem Hals. Wir lehnten aneinander. Ich hatte meine Nase in seinem Haar, an seiner Kopfhaut, dort, wo der Mensch nach Mensch riecht, und berauschte mich an seinem ureigensten Wesen. Seine Fingerspitzen ertasteten meine Hand. Er zog mich auf den Boden. Als er meinen Rock gehoben hatte und seine tropfende Eichel, den pulsierenden, zuckenden Schwanz Zentimeter für Zentimeter in mich schob, krallten sich meine Finger in seinen Rücken. Erst nachher bemerkte ich, dass ich Blut unter den Nägeln hatte. Wir sagten nichts, nur unser Atem ging keuchend am Ohr des anderen. Dieser Liebesakt war ein Heimkommen und wie das Pflügen eines Bauern, der an das Keimen der Saat denkt, die in diesem glänzenden, fetten, von ihm bearbeiteten Grund aufgehen und gedeihen wird. Bruno war die Schar und ich die dampfende Erde, die er aufwühlte. Er schabte und kratzte an meinen Innenwänden entlang, als wollte er mich mit all seinen Fasern in sich aufnehmen. Die Einzelheiten möchte ich Ihnen ersparen. Nur so viel. Weder vorher noch nachher war ich mit einem Mann zu einer so völlig bedingungslosen Einheit verschmolzen, wie an diesem Nachmittag. Und dennoch, oder vielleicht gerade deshalb…Ach. Worte.“, Frau König stützte das Kinn auf den Handrücken und verstummte.
Gerold schluckte. Er hatte den Notizblock zur Seite gelegt und ließ das Gehörte auf sich einwirken. Er versuchte, sich zu konzentrieren und eine Gesprächsmethode vorzubereiten, von der er annahm, sie sei die richtige für sein Gegenüber. Die Stunde war beinah beendet, wie er mit Bedauern feststellte. In Gerolds Hinterstübchen schlich sich die leise Idee, Frau König heute Abend ja eigentlich zum Essen ausführen zu können. Er kannte einen guten Inder am Rotkreuzplatz. Aber vielleicht würde sie italienische Küche bevorzugen? Er könnte sie natürlich auch gleich zu sich nach Hause einladen. Sein Moussaka war stadtbekannt. Vor seinem geistigen Auge bog sich die festlich gedeckte Tafel unter gehäuften Trauben, kristallenen Karaffen, in denen schwerer Burgunder blutrot im Schein der Kerzenleuchter funkelte, Schuberts Forelle plätscherte Leichtigkeit verbreitend im Hintergrund und ihm gegenüber saß eine tief dekolletierte Frau König, das Haar gelöst, die sinnlichen Lippen zu einem frivolen Lächeln geschürzt, der Glanz von ihrer feuchten Zunge gespeist. Gib’ mir deinen Mund! Ich will mich an dir laben. Dass sie ihm einen unter’m Tisch blasen würde, wagte er zu bezweifeln. Aber vielleicht dürfte er, Friedolin Gerold „Und ich bin der Friedolin!“ – mein Gott, wie er diesen Namen hasste – sich auf allen Vieren zum Delta ihrer Fraulichkeit vorwagen? Er kroch und roch ihre Scham bis in die letzten Zellen seiner Vorstellung. Bella! Bella! Ich fick’ Dich mit der Zunge und schlürfe Deinen geilen Mösensaft! Ich trinke dich, ich saufe dich, ich sauge dich bis auf den letzten Tropfen aus, bis zum Knochen nage ich dein zartes Fleisch, du geiles Stück, oh lass’ es laufen! Und jetzt mach’ die Beine noch weiter auf, ja, so ist’s schön, denn jetzt muss’ ich in dich rein! Sieh’ her, hier ist mein Schwanz, der für dich hingegeben, und hier mein Sperma, das für dich vergossen wurde! Oh ja, spürst du ihn, meinen Knüppel? Ist er groß genug? Sag’? Spürst du ihn? Spürst du mich? Bin ich groß genug? Sag’?!
„Nun, ich finde, das klingt doch alles recht positiv, liebe Frau König! Sie haben einen Mann getroffen, zu dem Sie sich besonders hingezogen fühlen, was auf Reziprozität beruht.“
„Präteritum.“
„Beruhte. Was ist eigentlich aus Bruno geworden? Frau König, Sie machen auf mich den Eindruck einer durchaus überlegten Person. Als Sie vor einer Woche das erste Mal zu mir kamen, hatten Sie von einer Sie um den Verstand bringenden Liebe gesprochen. Mich würde nun interessieren, was Sie konkret damit meinten. Hören Sie Stimmen? Haben Sie Erscheinungen? Angstzustände?“
„Nichts von alldem. Ich bin ohne Furcht und sehe und höre nichts, was zu Beunruhigungen Anlass gäbe. Allerdings frage ich mich in diesem Moment, was um Himmels willen ich bei Ihnen suche. Es ist unmöglich, von etwas zu sprechen, das sich nicht in Worte fassen lässt.“
Dipl. Psych. Gerold rutschte das Herz in die Hose. Sein Pimmel schrumpfte. Die Festtafel verwandelte sich in einen Klapptisch. Leichte Panik machte sich im Brustkorb breit.
„Frau König. Das ist ganz normal! Die Kommunikation des Menschen scheitert an den Worten. Worte begrenzen. Die Sprache hingegen kennt viele Formen. Sehen Sie hier. Ich habe Farbstifte und DINA3-Blätter. Möchten Sie sich vielleicht visuell ausdrücken?“
Gerold war fest entschlossen, Frau König von der Wichtigkeit eines Fortfahrens der Gesprächsstunden mit ihm zu überzeugen. Er würde sein psychologisches Einfühlungsvermögen spielen lassen, wie so oft.
„Seien Sie mir nicht böse, Herr Gerold, ich habe mich entschieden. Sie können mir wirklich nicht weiterhelfen. Ich möchte jetzt lieber gehen.“
Frau König erhob sich von dem dunkelbraunen Ledersessel und griff nach ihrer taillierten Jacke, die sie beim Hereinkommen über die Couchlehne gelegt hatte. Vor Dipl. Psych. Gerolds Augen rieselten rotschwarze Pünktchen. Er war gerade dabei, einen seiner ungewöhnlichsten Fälle zu verlieren. Hatte er ihre Privatnummer?
„Frau König, sind Sie denn der Meinung, diese Entscheidung alleine fällen zu können? Freilich werde ich Sie zu nichts zwingen. Sie sind ein freier Mensch!“, Gerold errötete ertappt.
„Freiheit ist relativ, aber ich weiß und bin mir sicher, dass Hilfe – wenn es sie denn gibt – anderswo zu finden ist. Vielen Dank trotzdem.“ Frau König reichte ihm die Hand. Gerolds Mund fühlte sich an, als hätte er einen Zentner Sägemehl gefressen. Beim Rausgehen überflog Frau König die Buntstifte und weißen Blätter auf dem Eingangstisch. Sie blieb stehen und griff nach der Farbe Rot. Mit ein paar schwungvollen Strichen zeichnete sie etwas auf das Papier.
Als ihre Schritte im Treppenhaus verklungen waren, trat Dipl. Psych. Gerold näher und nahm das Blatt in die Hand. Er sah auf eine abstrakte Figur, die zentral angelegt war. Er kniff die Augen zusammen und rückte die Brille zurecht. Kein Zweifel. Das war der Torso eines Mannes. Der Hals war überdimensional geraten und zu beiden Seiten mit symmetrischen Halbkreisen verziert. Ihre Bäuche berührten sich in der Mitte.

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