Nach dem Abi ließen sich ihre Eltern scheiden. Leonie blieb bei ihrer Mutter im Haus, während ihr Vater in eine Mietswohnung zog. Sie war froh, dass es keinen Rosenkrieg gab und ihre Eltern respektvoll miteinander umgingen. Leonie war das einzige Kind, wurde von beiden Elternteilen sehr verwöhnt. Naturgemäß nach der Scheidung noch mehr als vorher. Vor fünf Jahren zog Leonie bei ihrer Mutter aus, da sie das Studienfach wechseln wollte. Sie musste in eine andere Stadt ziehen, da die hiesige Uni ihren favorisierten Studiengang nicht im Angebot hatte. Ihre Mutter weinte, als sie ihre Koffer in den Kleinwagen lud. Leonie fand es schrecklich dramatisch, wie in einem kitschigen Film. Nun besuchte sie Mama mal wieder in den Semesterferien. Es war Sommer, Anfang Juni und heiß. Sie war ein Sommermensch, hasste die kalten Winter, die hier bis weit in den April dauerten.
Trotzdem liebte sie diese Gegend, die ihr so vertraut war. Das Häuschen ihrer Ma lag im Grünen, abseits des Neubaugebiets mit seinen immer gleichen Mehrfamilienhäusern. Der Garten grenzte an eine große Obstwiese, die einem Bauern gehörte. Leonie tobte dort oft herum, spielte mit den anderen Kindern. Marco war stets mit von der Partie, gehörte zu ihren besten Freunden. Er war der jüngste Sohn des Bauern, knapp ein Jahr älter als Leonie. Sie erinnerte sich an die leckeren Herzkirschen auf der Obstwiese, und wie sie diese heimlich gepflückt hatten. Marcos Dad durfte nichts davon wissen, da es sein Vater ausdrücklich verboten hatte. Kirschen umsonst? Nicht bei ihm!
In diesem Punkt war der Alte sehr geizig, wie ihr Marco entschuldigend erklärte. Sollte er die Kinder beim Kirschen klauen erwischen, würde er ihnen gleich die Ohren langziehen. Die Drohung wirkte.
Sie müssen sich anmelden, um Kommentare hinzuzufügen.